rob1958's Webseite

 

 

DOPINGPRAKTIKEN

(von Rainer Fleckl & Erich Vogl)

Teil 1: Kronzeuge Bernhard Kohl klagt anBernhard Kohl

 Bernhard Kohl, geboren am 4. Jänner 1982 in Wien, holte 2004 den Gesamtsieg bei der Tour de Pyrenees und wechselte ins Profilager. Er fuhr für die Topteams Rabobank (2003-'04), T-Mobile (2005-'06) und für Gerolsteiner (2007-'08). 2006 lag Kohl bei der Vuelta als T-Mobile-Kapitän auf Platz acht, als er nach einem schweren Sturz aufgeben mußte.

Bei der Tour de France 2008 gewann der Wolkersdorfer das Bergtrikot und wurde Gesamtdritter. Im Oktober '08 wurde bekannt, dass Kohl bei Nachtests des CERA-Dopings überführt worden war. Er wurde für zwei Jahre gesperrt.

Bernhard Kohl tätigte umfassende Geständnisse und hatte großen Anteil an der Aufklärungsarbeit der SOKO Doping.

 

 Juli 2009, Wien, siebenter Bezirk, in einem Büro hinter dem Volkstheater.

Bernhard Kohl bekommt hohen Besuch. Aus Frankreich. Drei Ermittler der AFDL, der Nationalen Antidoping-Agentur aus Paris, sind angereist, um den Österreicher zu interviewen. Eine Dolmetscherin ist auch dabei. Der ehemalige Radprofi aus Wolkersdorf, Dritter der Tour de France 2008, ist seit seiner umfassenden Offenbarung zum Thema Doping ein gefragter Mann. Weil er bis heute der Einzige ist, der vollständig ausgepackt hat.

Die Herren aus Frankreich sind hartnäckig. Sie wollen die jüngste Vergangenheit nicht ruhen lassen. Das im Sport unerlaubte Hormon Cera bereitet den Fahndern Kopfzerbrechen. Cera soll bei der Tour de France 2008 der große Renner gewesen sein.

Cera. Jenes Mittel also, das Bernhard Kohl zum Verhängnis wurde. Der Österreicher und sein Gerolsteiner-Kollege Stefan Schumacher flogen bei Nachkontrollen auf, davor schon die Italiener Riccardo Ricco und Leonardo Piepoli. Doch könnten diese vier Sportler nur Bauernopfer gewesen sein. Möglicherweise geopfert für den Fortbestand eines betrügerischen Kollektivs.

Nach der offiziellen Befragung ist Bernhard Kohl mit einem Ermittler und der Dolmetscherin alleine im Raum. Mit Pierre Verdy, dem Kontrolldirektor der französischen Anti-Doping-Behörde. Monsieur Verdy legt Bernhard Kohl eine Startliste der Tour de France 2008 vor. Rund 40 Fahrer sind auf diesem Dokument mit Kreuzen markiert. Die markierten Fahrer stehen laut dem französischen Fahnder alle unter Doping-Verdacht. Knapp vierzig Namen. Sollte sich das bewahrheiten, droht dem Radsport der Supergau. Dann würde ein Lügengebäude nicht mehr nur in seinen Grundfesten erschüttert – dann würde es endgültig in sich zusammenbrechen.

Kohl: "Als ich diese Liste gesehen habe, war ich außer mir"

Kohl im KURIER-Interview: "Als ich diese Liste gesehen habe, war ich außer mir"

Unter Verdacht

 

 

 

"Als ich diese Liste gesehen habe, war ich außer mir", sagt Bernhard Kohl. "Weil ich mich seither immer wieder frage, ob die wenigen Geständigen als Sündenböcke herhalten mussten." Kontrolldirektor Jean-Pierre Verdy bestätigt dem KURIER am Freitag das geheime Treffen mit Bernhard Kohl: "Ja, ich habe ihm diese Liste gezeigt." Jean-Pierre Verdy will Gewissheit. Derzeit werden Nachkontrollen der Tour-Proben 2008 durchgeführt. Es besteht der Verdacht, dass es systematisches Doping mit CERA gegeben haben könnte. Von Blutdoping, das noch immer nicht nachweisbar ist, und anderen verbotenen Aktivitäten ist da noch gar nicht die Rede.

"Vor dem Start der heurigen Tour in Monaco haben wir einmal rund fünfzehn Fahrer informiert, dass ihre Proben von 2008 nachträglich analysiert werden", erklärt Pierre Bordy, der Chef der französischen Anti-Doping-Agentur. "In ein bis zwei Wochen werden wir Resultate mitteilen können", ergänzt der Kontrolldirektor Verdy auf KURIER-Anfrage.

Dem Radsport droht Ungemach, wie er es noch nie erlebt hat. Sollten sich die Vermutungen in Fakten verwandeln, dann wäre der Sport wohl für lange Zeit von jeglicher Glaubwürdigkeit befreit. Definitiv. Dann wäre erwiesen, daß die großen Erfolge im Profiradrennsport ohne Doping nicht zu erzielen waren. Punkt. Warum erst jetzt? Warum mehr als ein Jahr später? Warum wurde nicht schon im Herbst 2008 lückenlos aufgeklärt?

Mit Verspätung

Der Hintergrund ist leicht erklärt: Das wissenschaftliche Verfahren, mit dem die Einnahme von Cera nachgewiesen werden kann, war während der Tour 2008 von der Welt-Anti-Doping-Agentur noch nicht offiziell freigegeben.

Die Proben, die die französische Anti-Doping-Agentur vor Ort genommen hatte, wurden vorerst an den Rad-Weltverband (UCI) geschickt. Der Weltverband sollte das entnommene Blut mit den Blutpässen der Spitzenfahrer vergleichen. Als die Franzosen die Proben wieder einforderten, erhielten sie interessanterweise nur zwei Stück zurück: Jene von Bernhard Kohl und Stefan Schumacher. Alle anderen wurden offenbar erst viel später geliefert. Nun wird es ernst.

Die Wissenschaftler haben mittlerweile die Blutproben und grünes Licht erhalten. Laut KURIER-Recherchen stehen damit hinter ganzen Top-Teams große Fragezeichen. Zudem sollen sich unter den als auffällig gekennzeichneten Fahrern Kapazunder wie Weltmeister Fabio Cancellara, die Luxemburger Kim Kirchen und Frank Schleck, der Slowene Tadej Valjavec sowie der Australier Stuart O'Grady befunden haben. Pikantes Detail am Rande: Fabio Cancellara hatte nach dem Kohl-Geständnis besonders laut gegen den Österreicher gewettert. Bis auf Bernhard Kohl bestreiten freilich alle diese Topfahrer, gedopt zu haben.

Schon während der Tour 2008 hielten sich hartnäckige Gerüchte, das neue Wundermittel Cera sei unter einer großen Anzahl von Spitzenradlern der große Renner. "Bei den meisten Topfahrern war es für mich vorstellbar, dass sie Cera genommen hatten. Schließlich wähnte man sich in der Gewissheit, dass es nicht nachgewiesen werden konnte", erzählt Bergkönig Kohl. Er erinnert sich an das turbulente Jahr 2008.

Tour-Cocktail

Ab Mitte Mai, sagt Bernhard Kohl, war die spezielle Tour-de-France-Präparation angesagt. "Ausgangsbasis war die Arbeit mit Cera. Hinzu kamen Wachstumshormone, Insulin, Cortison, Testosteron und Schilddrüsenhormone." Eine gefährliche, aber auch eine erfolgversprechende Mischung. Angst vor Spätfolgen keimten beim 26-jährigen Profi zwar immer wieder auf, jedoch versuchte er, für seinen Lebenstraum diese Gedanken zu verdrängen.

Zum Abrunden des Menüs wurden Blutbeutel gereicht. Das gute, alte Blutdoping. "Die Blutbeutel waren Standard bei der Tour", sagt Kohl, der auch zugab, bei der Blutbank "Humanplasma" zwecks Doping Blut gelagert zu haben.

Dann kam die Tour. Bernhard Kohl ortete eine seltsame Stimmung unter den Stars. Täglich gab es Kontrollen. "Viele waren angespannt. Da hat man gemerkt, es könnte vielleicht eng werden. Ich wusste, da hatten viele etwas gemacht. Das war ganz logisch. Die Stimmung wurde noch trister, als Riccardo Ricco plötzlich als positiv auf Cera galt. Die Angst ging um."

Trugschluß

Drei Tage später, als kein neuer positiver Fall mehr bekannt wurde, dachten die anderen Fahrer, das Schlimmste sei vorbei. "Wir redeten uns ein, es wird schon nichts sein. Es wurde getuschelt, dass viele Fahrer Cera genommen hatten. Da hätten sie so viele Leute outen müssen - das geht gar nicht."

Bernhard Kohl und Stefan Schumacher jedenfalls hatten Pech. Sie waren die Einzigen, die durch Nachkontrollen geliefert wurden. Zufall war das nicht, glaubt der Österreicher. Das Gerolsteiner-Team lag 2008 ohnehin in seinen letzten Zügen, die Auflösung stand bevor. "Da war es ein Leichtes, zwei prominente schwarze Schafe zu präsentieren. Frei nach dem Motto: Seht her, da haben wir die Bösen." Der Rest wurde bisher nicht behelligt. Der Schein blieb gewahrt. Gut möglich, dass es schon bald eine unrühmliche Demaskierung geben wird.

Der internationale Radsportverband (UCI) wird damit wohl keine große Freude haben. Die französische Anti-Doping-Agentur hingegen wird auf diese Befindlichkeiten keine Rücksicht nehmen. Im Gegenteil. Im Jahr 2009 oblag die Hoheit über die Kontrollen der UCI, nicht wie im Vorjahr den nationalen Fahndern aus Frankreich. Seltsamerweise gab es 2009 keine Eklats, keine geschäftsstörenden Doping-Meldungen.

Waren alle plötzlich sauber? Diese Frage stellen sich auch die französischen Fahnder. Sie vermuten, dass auch heuer neue Doping-Hormone verwendet worden sind. Man will sich auch die Tour 2009 noch genauer zu Gemüte führen. Hoffentlich werden alle Proben vom Rad-Weltverband stets unbeschadet und vollständig geliefert.

Teil 2: Das brutale Leben eines Radprofis

Von Wodkaräuschen, Wasserträgern und Wundermitteln - das Leben als Radprofi ist in jedem Fall extrem.

Bernhard Kohl.

Kohl: "Da fragst du dich, warum machst du diese Scheiße eigentlich?"

Wenn ein grinsender Kasache mit einer Wodkaflasche in der Hand anrauscht, dann ist höchste Gefahr in Verzug. Alexander Winokurow, einer der Superstars im Profiradsport, macht keine Gefangenen. Jeder Neuling muss einen Viertelliter Wodka vernichten, sagt er. Bernhard Kohl ist einer der Neuen, frisch bei T-Mobile angelangt. "Winokurow war für uns ein Held, ein Vorbild. Da sagst du nicht Nein", erinnert sich der Österreicher, der später, im Jahr 2008, durch seine Erfolge bei der Tour-de-France und einem Dopingskandal berühmt wurde. Bernhard Kohl weiß noch, wie er nach dem Wodka-Zuspruch über der Reling des Ausflugsschiffes hing, um seinen Magen zu entleeren. Das war im November 2004, in Amsterdam. Die Teampräsentation von T-Mobile. "Nach dieser Aufnahmsprüfung war ich als vollwertiges Mitglied akzeptiert." Auch das gehört zum Radsport. Eines ist aber er immer. Extrem.

Im Maßanzug

T-Mobile. Ein Name im Radsport wie Real Madrid im Fußball, wenn auch nicht ganz so klingend, wenn er gesprochen wird. Als den Rabobankfahrer Bernhard Kohl der Lockruf der Magentafarbenen ereilte, war dies unwiderstehlich wie das Augenzwinkern einer Schönheit, die unerreichbar schien und plötzlich zum Greifen nahe ist. In einem Team mit Ullrich, mit Klöden, Winokurow. "Und ich war plötzlich mittendrin." Mitten unter den Edelsten unter den Pedalrittern. "Für mich war das alles wie eine Wunderwelt. Wir bekamen Maßanzüge, alles war individuell präpariert."

Brutalität, gehüllt in Seide. Der Alltag des Radprofis? Trainieren, schlafen, wettkämpfen. Am Anfang im Dienste der Mannschaft. Alles für den Kapitän. Vuelta 2005. Oscar Sevilla, Kapitän, stürzt. "Bis ein Ersatzfahrrad da gewesen wäre, hätte er zu viel Zeit verloren. Ich habe Sevilla mein Rad überlassen. Meine Chancen im Klassement waren dahin, aber ich habe eine wichtige Aufgabe erfüllt." Treuer Diener seines Herrn, bis der Diener selbst zum Herrn wird. Harte Dienste waren gefordert. Mitunter unter schlimmsten Bedingungen. Erneut gerät die Spanienrundfahrt in den Sinn. Man zählte 51 Grad.

"Ich war zuständig fürs Flaschenholen", erinnert sich Bernhard Kohl. "An einem Tag hatten wir viel zu wenig. Also musste ich nach hinten fahren, um die ausgetrunkenen Flaschen zu holen, dann die aufgefüllten wieder nach vorn bringen. Eines ist klar: Ohne all die Wasserträger hätte selbst ein Lance Armstrong niemals auch nur eine einzige Tour gewonnen."

Oft mussten die Profis in schäbigen Hotels ohne Klimaanlage absteigen. Nicht die beste Art zu regenerieren.

Extreme Temperaturen machen aus Gipfelstürmern Höllenreiter. Schlimmer noch als die Hitze aber ist es am anderen Ende der Skala.

Am Gefrierpunkt

Kehrseite:  Profis wie Winokurow reißen sich öfter mal den Hintern für den Erfolg auf.
 

Kehrseite: Profis wie Winokurow reißen sich öfter mal den Hintern für den Erfolg auf.

 

Belgien 2006. Eintagesrennen. Schneefall und Regen. 200 Kilometer zu fahren, bei drei Grad. Gefühlte minus 15. Finger und Zehen spürt der Fahrer längst nicht mehr. Schaltprobleme. Die Gischt der Vordermänner im Gesicht. "Da fragst du dich, warum machst du diese Scheiße eigentlich? Später, wenn du es geschafft hast, in der Badewanne liegst, dann ist alles vergessen. Zum Glück behält der Mensch die guten Dinge leichter als die schlechten, sonst gäbe es keine Radfahrer mehr."

2007, wieder am Gefrierpunkt. Diesmal in Italien. Tireno Adriatico. Sechs Grad im Tal, Schneefall am Berg. "Die Mechaniker haben gesagt, ihr könnt da nicht fahren. Niemals. Einige Fahrer streikten, einige wollten fahren. Am Ende sind wir alle gefahren, unter schwersten Qualen. Die Streikenden wären sonst ausgeschlossen gewesen." Wer hier weiterkommen will, der muss sich arrangieren. Auch mit dem Schmerz.

Vor allem, wenn man einer wie Kohl ist, ein begnadeter Sturzpilot. Er gewann schon als Junior interne Wettbewerbe für die meisten Stürze im Jahr (dafür wurde die "goldene Banane" überreicht). Den schlimmsten fabrizierte er bei der Vuelta 2006. Raserei die Serpentinen hinab, Abflug über die Leitplanken. Absturz, zehn Meter tief. "Ich konnte mich nicht bewegen, dachte, ich wäre gelähmt." Zum Glück waren es nur schwere Prellungen, keine Wirbelbrüche. Die Rundfahrt (Bernhard Kohl war zu diesem Zeitpunkt Achter) war freilich zu Ende.

Auch vermeintliche Kleinigkeiten können den Radler außer Tritt bringen. Ein eingeklemmter Nerv etwa (der Teamarzt traf mit der Nadel in Kohls Rücken zum Glück punktgenau), oder Abszesse am Hintern (die oft vom Sportler eigenhändig aufgestochen werden).

An der Bar

Sind die Höhenflüge erledigt, dann sind Abstürze gefragt. Wenn die Last wegfällt, die Saisonhöhepunkte vorüber sind, lässt sich der eine oder andere gerne mal fallen.

Nach der Deutschlandtour 2007 (die folgt nach der Tour de France) ließ es der Niederösterreicher, der sonst defensiv mit Alkohol umzugehen pflegt, mit dem Schweizer Teamkollegen Markus Zberg, ordentlich krachen. Eine Flasche Wein vor dem Abendessen an der Hotelbar - eine höchst erfolgreiche Etappe. Beim Dinner geht es fröhlich weiter. Die Zunge wird locker.

"Vor uns war der CSC-Tisch mit dem Sieger der Deutschlandtour, Jens Voigt. Damals ging das Gerücht um, es gäbe ein neues Wundermittel namens PFC. In meiner Berauschung rief ich dem Deutschen hinüber: 'Gell Jens, das sollte nicht CSC, sondern PFC heißen.'" Das Gelächter am CSC-Tisch hielt sich in Grenzen.

Für Bernhard Kohl war immer der Spaß ein wesentlicher Faktor.

Egal ob beim Training oder beim Rennen. "Sonst hätte das alles keinen Sinn ergeben." Auch aus dem Geldmangel zu Beginn der Karriere konnte der spätere Bergkönig seinen Nutzen ziehen. Essen gehen war nicht drin, also mutierte Kohl zum Koch, der er heute noch ist. Zusätzlicher Vorteil: "Das Kochen ist ideal zum Abschalten, eine Art Meditation."

Auch die dreiwöchige Urlaubspause wußte er zu nutzen. Entspannen. Essen. Alles was Gott dem Radler verboten hat. Fettes, Frittiertes, Süßes. Bernhard erreichte leicht 70 Kilo im Winter. Sein ideales Kampfgewicht betrug 58 Kilo (bei 1,73 Meter). Verbotene Früchte, an die sich der Sportler freilich nicht gewöhnen darf. Im Gegensatz zu Dopingmitteln sind die nämlich eher hemmend.

Auf Abruf

Die Notbremse gilt es zu ziehen, bevor es zu schwer wird. "Immer wenn ich 70 Kilo hatte, habe ich gewusst, jetzt muss ich den Schalter umlegen und mich auf den seriösen Ernährungsplan umstellen." Die Ernährung ist ein wesentlicher Punkt. "Doch gibt es insgesamt 50 Punkte, die für den großen Erfolg passen müssen."

Zu Beginn der Karriere war Bernhard Kohl ein Unentwegter wider Willen. Er war als sogenannter Springer stets auf Abruf. Kam ein Anruf, ging es fort. Einsatz in Doha, in Kalifornien. Wo auch immer T-Mobile wollte. "Da war gezieltes Doping mit beispielsweise Epo nicht möglich."

Erst später, als sich der kleine Österreicher im großen Geschäft etablieren konnte, als er Kapitän wurde, konnte er wirklich professionell arbeiten.
Auch im verbotenen Bereich.

Teil 3: Stichhaltiges von der Tour de France

Wie in Hotelzimmern Blutpanscherei betrieben wurde. Und wer daran beteiligt war. Der 8. Juli 2008. Die Tour de France. Ein Einzelzeitfahren über 29,5 Kilometer. Spritz-Tour de France.

Spritz-Tour de France.

Stefan Matschiner, der Manager des österreichischen Radprofis Bernhard Kohl, wartet im Teamhotel und bereitet eine blutige Geschichte vor. Erzählt Bernhard Kohl. Es geht um Doping. Um Blutdoping. Um Vorgänge im Verborgenen, in Badezimmern, in billigen Absteigen. Wer siegen will, dem ist offenbar jedes Mittel recht.

Bernhard Kohl erinnert sich: "Ich wollte für die Berge gewappnet sein. Ich kam nach dem Zeitfahren total ausgepumpt mit über 200 Puls über die Ziellinie und dachte: Jetzt wird es ernst. Ich mußte höllisch aufpassen, dass niemand auch nur die kleinste Kleinigkeit mitbekommt. Das war Streß pur. Du fehlst eine halbe Stunde, in der du normalerweise greifbar sein müßtest."

Stefan Matschiner verfolgte vom Hotelzimmer aus die Tour und wartete. "Stefan schickte mir gegen 17 Uhr eine SMS mit seiner Zimmernummer." Die Nervosität wuchs. Nun galt es, sich zum Zimmer des Managers zu begeben. Den Gang entlang. Hoffentlich merkt es niemand. "Ich schaute auf mein Mobiltelefon, ob es sich um das richtige Zimmer handelte. Dann klopfte ich an die Tür. Stefan öffnete und sagte: 'Servas, Oida!', und nach einem kurzem Small Talk ging es gleich zur Sache."

Matschiner, sagt Bernhard Kohl, habe das Blut schon auf Körpertemperatur gebracht und alles im Bad vorbereitet. Der Blutbeutel mit dem Infusionsbesteck im Bad. Ein jeder Vampir hätte an diesem Festmahl seine Freude.

Im Schlauch, der bis zur Nadel führt, war das Blut bereits drinnen. "Dann stach Stefan Matschiner zu. Dreißig Sekunden lang wurde das Blut eingelassen. Dann wurde abgedreht. Bei schlechter Lagerung oder Verunreinigung des Blutes wäre ein allergischer Schock die Folge. Das merkt man schnell, nach zehn Minuten, hat Matschiner erzählt."

In diesem Fall lief alles, also das Blut, nach Plan, nach dreißig Minuten sei die Prozedur zu Ende gewesen. "Danach haben wir den Plasmaexpander Humanalbumin zugeführt, um den Hämatokritwert wieder zu senken."

Das alles unter enormer Anspannung. "Du denkst dir: Wahnsinn. Das ist eines der größten Ereignisse des Weltsports, und du sitzt da und lässt dir Blut zuführen, obwohl du weißt, es ist verboten. Das Herz rast. Du denkst, hoffentlich geht nichts schief." Nach dem Vorgang verschwanden die Beweismittel. Beutel und Infusionsbesteck wurden zerschnitten, mit der Schere. Dann im Klo runtergespült.

Retter in der Not

Im Jahr 2008 hatte das Team Gerolsteiner keinen Hämatokritmesser mitgenommen. Es werde ohnehin nicht gedopt, hieß es, daher seien auch die Werte der Fahrer irrelevant. Dennoch brauchte Bernhard Kohl ein Messgerät, um nicht wegen zu hohem Hämatokritwert aus dem Rennen genommen zu werden. Um nur ja nicht unter Dopingverdacht zu geraten. Kohl: "Teamarzt Mark Schmidt half. Er war eingeweiht in die Dopingvorgänge. Zum Glück hatte ich ein Messgerät daheim, das hat dann Matschiner mitgenommen. Matschiner und Schmidt haben sich in Stefans Zimmer getroffen. Er übergab dem Arzt das Messgerät. Ab diesem Zeitpunkt war das Ding immer bei Mark Schmidt. Ich konnte jederzeit messen, um meine Werte konstant zu halten." Bernhard Kohl ließ alle zwei bis drei Tage seinen Hämatokritwert von Schmidt messen, erzählt er. Manchmal schlich sich der Sportler morgens gegen 6.30 Uhr ins Zimmer des Mediziners, "wo er mir dann mein Blut mit einer Kochsalzlösung verdünnt hat, um meinen Wert zu senken."

 

Böses Spiel

Bei der zweiten Blutrückfuhr am 11. Juli im Best Western Hotel Bordeaux hatte Stefan Matschiner kein eigenes Zimmer ergattern können. "Ich war außerdem mit Stefan Schumacher auf dem Zimmer, also ging es auch da nicht. Ich fragte Teamarzt Schmidt, wo wir am besten die Blutzufuhr veranstalten könnten. Mark bot sein Zimmer an." Beim Abendessen rauschte auf einmal eine Botschaft herein. Erster Dopingfall bei der Tour. Manuel Beltram, positiv auf Epo. Große Empörung an der Gerolsteiner Tafelrunde. "Ich musste das Spielchen mitspielen. Umso unangenehmer das Gefühl, da ich wusste, in einer halben Stunde würde ich selbst wieder dopen."

Unmittelbar nach dem Abendessen in dem Restaurant ums Eck verschwand Bernhard, offiziell wegen Magenschmerzen. "Dadurch fiel es nicht auf, da mir Mark ja was gegen meine angeblichen Beschwerden geben mußte. Mit Matschiner trafen Mark und ich uns vor dem Hotel."

Dr. Mark Schmidt öffnete sein Zimmer und marschierte zurück ins Restaurant, um jeglichen Verdacht zu vermeiden. "Im Zimmer des Arztes haben wir dann den zweiten Blutbeutel zugeführt." Warum der Mediziner mitgemacht hat?

Bernhard hatte zu Mark Schmidt ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. "Ich hatte zu ihm von Beginn an eine gute Gesprächsbasis. Irgendwann kamen wir auf Doping zu sprechen. Er sagte: 'Logisch, dass man es machen muss.' Er sagte einmal, dass ich nicht der Einzige im Team sei, der Blutdoping fabriziere."

Mark Schmidt dementiert alle Vorwürfe über seinen Anwalt, der sein Vater ist. Ansgar Schmidt: "Das sind lauter Falschmeldungen. Niemals hat Mark Schmidt Dopingmittel weitergegeben oder verabreicht."

Bernhard Kohl; "Ich habe die Kanüle rausgezogen. Das Blut ist rausgespritzt und auf den Teppich. Alles war voller Blut."

Bernhard Kohl: "Ich habe die Kanüle rausgezogen. Das Blut ist rausgespritzt und auf den Teppich. Alles war voller Blut."

 

Der Kurpfuscher

Nach der zweiten Zufuhr stand eine Woche später die dritte auf dem Programm. Diesmal legte nicht Matschiner Hand an, sondern ein Angestellter seiner Management-Firma namens Gernot.

Matschiner selbst hatte keine Zeit, er sah sich bei einem Leichtathletikmeeting vonnöten.

Doch Gernot war längst nicht so professionell wie sein Meister. Es hatte 50 Grad im Hotelzimmer. "Ich war völlig durchnässt", erinnert sich Bernhard. "Ich hatte Angst, dass das nicht gut geht. Für Stefan war es Routine, für Gernot Stress pur. Wir hatten nichts zum Abbinden. Stefan hatte immer eine Binde, wie beim Blutspenden. Gernot hat daneben gestochen. Wir haben abgedreht. Ich habe die Kanülle rausgezogen, das Blut ist rausgespritzt und auf den Teppich. Alles war voller Blut. Gernot hat geschrubbt wie ein Wilder. Dann sagte ich: 'Halte du, ich steche mich.'"

Schließlich ging alles gut. Zu diesem Zeitpunkt war Kohl schon Vierter in der Tourwertung, es standen noch die Alpen und das Einzelzeitfahren auf dem Plan. Die entscheidende Etappe war die letzte Bergetappe, hinauf zum legendären Alpe d'Huez.

"Das Blut führt man im Idealfall zwei Tage vorher zu. Dann hat es die beste Wirkung. Drei Tage davor hatte ich Hämatokritwert 46 und noch Spielraum bis zum Grenzwert 50. Ich hatte aber ein ungutes Gefühl. Ich hatte schon viel mehr erreicht, als ich mir erhofft hatte." Teamarzt Schmidt habe gemeint, man könne die letzten Prozentpunkte auch noch nutzen. Doch habe sich der Sportler dagegen entschieden, "obwohl Gernot schon vor Ort war. Im Nachhinein betrachtet eigentlich schade, denn mit diesem vierten Beutel hätte ich die Tour de France womöglich gewonnen. Aber ich trauere dem sicher nicht nach. Diese Tour war ohnehin schon überwältigend genug."

Für alle Genannten gilt freilich die Unschuldsvermutung.

Ein Blutbote namens Stefan MatschinerMatschiner mit seinem ehemaligem Schützling Kohl.

Matschiner mit seinem ehemaligen Schützling Kohl

Perfektes Rundumservice: Kohl konnte sich während der Tour darauf verlassen, dass seine Werte stets in Ordnung waren.

Das Unternehmen Tour de France begann im März, da wurde der Tour-Plan mit den genauen Etappenangaben ausgeschickt. "Stefan sagte, sobald er da ist, überlegen wir uns, wann wir die Blutbeutel während der Tour zuführen. Wir achteten darauf, wo die wichtigen Etappen, die Bergetappen sind. Wir wollten vier Beutel, also umgerechnet zwei Liter, Vollblut verwenden, gesplittet auf vier Injektionen. Wir hätten aber auch sechs Behandlungen durchführen können."

Ab Mitte Mai war die spezielle Tour-de-France-Präparation angesagt - u. a. mit dem Epo-Nachfolger Cera. Die Blutbeutel hingegen habe Stefan Matschiner im Flugzeug mit nach Frankreich genommen. Bernhard Kohl organisierte die Hotellisten beim Sekretär des Teams, offiziell, um für seinen Fanklub die Reisen zu erleichtern. Eigentliches Ziel aber war es, Stefan Matschiner rechtzeitig eine rasche Buchung in den entsprechenden Hotels zu ermöglichen - drei von vier Mal hat es geklappt.

Kohl fühlte sich ob seiner professionellen Rundumbetreuung sehr sicher. Cera hatte er vorab genommen, auch konnte er sich darauf verlassen, dass seine Werte stets in Ordnung waren. "Die ersten zehn Tage der Tour wurden auffällige Fahrer ständig kontrolliert. Schumacher, Kirchen, Valverde, Cancellara, Sastre, Ricco. Die sind acht Mal getestet worden. Ich nicht, weil meine Werte bei der Eingangskontrolle zur Tour unauffällig waren. Obwohl ich richtig hingedopt hatte zur Tour, waren meine Werte unauffällig. Ich hatte viele Blutbilder selber gemacht, wußte, wie viel ich wann nehmen muß, damit ich am Tag X nicht auffällig bin."

Hautnah

Im Feld generell aber herrschte eine komische Stimmung unter den Stars. Viele hatten Angst, darunter auch Stefan Schumacher. Die Erlebnisse mit ihm, sie waren einprägsam. Bernhard Kohl: "Ich habe hautnah mitbekommen, wie fertig ein Mensch sein kann, der eigentlich extrem stark ist. Gewinnt bei der Tour das Zeitfahren, fährt im Gelben Trikot, ist der Mann der Sportwelt, und zwei Tage später ist er nur mehr ein Häufchen Elend." 

Der Wirkstoff CERA

Der EPO-Nachfolger erhöht die Ausdauerleistung des dopenden Sportlers und dient eigentlich zur Behandlung von Blutarmut bei Nierenkranken. CERA

Der Wirkstoff CERA ist eine neue Version des Blutdopingmittels EPO in der dritten Generation. Wie bei EPO kann der Körper mehr Sauerstoff in die Muskeln transportieren, wodurch die Ausdauerleistung deutlich erhöht wird.

Der Vorteil des neuen Präperats: CERA baut sich langsamer im Körper ab als seine Vorgänger. Früher sei EPO ein- bis zweimal pro Woche injiziert worden, bei der neuen Version sei dies nur alle zwei bis vier Wochen nötig, hieß es bei der Sporthochschule Köln, als CERA während der Tour de France 2008 erstmals nachgewiesen wurde. Zur Doping-Überführung ist ein Blut-Testverfahren notwendig.

CERA (Continuous Erythropoietin Receptor Activator) wurde vom Schweizer Pharma-Konzern Hoffmann-La Roche zur Behandlung von Blutarmut bei Nierenkranken entwickelt und ist unter dem Namen Mircera erhältlich. Die Rote Liste der Arzneimittel nennt Bluthochdruck, Kopfschmerzen und Hirnveränderungen als Nebenwirkungen. Wird Mircera an gesunden Menschen angewendet, kann es lebensbedrohliche Komplikationen in den Herzgefäßen geben. 

Teil 4: Blutbeutel zwischen Rotwein und Ketchup

Mastermind Matschiner - wie der Manager Athleten mit Dopingplänen und Dopingmitteln versorgte.

 Bernhard Kohl                        

  Bernhard Kohl über den Doping-Alltag

Ein wunderschöner Tag am Millstätter See, im Frühjahr 2005. Zwei junge Männer sitzen auf der Terrasse eines Cafés. Die Sonne wärmt die Gemüter, passend zum Gesprächsstoff. Es geht um heiße Ware. Um Dopingmittel.

Die Männer? Bernhard Kohl, aufstrebender Jungprofi im Radzirkus, der eine. Stefan Matschiner, ein Experte für Sportlerbetreuung aller Art, der andere. Einer, der alles managt für seine Schützlinge. Ab diesem Tag war auch Bernhard Kohl ein Schützling des heute 34-jährigen Stefan Matschiner. Die Bekanntschaft sollte für beide eine schicksalhafte werden.

Im Kofferraum

 

Stefan Matschiner bewies umgehend sein umfassendes Handlungsvermögen. Er führte den Radfahrer zu seinem Ford. "Er öffnete den Kofferraum und holte mir ein Sackerl aus einem Kühlaggregat. Da war Epo drin, und andere Stoffe. Ich hatte kein Geld dabei. Stefan Matschiner aber sagte nur: 'Das macht nichts, gibst du's mir beim nächsten Mal.'" Für Bernhard Kohl hatte damit die professionelle Seite des Dopens begonnen. Und Stefan Matschiner? Er hatte ein zugkräftiges, gewinnträchtiges Pferdchen im Stall - schließlich war der Manager an den Prämien seiner Athleten prozentuell beteiligt.

"Bis Anfang 2005 habe ich planlos agiert, von Kollegen diverse Stoffe bezogen und Infos über die Einnahme erhalten. Über andere Radfahrer bekam ich den Kontakt zu Stefan Matschiner. Ich habe ihn dann einfach angerufen und gesagt: 'Ich habe gehört, du kannst mir helfen.' Dann hat er mir geholfen."

Im Spinnennetz

Doping. Ein Wort, das zu Bernhard Kohls Karriere gehört wie der Name seines Managers. Stefan Matschiner. Der ehemalige Mittelstreckenläufer, er soll als Spinne seine Dopingnetzwerke gesponnen haben. Der Oberösterreicher hatte jedenfalls gegen Ende seiner Schaffenskraft rund 30 Athleten unter Vertrag. Leichtathleten, Radfahrer, auch ein Bobfahrer wurde vom Experten versorgt, wie er später bei der Polizei verriet. Bernhard Kohl aber war ein besonderes, ein vielversprechendes Exemplar.

"Matschiner hat sich geschmeichelt gefühlt, er war sehr interessiert daran, ins große Profigeschäft reinzukommen. Dort, wo es um wirklich viel Geld geht. Er hat mich zunächst nach meinen bisherigen Praktiken gefragt, er wollte meine Rennhöhepunkte wissen und hat sofort gemeint, dass noch sehr viel Potenzial vorhanden sei." 

Im Paradies

 

Mit Stefan Matschiner ging es noch rasanter bergauf. Pläne wurden erstellt. Ein Tag mit 2000 Einheiten Epo, am nächsten Tag anderes. Besonders vorsichtig hat Stefan Matschiner jedenfalls nicht agiert. "Ich fand es heftig, dass er die Präparate in seinem Auto einfach so mitgeführt hat. Das zeigt, wie sicher er sich seiner Sache damals gewesen sein muss. Aber im Prinzip zu Recht, denn damals gab es ja noch kein Anti-Doping-Gesetz." Dieses wurde 2008 verabschiedet, nach zahlreichen Anlassfällen. Matschiner geriet in den Fokus der Ermittler und landete im April 2009 für mehrere Wochen in Untersuchungshaft.

2005 aber, da war die Welt noch in Ordnung. Der Manager und sein Radfahrer trafen einander einmal im Monat. "Ich habe ihm das Geld immer persönlich überreicht. Im Schnitt 1000 Euro pro Übergabe. Für Epo, Wachstumshormone, Insulin, Andriol und Ähnliches."

Stefan Matschiner habe auch die Proben seiner gedopten Athleten in Labors auswerten lassen, damit die Grenzen für die jeweilige Substanz-Konsumation ausgelotet werden konnten. Matschiner soll dabei den Kontakt zu Laborangestellten gesucht haben.

"Diese begleitende Kontrolle war enorm wichtig, da wir durch die Messungen wussten, welche Dosen wir am Abend einnehmen konnten, damit wir am nächsten Morgen negativ sind, sollte eine Kontrolle passieren."

Stefan Matschiner habe zudem für flankierende Maßnahmen plädiert, meinte, Bernhard Kohl sollte sich ein Hämatokritmessgerät zulegen, um seine Blutwerte ständig überprüfen zu können. Denn ein Wert ab 50 führt automatisch zu einem Rennverbot. "Ich schaute mich dann im Internet um und ließ mir ein Gerät von der Firma Lange ganz einfach per Post zustellen. So einfach funktionierte das."

In Sicherheit

 

Bernhard Kohl hatte jedenfalls ein gutes Gefühl, seit er mit Stefan Matschiner zusammenarbeitete. Ein Gefühl der Sicherheit, der Gewissheit, dass es fortan keine Leerläufe mehr geben würde. Kohl ging von der grundlegenden Dopingplanung aus und modifizierte schrittweise den Vorgabenkatalog, "da ja jeder Mensch anders ist. Man muss im Laufe der Zeit selber herausfinden, welche Dosierung einem am besten weiterhilft. Worauf spreche ich am besten an, wie viel tut mir gut."

Die Störenfriede einer perfekten Präparation waren die spontanen Einsätze zu Beginn der Karriere. "Da konnte ich keine Zeit für sinnvolles Dopen erübrigen. Zumal ich in meinem ersten Rennmonat im Team T-Mobile 23 Wettkampftage zu absolvieren hatte. Bei mir war immer die Gefahr da, dass ich nicht wusste, wann ich das nächste Rennen haben würde. Wenn du dann einmal Kapitän bist, dann machst du deinen Rennplan nach deinem Dopingplan."

In der Bruderschaft

 

Zu den Rennen hat der Profi niemals Substanzen mitgenommen, das war zu riskant. Nur nicht in die Nähe eines Verdachtes geraten. Außer, Stefan Matschiner war greifbar und hatte etwas Feines mitgebracht. Das seltsame Arbeitsverhältnis hat eine Freundschaft zum Manager entstehen lassen. Das Wissen um gemeinsame, verbotene Vorgänge schweißte zusammen. Wie Blutsbrüder, im tieferen Sinne.

"Bevor ich Kunde bei der Blutbank Humanplasma wurde, hat mir Stefan vorgeschlagen, selbst Blutdoping zu fabrizieren. Er meinte, Blutdoping sei völlig ungefährlich, da es im Prinzip wie Blutspenden ablaufe. Zudem seien bei seinen zahlreichen anderen Sportlern auch noch nie Probleme aufgetreten. Das Wichtigste sei nur, dass man den Blutbeutel im Kühlschrank lagere und ihn vier bis fünf Mal am Tag wendet, um möglichen Verklumpungen vorzubeugen. Seine Ausführungen klangen fundiert, was mich ein wenig beruhigte. Also stimmte ich zu."

Im Kühlschrank

 

Blutdoping im Heimwerkerstil. Bernhard Kohl erinnert sich: "Stefan hat mir Blut abgenommen. Er schlug mir vor, ich solle das Blut nach drei Wochen bei ihm wieder abholen. Er würde sich um die Lagerung kümmern."

Blut, gelagert bei einem Nichtmediziner? Blut, das neben anderen Beuteln lagerte? Blut, das später wieder rückgeführt werden sollte? Bizarre Gedanken, die den jungen Kohl in Unruhe versetzten. "Ich wollte das Risiko nicht eingehen, dass ich vielleicht einen Blutbeutel von einem anderen Sportler zurückbekomme. Also entschied ich mich, den Blutbeutel bei mir zu Hause im Kühlschrank aufzubewahren. Ich wollte sichergehen, was mit meinem Blut in der Zwischenzeit passiert."

Daheim ist es sicher. Der Blutbeutel zwischen Rotwein und Ketchup, da sollten Verwechslungen ausgeschlossen sein. "Den Beutel habe ich in regelmäßigen Abständen rausgenommen und gewendet, um Verklumpungen zu verhindern."

Im kranken System

Die eigenständige Refundierung des Blutes war dem gelernten Rauchfangkehrer aber dann doch zu heftig. Probiert aber hat er es. "Es war alles aufgebaut. Ich wollte mir das Blut selber zuführen. Ich hatte keinen Arzt zu diesem Zeitpunkt. Und Stefan war gerade irgendwo unterwegs."

Also ballte Bernhard sein Glück auf eigene Faust. Doch es siegte der Zweifel. "Ich habe mir gedacht, wenn jetzt etwas passiert, irgendein allergischer Schock, da findet mich keiner."

Das Blut war aufgewärmt, das Infusionsbesteck lag bereit, Bernhard hatte die Nadel schon angesetzt. "Einmal hab ich gestochen, habe die Vene verfehlt. Da hab ich mir gedacht, das ist ein Zeichen. Ich habe das ganze Zeug weggeschmissen. Das war Wahnsinn. Ich bin heute heilfroh, dass ich diesen Blutbeutel entsorgt habe. Ich frage mich: Wie krank ist das System eigentlich, in dem der Einzelne so zu funktionieren hat, wenn er bis ganz nach oben kommen will?" 

Teil 5: Doping-Thriller in der Wiener Blutbank

Was im Plasmaspendezentrum wirklich passierte. Und wie prominente Patienten systematisch an der Nadel hingen. Die Halle ist aus dem Häuschen. Die Radstars des T-Mobile-Teams sind da. Leibhaftig.                         Bernhard Kohl

Der Deutsche Jan Ullrich ist dabei, auch Bernhard Kohl, Österreichs Jungstar. Sie sind die Attraktionen für die T-Mobile-Belegschaft, die an diesem Sonntagnachmittag im Dezember 2005 in Wien feiert. Zerstreuung für die Mitarbeiter und die Sportler. Die Radler radeln.

Bernhard Kohl muss ran, als Lokalmatador. Junge Athleten gegen alte Manager. Bernhard Kohl verliert sein fünfminütiges Ergometerduell gegen den Vorstand seines Sponsors. Absichtlich, wie die Zuschauer meinen und sich darüber köstlich amüsieren. Wenn die wüssten.

"Ich war völlig fertig." Ausgelaugt, im wahrsten Sinne. "Ich wäre fast vom Rad gefallen. Ich hatte schon Puls 150, als ich nur ruhig dagesessen bin." Kohl hat keinesfalls absichtlich verloren.

Frohe Weihnachten

 

Am Vormittag desselben Tages war Bernhard Kohl nämlich bei der Blutabnahmestelle Humanplasma im 9. Wiener Bezirk. Einen Liter Blut hat er gelassen, um es knapp vor einem Wettkampf, wieder zuzuführen. Blutdoping also.

Gegen Humanplasma-Mitarbeiter ermittelt nun die Staatsanwaltschaft wegen Verdachts der Steuerhinterziehung und Untreue. "2000 bis 2500 Euro wurden pro Behandlung bezahlt", berichtet Kohl, der einer von vielen Spitzensportlern war, der sich der Dienste der Blutbanker bediente. Kohl selbst war drei Mal zu Gast. Das dritte Mal an jenem Sonntag im Dezember.

Humanplasma. Es duftet nach Weihnachtsbäckerei. Kekse für die lieben Gäste. Fast wie daheim könnte man sich fühlen, wären da nicht diese medizinischen Geräte, die Blutbeutel und Zentrifugen.

"Samstagabend war große Party bei einem Heurigen in Grinzing mit der T-Mobile-Truppe. Ich konnte mich nicht richtig beteiligen, da ich am nächsten Tag in der Früh zu Humanplasma musste. Ich bin morgens raus zur Blutbank, während die anderen schliefen. Um 10 Uhr war ich wieder im Hotel." Ein bizarrer Tag. Morgens in der Blutbank, dann auf der Showbühne, abends im ORF. Live-Interview. Gemeinsam mit Jan Ullrich, der später ebenfalls ins Zwielicht geriet. Ihm wurden Zahlungen an den Dopingdoktor Eufemiano Fuentes nachgewiesen. Laut Spiegel hat die Kriminalpolizei nun 24 Besuche Ullrichs in der Madrider Dopingzentrale nachgewiesen. Bernhard Kohl war da weitaus weniger aktiv.

November 2005. Wien, Alsergrund, Sonntagfrüh. Drei Radsportler sitzen in der Mc-Donalds-Filiale am Franz-Josefs-Bahnhof. Es ist nicht der Hunger, der sie in den Fast-Food-Laden treibt. Sie warten auf ihren Kontaktmann. Dieser führt das Trio in ein großes Firmengebäude.

Kaum jemand ist zu sehen. Nur ein paar Betrunkene und Herrln, die Hunde ausführen. Das Gebäude, das sie betreten, ist spärlich beleuchtet. Alserbachstraße 18. Eine Adresse, die in der Dopingszene bald so bekannt sein soll wie in der hohen Politik die Londoner Downingstreet 10. Einer der drei Athleten ist Bernhard Kohl. Bei den anderen handelt es sich laut KURIER-Recherchen um Christian Pfannberger und Michael Weiss, heute Ironman, damals noch aussichtsreicher Mountainbiker aus Niederösterreich.

"Stefan Matschiner hat uns über die Straße begleitet", sagt Bernhard Kohl über seinen ehemaligen Manager, damals eine große Nummer in der Szene. Auch auf Matschiner wartet demnächst ein Prozess - nach dem Anti-Doping-Gesetz.

Matschiner, für den wie für alle Genannten die Unschuldsvermutung gilt, behauptet, erst aus den Medien von Humanplasma erfahren zu haben. Fakt ist, im Jahr 2005 gab es noch kein Anti-Doping-Gesetz.

Geschäftiges Treiben

 

Der erste Besuch bei Humanplasma also. Kohl hat ein mulmiges Gefühl. "Gleich beim Bahnhof ist eine Polizei-Station. Das war unheimlich. Ich hatte die Gewissheit, etwas Unerlaubtes zu tun." Doch nichts passiert. Wie auch. Allein die Vorstellung, mitten in Wien könnte in einer Blutbank außerhalb der Öffnungszeiten Blutdoping in großem Stil betrieben werden, klingt zu skurril, um nicht filmreif sein. Also weg mit den Bedenken, auf in die Blutbank. "Humanplasma" steht unten auf einem Schild. Eine Spendezentrale, die sich dem Gewinn des lebenswichtigen Plasmas widmet.

Es herrscht geschäftiges Treiben. Medizinisches Personal ist da. Stefan Matschiner tritt auf wie ein Gastgeber, der durch seine Villa führt. Begrüßungsfloskeln werden ausgetauscht. Alles läuft nach Plan. Die eine Tranche ist abgefertigt, nun sind die nächsten Sportler dran. Kohl, Pfannberger, Weiss.

Wahre Wunderdinge hatte man dem jungen Bernhard Kohl über die elitäre Einrichtung erzählt. Doping mit Eigenblut war und ist nicht nachweisbar, zudem äußerst wirkungsvoll. Beim medizinischen Personal handelt es sich um absolute Profis. Transfusionsmediziner und bestens geschulte Schwestern. Besser geht es nicht. Als würde Michael Jordan Basketball unterrichten oder Hermann Maier den Schulskikurs leiten.

Dennoch verspürt Bernhard Beklemmung in seiner Brust. "Ich war zum ersten Mal so richtig geschockt, als ich diese riesige Nadel gesehen habe. Die kam mir vor wie eine Anaconda, so dick war die." Doch das blutige Spektakel hat längst begonnen, es ist zu spät, es abzubrechen. "Ich wusste, ich muss da durch - koste es, was es wolle."

Dann geht es los. Die Anaconda nähert sich, dringt ein, direkt in die Vene, dann läuft das Blut. "Ich liege da mit Herzrasen auf dem Stuhl, neben mir die beiden anderen Sportler. Dann geht dir durch den Kopf: ,Verdammt, jetzt mache ich Blutdoping.'" Die Maschine erledigt alles von alleine, "du musst einen Ball in der Hand halten und pumpen. Dann wird das Blut zentrifugiert, das Plasma von den roten Blutkörperchen, den Erythrozyten getrennt. Das Ganze dauert rund eine dreiviertel Stunde. Dann kommt das Plasma wieder zurück, es geht zwei bis drei Mal so hin und her, bis rund 360 Gramm an roten Blutkörperchen vorrätig sind. Dies entspricht in etwa einem Liter Vollblut."

Anspannung & Glücksgefühl

 

Die Blutzentrifuge arbeitet leise, wie eine Waschmaschine.

Plötzlich wird einem der Herren schlecht. Radprofi Christian Pfannberger wird im Gesicht bleich wie der Arztkittel, den er vor Augen hat, bevor ihm vor selbigen schwarz wird. Kein großer Zwischenfall.

Wie beim Blutspenden, wo es auch manchen Menschen manchmal übel mitspielt. Kohl sagt: "Die Anspannung war nicht nur bei mir unheimlich groß. Du hoffst immer nur, dass da nichts rauskommt. Wir wussten ja, was da abging. Blutdoping gegen Schwarzgeld. Andererseits war es auch ein schönes Gefühl, da ich wusste, ich hatte nun genau das Richtige, um mitten in der Weltspitze mitzufahren."

Stefan Matschiner habe gesagt, Blutdoping sei das Beste, das man machen könnte. Blut abnehmen, es behandeln, einfrieren, wieder auftauen und dann zuführen. Das erhöht die Anzahl der roten Blutkörperchen, was wiederum den Sauerstofftransport des Blutes verbessert. Kurzum: Perfektes Doping für Ausdauersportler aller Art.

 

 

Lukratives Geschäft

 

Nicht für jeden aber waren die Pforten von Humanplasma geöffnet. "Es waren nur ausgesuchte Sportler dort. Sonst wäre das auch nicht möglich gewesen, da die Gefahr des Auffliegens zu groß gewesen wäre. In Wahrheit aber war es die perfekte Karriereplanung."

Ein lukratives Geschäft war Blutdoping obendrein. Für die Hintermänner. "Doch
immer noch vergleichsweise billig", befindet Bernhard Kohl, "denn bei Doktor Fuentes in Spanien wurde um ein Vielfaches mehr für die gleichen Dienste bezahlt". 

Die Geheimcodes

 

Die Besuche verlaufen jedes Mal nach demselben Schema. "Wir haben Stefan Matschiner jeweils 2000 Euro gegeben, beim letzten Termin waren es 2500 Euro. Dann sind wir vom Personal empfangen worden." Bernhard Kohl erinnert sich noch genau an die Krankenschwester. Eine erfahrene, eine nette Frau, die immer Kuchen mit dabei hatte.

Die Namen der Ärzte, die die Behandlungen an ihm und den anderen mit ihm anwesenden Athleten vornehmen, kennt Bernhard Kohl nicht. Bei ihm jedenfalls sei Professor Paul Höcker, gegen den mittlerweile die Staatsanwaltschaft Wien ermittelt, nicht zugegen gewesen.

Die Abnahmegeräte sind schon vorbereitet. Beim ersten Besuch bekommt der Sportler einen Zahlencode zugeordnet. Kohl: "In meinem Fall also: 07. Für die fortlaufende Nummer der Abnahme - vier Geräte standen zur Verfügung, ich war am dritten Gerät in der zweiten Tranche dran. Dann das genaue Datum der Behandlung, also der 21.11. 2005. Ergibt den Gesamtcode 0721112005. Bei jedem Besuch wurde dementsprechend ein neuer Zahlencode vergeben. Damit bei der Abholung der Blutbeutel auch keine Verwechslungen möglich waren."

Fix hingegen war immer der Codename. Der war dringend vonnöten. Schließlich handelt es sich nicht um jene Art von Geschäften, die man später in die Steuererklärung aufnimmt. Anonymität ist oberstes Gebot.

Die Decknamen? Freie Wahl. Wie es euch gefällt. Shakespeare allerdings wurde von den Athleten nicht gewählt. Kohl entscheidet sich stattdessen für einen Zeichentrickhelden, wie so viele andere Sportler ebenfalls. Leicht zu merken und irgendwie ein lustiger Kontrapunkt zum blutigen Hauptgeschehen. Shrek. "Ich habe zu dieser Zeit irgendwo den Shrek gesehen, so bin ich dann auf den Namen gekommen. Das war mein Name in der Kundenkartei von Humanplasma. Ich hatte in meinem Mobiltelefon unter Shrek meine drei Zahlencodes eingespeichert."

Vernichtete Beutel

 

Wer sonst noch dort war? Bernhard Kohl war immer mit denselben Leuten vor Ort, es sollte jeder Beteiligte so wenig wie möglich über andere prominenten Kunden aus dem Spitzensport erfahren. Die Wintersportler waren im Sommer zu Gast bei Humanplasma, die Sommersportler im Winter. Je nach dem Vorbereitungszyklus eben. Alle Arten, alle Sparten.

Vier Betten waren in der Spendezentrale Humanplasma für die besonderen Patienten bereitgestellt, nach der Abnahme des Blutes verließen die Herrschaften unverzüglich den Tatort. Professionell, wie es sich geziemt für Leute, die an dubiosen Transaktionen (in diesem Fall von Blut und Geld) beteiligt sind.

Kunde Kohl: "Jeder ging sofort zu seinem Auto, dann verschwanden wir in unterschiedliche Richtungen. Stefan Matschiner hingegen ging wieder zu McDonalds zurück. Er holte die nächsten Sportler ab. Es wurde darauf geachtet, dass wir nicht sehen, wen er abholt. Das war Teil der Organisation."

Stefan Matschiner habe alles gemanagt für seinen Schützling. "Er hat nicht nur die Termine bei der Blutbank ausgehandelt, sondern er hat auch die Blutbeutel für mich transportiert. Die Blutbeutel hätte er bei Bedarf bei Humanplasma abgeholt und zu dem jeweiligen Rückführungsplatz gebracht. Dazu kam es dann ja leider nicht, da all die Blutbeutel vernichtet wurden."

Als nach dem Turiner Olympia-Skandal 2006 die Humanplasma-Herren in Wien in Panik sämtliche Beweismittel beseitigten, waren auch Kohls Blutvorräte dahin. "Ich hatte sechs Beutel insgesamt bei Humanplasma liegen gehabt. Ich weiß es noch: Ich habe den Stefan aus den USA aus angerufen, da war der kurz angebunden und hat nur gemeint, es gibt Probleme. Ich hatte Angst, dass alles aufgeflogen sein könnte. Wenn die da mehrere Hundert Blutbeutel bei Humanplasma gefunden haben, dann Gnade uns Gott."

Humanplasma: Etliche internationale Kunden

 

Das Plasmaspendezentrum Humanplasma steht seit 2008 im Fokus der Anti-Doping-Agenturen. Blutspur

Humanplasma verfügt in Österreich über fünf Niederlassungen - eine davon befindet sich in der Alsberbachstraße 18. In die internationalen Schlagzeilen geriet das Plasmaspendezentrum erstmals im Jänner 2008 - die Welt-Anti-Doping-Agentur hatte von Österreichs Politik offiziell Aufklärung verlangt.

Schon ein halbes Jahr davor hatte Skipräsident Peter Schröcksnadel, der nach Turin 2006 eine Untersuchungskommission eingesetzt hatte, gemeint, dass "die Blutspur nach Wien" führe. Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Humanplasma-Verantwortliche wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung und der Untreue.

Humanplasma hat Selbstanzeige erstattet - es sollen bis 2006 rund 50 Sportler behandelt worden sein. Die Dunkelziffer liegt freilich viel höher. Auch ganze Teams aus dem Ausland sollen angereist sein. 

Teil 6: Doping: Der Sturz des Lügengebäudes

 

Tiefe Einblicke in die Ermittlungen der SOKO Doping und was Bernhard Kohl zu Protokoll gab. Landstraßer Hauptstraße 148a, der dritte Wiener Gemeindebezirk, Ende März.   Bernhard Kohl vor Medienvertretern.                              

 Zeuge Kohl: Konkrete Angaben führten rasch zur Blutzentrifuge, die Spitzensportlern zum Dopen nutzten

Der Verputz bröckelt von der Fassade der grauen Gemäuer, die knapp nach dem ersten Weltkrieg errichtet wurden und also einiges erlebt haben. Bald werden die Abrissbirnen geschwungen, Landeskriminalamt und Sicherheitsdirektion übersiedeln.

Auch innen stehen die Zeichen sichtbar auf Veränderung. In den Gängen lagern alte Büromöbel und abmontierte Radiatoren, das Gebäude ist kaum beleuchtet, es ist gespenstisch still.

 

Mauerfall

 

Die Szenerie passt zur Sonderkommission Doping, zu den zehn Kriminalexperten des Landes, die hier unter der Leitung von Andreas Holzer Unterschlupf finden sollten für die nächsten paar Monate.

Eingerissen werden muss die Mauer des Schweigens, die Österreichs Spitzensport in Sachen Doping umgibt. Aufgebrochen werden sollen die Strukturen und Vertriebswege, die über die Fitnesscenter-Schiene tief in den Breitensport hineinreichen. Abgerissen werden soll das Lügengebäude einiger Hintermänner, die in Österreich ihre Zentrale hatten und via Wien willige Weltklasseathleten bedienten.

Bernhard Kohl sitzt im Auto seines Anwalts und wäre gern so abgebrüht wie Manfred Ainedter, der Strafverteidiger mit dem tiefen Bass in der Stimme. Der hat Nerven wie Stahlseile und sagt auf gut Wienerisch: "Tu dir nix an - du sogst einfach die Wahrheit!" Die letzten drei Monate waren für Kohl ein ewiger Drahtseilakt gewesen, auf der einen Seite der Wunsch auszupacken, auf der anderen Seite das Empfinden, nicht all die Sportfreunde in die Sache zu involvieren. Da wie dort droht die Gefahr, fallen gelassen zu werden, dafür eröffnet die Wahrheit die Vision einer Zukunft ohne Rücksicht auf weitere Verluste.

Zeuge

 

Der Würfel war gefallen, Bernhard Kohl für Ende März 2009 als Zeuge geladen. Der Empfang durch die beiden Beamten der SOKO ist freundlich, das Zimmer unaufgeräumt. Zwei Schreibtische, zwei Computer, Aktenberge. Die Kriminalisten blicken auf die Uhr. 11:05 Uhr. Name? "Kohl". Vorname? "Bernhard Peter". Tag und Ort der Geburt? "4. Jänner 1982 in Wien."

Dann die generelle Belehrung: "Ich wurde darauf hingewiesen, dass ich mich mit einer falschen Aussage strafbar machen kann." Auf falsche Zeugenaussage stehen bis zu drei Jahre Haft. Fortan geht es Schlag auf Schlag.

Frage: Um welchen Gesamtbetrag haben Sie von Stefan Matschiner Dopingpräparate angekauft?
Antwort: "Ich schätze, dass ich insgesamt um ca. 50.000 bis 70.000 Euro Präparate von Stefan übernommen habe."

Übernahmen Sie auch das Epo-Produkt Cera, auf welches Sie ja bei der Tour positiv getestet wurden, von Stefan Matschiner?
"Nein, dieses Präparat habe ich von einem Trainingskollegen."

Die SOKO hat gute Vorarbeit geleistet. Wie sonst würden die Ermittler um das Naheverhältnis zum Kärntner Triathleten Hempel Bescheid wissen.

Handelt es sich um Hempel?
"Ja, es handelt sich um Hempel."

"Konkret hat Hannes das Präparat meines Wissens von einer Ärztin, die im Krankenhaus arbeitet. Deren Name ist mir nicht bekannt. Ich habe von Hannes insgesamt drei Spritzen mit je 50 Mikrogramm Cera zum Preis von insgesamt 300 Euro bekommen."

Sind Sie über Stefan Matschiner zu Humanplasma gekommen?
"Ja, Stefan Matschiner hat mich zu dieser Firma vermittelt. Konkret war es so, dass ich im Herbst 2005 erstmals mit Stefan bei der Firma Humanplasma in Wien einen Termin hatte."

Binnen weniger Minuten sind Hintermänner und Mitspieler genannt, bis 13.30 Uhr werden weitere pikante Praktiken enthüllt, die die Polizei noch schneller auf die Spur der Dealer bringen sollten.

Haben Sie in der Folge weiterhin über Stefan Matschiner Blutdoping betrieben, wenn ja, wie?
"Ja. Matschiner machte mir den Vorschlag, dass er die erforderlichen Gerätschaften beschaffen würde. Mir und anderen Sportlern machte er das Angebot, dass wir gegen eine Einmalzahlung diese Gerätschaften frei benützen könnten. Konkret übergab ich an Stefan insgesamt 20.000 Euro für die Anschaffung der Geräte."

Matschiner, Hempel, Humanplasma. Und eine eigene Zentrifuge, die in der Linzer Pferbahnpromenade gestanden war, und Sportlern als Bluttankstelle diente.

Die Beamten fragen weiter:

Welche Sportler haben die anderen Teilbeträge zur Anschaffung der Geräte bezahlt?
"Nach den Erzählungen von Stefan Matschiner hat es sich dabei um den Langläufer Christian Hoffmann und den Radfahrer Michael Rasmussen gehandelt. Im Nachhinein hat mir Stefan auch erzählt, dass Michael Boogerd, Pietro Caucchioli und Thomas Dekker die Geräte für eine Benützungsgebühr in Anspruch genommen hätten. Preisangaben kann ich dazu keine tätigen."

Ein Satz, zwei Namen, drei Teilhaber. Haben neben Bernhard Kohl auch Olympiasieger Hoffmann und Topradler Rasmussen tief in die Privatschatulle gegriffen, um medizinische Gerätschaften zu finanzieren, die stilles, heimliches Blutdoping erlauben sollten?

Dabei sollen beide Herren gemeinsam mit Kohl nicht nur die Zentrifuge finanziert (was auch Matschiner gegenüber der SOKO bestätigte), sondern auch die Miete für die Wohnung in der Linzer Pferdebahnpromenade bezahlt haben. Rasmussen und Hoffmann streiten jede Beteiligung ab. Für beide gilt wie auch für Matschiner die Unschuldsvermutung.

 

 

Häßliche Fratze

 

Bernhard Kohl hatte schon im Dezember 2008 auspacken wollen. Via Anwalt Ainedter, der der Staatsanwaltschaft das Angebot gemacht hatte, den Sumpf trockenzulegen. Doch wo noch keine SOKO, da kein Interesse. Wenige Wochen später nahmen die Beamten mit viel Akribie ihre Arbeit auf, konzentrierten sich vorläufig auf Sub-Dealer oder Fitnesscenter. Puzzleteil für Puzzleteil ergab ein Bild, das die hässliche Fratze des Sports andeutete. Bald waren Dopingmittel im Wert von mehr als 500.000 Euro konfisziert. Kohl war noch nicht am Wort.

Erst Anfang März kam die Vorladung. Für Freitag, den 27. März 2009. Den Tag, an dem Lisa Hütthaler ihr Doping-Geständnis ablegte. Kohl hatte einen Zahnarzttermin - er kam dann erst am Montag, 30. März, dran.

Die Öffentlichkeit fragte damals: Warum hat Kohl nicht schon viel früher geredet. Kohl sagt heute: "Nur die Behörden wussten, dass dieses Angebot seit Dezember 2008 auf dem Tisch lag."

 

 

Verhaftet

 

Stefan Matschiner zeigte Ende März Nerven. "Als Hütthalers Geständnis am Freitag raus war, meldete sich Matschiner Samstagvormittag aus Florida bei mir. Er fragte mich: ,Was ist denn da in Österreich los? Ich hab' das im Internet gelesen. Was macht denn die Hütthaler? Kann ich mich auf dich verlassen?' Ich wollte ihm nicht sagen, dass ich seit Jänner das vorhabe, was Lisa gerade macht. Ich hatte Matschiner damals das Angebot gemacht, dass wir gemeinsam auspacken. Er wollte nicht. Ich wollte die Blutzentrifuge nicht mehr sehen. Ich hab' zu Matschiner gesagt: ,Wir wären die Ersten, die den Schritt gehen.'"

Am Dienstag, 31. März, wird Stefan Matschiner nach seiner Landung vom Flughafen in das Bundesamtsgebäude in der Linzer Nietzschestraße 33 gebracht und ab 9:36 Uhr vernommen. Als Beschuldigter. Als solcher muss er nicht unbedingt die reine Wahrheit sagen, sollte er sich damit belasten.

Also antwortet Matschiner etwa auf die Frage, ob er an Lisa Hütthaler Dopingpräparate weitergegeben habe? "Nein habe ich nicht." Und auf die Frage, ob er bei Humanplasma war, meint er: "Nein, ich kenne die Firma nur aus den Medien."

Die Wahrheit, eine Tochter der Zeit. Matschiner wird festgenommen. Am 3. April, nach den ersten Stunden in der kleinen U-Haft-Zelle, darunter eine Nacht mit Julius Meinl V., erklärt er: "Ich möchte meine Beschuldigtenvernehmung ergänzen/berichtigen und gebe nach neuerlicher Belehrung fortgesetzt vernommen an: Inklusive Bernhard Kohl und Lisa Hütthaler habe ich zehn Sportler mit Dopingpräparaten versorgt (...)."

 

 

"Ein gutes Gefühl"

 

Kohl sagt heute: "Es war ein gutes Gefühl, alles gesagt zu haben. Aber ich habe mich in diesem turbulenten Frühjahr auch gefragt, ob die Öffentlichkeit überhaupt die ganze Wahrheit wissen will. Da stand in einer Zeitung: ,Kohl der Verräter! Jetzt reißt er auch andere Topstars wie Hoffmann oder Totschnig mit.'"

Am 26. Mai 2009 gab Bernhard Kohl seinen Rücktritt bekannt. Am 11. August 2009 legte die SOKO der Staatsanwaltschaft ihren Abschlussbericht vor. Darin heißt es: "Anzuführen ist, dass Bernhard Kohl bereits im Dezember 2008 (...) gegenüber der Staatsanwaltschaft Wien bereit war, konkrete Angaben bezüglich des Dopings im Spitzensport zu tätigen. Durch die in der Folge getätigten Angaben des Bernhard Kohl konnten die kriminalpolizeilichen Ermittlungen gezielt geführt werden und wurden diese wesentlich erleichtert. Die Angaben des Bernhard Kohl erscheinen (...) absolut glaubwürdig."  Wie Sportler in jungen Jahren verführt wurden. Und welche verbotenen Präparate beim Bundesheer in Minibars lagerten. Wer wirklich erfolgreich sein will, darf im Training und in der Regeneration keine Kompromisse eingehen." Bernhard Kohl lebte diese Worte bis zum letzten Punkt seiner Karriere.           

 Gelb eingefärbte Aufnahme von Soldatenbeinen.

In jeder Hinsicht. Der ehemalige Radprofi erfüllte nie das Klischee von der Unschuld vom Lande. Schon bald wurde ihm jegliche Naivität ausgetrieben. Mit 19 Jahren, beim Militär.

Der brave Soldat Kohl leistet seinen Grundwehrdienst seit wenigen Wochen im Heeressportzentrum Südstadt, in einer Kaserne an der Peripherie von Wien, in der nur wenigen sportlichen Ausnahmetalenten Aufnahme gewährt wird. Was er dort erlebte, entspricht dem nackten Wahnsinn, im wahrsten Sinne des Wortes. 

 

 

Teil 7: Der Doping-Wahnsinn beginnt in der Kaserne 

 

Privileg

Mit "Habt Acht" hat der österreichische Heeressport generell nicht viel am Hut. Ein Privileg, das angehenden Spitzensportlern vorbehalten bleibt, um sie zu fördern. Auf dem Dienstplan steht Training. "Bernhard war schon immer einer, der mehr trainiert hat als alle anderen", erinnert sich Horst Krainz, sein ehemaliger Jugendtrainer. "Er war immer schon extrem ehrgeizig. Er hat es so weit gebracht, weil er es unbedingt wollte."

Eine Zwischenstation war das Heeressportzentrum Südstadt. "Als ich dort einrückte, waren mit Christian Hölzl, Patrick Kofler (er wurde zwei Jahre später des Epo-Dopings überführt, Anm.), Wolfgang Pichler und Christian Pfannberger (er wurde später zwei Mal des Dopings überführt, Anm.) schon vier arrivierte Sportler seit längerer Zeit in der Südstadt. Zu Christian Pfannberger baute ich relativ rasch eine Freundschaft auf, was dazu führte, dass er mich schon bald unter seine Fittiche nahm. Christian war zu dem Zeitpunkt 22, ich 19."

Pfannberger und Kohl - ein dynamisches Duo, talentiert, verbissen, schlitzohrig. Eines Tages holen die Talente im sportmedizinischen Institut IMSB die Aufzeichnungen ihrer Blutwerte ab. "Christian Pfannberger warf einen Blick auf meine Daten und lachte plötzlich laut auf. Ich hatte einen Hämatokritwert von 37 und einen Eisenwert von sieben. Pfannberger sagte: ,Kohli, das ist ja Wahnsinn - mit solchen Werten kannst du doch nicht Radfahren!' Ich war naiv und antwortete: ,Interessant, und was macht man da?'"

Pfannberger sagt auf KURIER-Anfrage zum damaligen Treiben beim Bundesheer nur: "Wenn Sie glauben, dass das die Wahrheit ist, dann schreiben Sie es bitte."

Erfrischungen

Erfrischungen

 

 

Die Zimmer in der Südstadt sind spartanisch eingerichtet. Dunkler, billiger Laminatboden, in der Ecke ein alter, abgewetzter Schreibtisch, zwei Betten, von der Wand lachen Bundespräsident und Verteidigungsminister.

"Jedes Zimmer war mit einer kleinen Minibar ausgestattet. Ich dachte, da seien Snacks und Getränke drin. Kurze Zeit später hat mich ein Radkollege in sein Zimmer geholt und gesagt: ,Kohli, jetzt arbeiten wir einmal an deinem Eisen- und Hämatokritwert.'" Der Kollege öffnet die Minibar, und siehe da - keine Peanuts, auch kein Cola drin.

Kohl: "Er hat Vitamin C und Eisen herausgenommen und mir die Präparate intravenös gespritzt. Ich war in einer Art Schockzustand und habe das über mich ergehen lassen. Auch mit dem Wissen, dass es sich nur um Vitamine und Eisen handelte. Mein Kollege weihte mich auch noch in die Geheimnisse des Epo-Dopings ein, meinte aber, dass ich dafür noch Zeit hätte. Es war zunächst schockierend. Mir ist plötzlich bewusst geworden, was hier abläuft. Ich fragte mich, was wohl bei den anderen 15 Heeressportlern im Kühlschrank sei."

Kein Aufseher, kein Vorgesetzter habe sich jemals darum gekümmert. Wie es da erst im Profilager zugehen musste? Die ersten Erfolge (ohne Doping) spornen den Wolkersdorfer an, er weiß um den Spielraum nach oben.

 

 

Geheimnisse

 

Zweites Jahr als Wehrmann, zweites Jahr in der U 23, erstes Trainingslager. Bernhard wählt die spanische Costa Blanca als Ziel. Alicante. Auf Solopfaden zu Trainingszwecken. Ein Buch hat er auch mit. Willy Voet. "Gedopt. Der Ex-Festina-Masseur packt aus. Oder: Wie die Tour auf Touren kommt." Die Geheimnisse eines Insiders, sie werden damals von allen Jungen verschlungen. "In diesem Buch stand tatsächlich alles drin, was man wissen musste. Eine Doping-Anleitung. Wir waren so neugierig. Wir wollten unbedingt erfahren, was die Profis machen."

Der 20-jährige Kohl sitzt in seinem Apartment in Alicante, liest und weiß, er muss sich entscheiden: Biegt er links ab, führt die Straße geradewegs ins sportliche Flachland, wo man vielleicht bei einem Ostermontagsrennen mit einer Stange Salami abgespeist wird. Biegt er hingegen rechts ab, gibt es Aussicht auf erste Hügel, die - begnadetes Talent und eisernen Willen vorausgesetzt - irgendwann in die Berge führen können.

"Ich stand damals an dieser Kreuzung und hatte die Wahl: Mache ich weiter oder höre ich auf? Manche hören auf. Denen, die den Weg weitergehen, bleibt dann nichts anderes übrig. Weil es dir so vorgelebt wird." Kohl entscheidet sich. Zum Glück gibt es in Alicante auch Apotheken.

"Ich habe Spritzen, Nadeln und Vitamine gekauft. Im Appartement habe ich Vitamin B-12 gespritzt. Zuerst habe ich die Nadel langsam angesetzt. Dann habe ich mich nicht drücken getraut. Und so kam es, dass ich vier Kanülen verbraucht habe, weil ich nach jedem misslungenen Versuch dachte, die Nadel sei nicht mehr steril, die muss ich sofort wieder tauschen. Diese Prozedur hat drei Stunden lang gedauert, der Schweiß lief mir von der Stirn, bis ich dann endlich hineingestochen habe. In den Hintern."

Der Bann ist gebrochen, der Weg zum professionellen Dopen vorgezeichnet. Kontrollen können ihn niemals von diversen verbotenen Aktivitäten abhalten. Und Kontrollen gibt es viele. 17 Jahre war Bernhard alt, als es erstmals klingelte. Doping-Fahnder, eine Trainingskontrolle, zufällig, zielgerichtet. Damals war der Jungradler noch sauber wie ein frisch gewaschenes Radlertrikot. Später freilich ist er das nicht mehr. Erwischt wird er dennoch nur einmal. Bis zum Ende seiner Karriere sollte Kohl 200 Dopingtests absolvieren müssen, darunter vierzig Blutkontrollen.

 

 

Die Minibar

 

"Gegen Fahrer aus dem Osten hatten wir anfangs keine Chance. Die wurden systematisch gedopt. Sie haben es zugelassen, auch aus sozialen Motiven, in der Hoffnung, ihre Familien irgendwann einmal aus dem Elend befreien zu können. Damals sind bereits viele unter 23-Jährige aus dem Osten mit einem Hämatokritwert von über 50 gesperrt worden."

Bernhard Kohl kauft sich nach diesen Erlebnissen bald eine eigene Minibar, stellt sie in das Zwei-Mann-Zimmer der Kaserne in der Südstadt und lässt sich von zwei Radkollegen, einer davon Italiener, die passende Innenausstattung liefern.

"Vom Italiener erhielt ich Epo, vom Radkollegen aus Österreich Eisen und Vitamine. Er hat mich im Laufe meiner Karriere öfters mit Epo und Wachstumshormonen versorgt. Kurze Zeit später habe ich bereits selbst Wachstumshormone und Epo gespritzt. Und zwar vor der U-23-EM in Bergamo. Die Mengen waren gering, die kann man mit denen, die ich mir in meinen letzten vier Jahren als Profi verabreicht habe, nie und nimmer vergleichen."

 

 

Der Grieche

 

Der verbotene Stoff stammt von einem gewissen Niko, angeblich Grieche, gegelte Haare, gebrochenes Englisch. "Mein Radkollege erzählte mir, dass die meisten Heeressportler von Niko versorgt würden. Ich selbst hatte mit ihm nie Kontakt."

Kohls Radkollege war der Ansprechpartner in Dopingfragen. "Er erzählte mir, dass Niko die österreichische Dopingszene als Betreuer zahlreicher Sportler aufgebaut hatte. Erst dann kam der Italiener ins Spiel, der später einer der Hauptlieferanten der österreichischen Radszene werden sollte."

Der Grieche schreibt auch Trainingspläne. Seine Philosophie? So überzeugend wie sein Auftreten: "Wenig Training, viel Epo!" Der Verkaufsschmäh eines Vertriebsmanagers. "Niko meinte: Wenn du viel trainierst, dann senkt sich der Hämatokritwert wieder." Kohls Kollege beim Bundesheer indes hatte bald seine eigene Erfolgsformel entwickelt. "Er hat immer gesagt: Viel spritzen und viel trainieren ist viel besser! Er ist auf dem Gebiet offensichtlich gut eingeschult worden. Der kannte sich wirklich bestens aus."

 

 

In der Traumfabrik

 

Bernhard Kohl ist plötzlich mittendrin statt nur dabei. Epo. Drei Buchstaben für ein Halleluja. "Es ist sogar vorgekommen, dass ich nachts aufgewacht bin, weil ich von Doping träumte und das Gefühl hatte, ich strample und meine Beine bewegen sich ganz von selbst." Die mentale Wirkung ist beachtlich: "Ich spürte eine unglaubliche geistige Frische, fühlte mich allein mit diesem Wissen deutlich leistungsfähiger. Man denkt sich: Jetzt mache ich das, was alle anderen auch machen - ich bin dabei!"

Dennoch sind Kohls Werte vorerst nicht die besten. "Im U-23-Nationalteam wurden die Werte kontrolliert. Ich hatte Hämatokrit 38. Die anderen Fahrer lachten laut. Der Hämatokritwert meiner Kollegen bewegte sich damals kollektiv zwischen 45 und 50, was ja nicht gerade der Normalität entspricht. Und trotzdem war ich bei diesem Bewerb der beste Österreicher."

 

 

In der Unterwelt

 

Talent ist also ausreichend vorhanden. Ebenso das Wissen, das eigene körperliche Potenzial noch nicht annähernd ausgereizt zu haben. Der Einstieg in die Unterwelt der Sportszene, er verläuft reibungslos. "Angst vor Kontrollen hatte ich kaum. Es gab damals so gut wie keine Trainingstests. Alles schien gefahrlos. Man musste die Präparate nur früh genug spritzen. Als Faustregel galt: Eine Woche vor einem Start ist Schluss mit Epo! Das hörte man von allen Fahrern. Montag, allerspätestens Dienstag haben wir Epo gespritzt, am Wochenende waren wir wieder sauber. Und Wachstumshormone, die waren generell unproblematisch. Die sind ja bis heute nicht nachweisbar."

Nach der Österreich-Tour 2004 will Bernhard Kohl unbedingt Profi werden. "Der Italiener besorgte mir wieder Epo und Wachstumshormone. Im August 2004 gewann ich die Tour des Pyrénées." Damals sucht T-Mobile, ein Team, das maßgeblich von der Wiener Dependance finanziert wird, einen Österreicher. Der Tiroler Georg Totschnig hat das Team in Richtung Gerolsteiner verlassen. "Der Sieg in den Pyrenäen war mein Glück. Ich hatte endlich meinen ersten Profi-Vertrag in der Tasche." 

Bernhard Kohl: Das Leben danach

 

Gerade als die Karriere von Bernhard Kohl versprach, ordentlich Geld abzuwerfen, da war sie vorüber. Ob es ruhig geworden ist um den jungen Wolkersdorfer, der erst zum Sporthelden und dann zum Dopingsünder mutierte? Klare Antwort. Nein. Kohl: "Ich will, dass andere aus meinen Fehlern lernen."

"Noch immer sprechen mich viele Leute auf der Straße an. Zum Glück erfahre ich fast nur positives Feedback: Das bestätigt mich, dass es gut war, das Outing zu tätigen", sagt Bernhard Kohl, der seit dem Karriereende Radcamps veranstaltet (www.bernhardkohl.at) und Geschäftsideen entwickelt.

Die Monate nach dem Rücktritt waren geprägt von Interviewterminen im In- und Ausland (u.a. bei Beckmann), Befragungen bei der Polizei und Anti-Doping-Agenturen. Zudem hat der Ex-Profi bei diversen Events teilgenommen wie bei einem Promi-Poker-Turnier oder bei einem Fotoshooting für einen Aktkalender zugunsten der Kinderkrebshilfe.

Für Kohl selbst blieb nicht viel Kohle übrig. Gerade als die Karriere versprach, ordentlich Geld abzuwerfen, da war sie vorüber. Bernhard Kohl hatte nach seiner glorreichen Tour 2008 jede Menge Angebote. Silence-Lotto machte das Rennen. Ein Dreijahresvertrag wurde aufgesetzt. Im ersten Jahr waren 800.000 Euro garantiert, im zweiten eine Million, im dritten 1,2 Millionen. Für den Tour-Sieg sollte es eine Million zusätzlich geben. "Ich habe den Vertrag noch zu Hause, er ist das Papier nicht mehr wert, auf dem er geschrieben ist. Dennoch werde ich ihn mir einmal einrahmen und aufhängen."

Nur wer ganz oben ist, kann sich über sorgenfreie Jahre freuen. Sofern nichts dazwischen kommt, wie etwa ein positiver Dopingtest. Bernhard Kohl weiß das. Der 28-Jährige gibt sein Wissen weiter. Er hält zurzeit Vorträge in Deutschland (organisiert vom Innenministerium und der EU) zum Thema Anti-Doping. Gleiches tut er in österreichischen Schulen. Bernhard Kohl: "Ich will, dass andere aus meinen Fehlern lernen." 

"Hoffe, dass Verfahren eingestellt wird"

 

Manfred Ainedter, der Verteidiger von Bernhard Kohl, beantwortete im KURIER.at-Chat Fragen zu Doping und seinem Beruf als Star-Anwalt. Nikolaus H.: Gehen Ihnen Fälle manchmal nahe, oder wahren Sie immer die Distanz?
Manfred Ainedter: Ja, sicher, es ist manchmal schwierig die nötige Distanz zu wahren. Ainedter

Nikolaus H.: Vertreten Sie auch andere Prominente?
Manfred Ainedter: Ja.

Gertrud V.: S.g. Herr Ainedter: Bernhard Kohl wollte ja schon im Dezember 2008 auspacken. Sie haben ihm dazu geraten? Warum hat er es nicht getan?
Manfred Ainedter: Weil die Staatsanwaltschaft an seinen Aussagen damals nicht interessiert war. Man hat mir sinngemäß erklärt, "wenn er sein Gewissen erleichtern will kann er ja eine Aussage machen", aber wir haben keinen Handlungsbedarf im Hinblick darauf, dass es die strafrechtlichen Bestimmungen erst seit 1.8.2008 gibt.

Nikolaus H.: Wie gehen Sie mit Medien um, wenn sie Skandal-Fälle wie jenen rund um Bernhard Kohl vertreten?
Manfred Ainedter: Ich versuche mit den Medien im Interesse meiner Mandanten ein für diese günstiges Klima zu schaffen.

M L.: Werden sie Bernhard Kohl und KHG miteinander bekannt machen?
Manfred Ainedter: Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Das müssen diese selbst entscheiden.

Clara M.: Ist es schwer, jemanden zu vertreten der schuldig ist?
Manfred Ainedter: Nein, jeder hat das Grundrecht auf Verteidigung.

Paul K.: B. Kohl hat Blutdoping bei Humanplasma versucht, gleichzeitig schon EPO, Insulin und andere harte Sachen gekauft. Später (Dopinggesetz!) hat er selber Blut gezapft und weiter EPO genommen. Was wird ihm konkret vorgeworfen? Da geht alles durcheinander.
Manfred Ainedter: Das ist noch nicht absehbar, die Staatsanwaltschaft Wien hat noch keine Entscheidung getroffen, ich glaube und hoffe, dass das Verfahren gegen ihn eingestellt wird, da seine Verfehlungen vor dem 1.8.2008 stattgefunden haben.

Paul K.: 2005 hat Matschiner begonnen, Kohl Blut abzunehmen. Später kam er dann, angeblich über Matschiner, zu Humanplasma. Im Kurier schreibt Kohl aber auch, dass ihn Weiss zur Blutbank gebracht hat. Ds passt doch nicht zusammen. Sagt er doch nicht "einfach die Wahrheit", wie Sie ihm geraten haben?
Manfred Ainedter: Kohl war mit einigen anderen Sportlern und Matschiner in der Blutbank. Den Kontakt hat jedenfalls Matschiner hergestellt.

.: Herr Ainedter, wen vertreten Sie noch in Sachen Doping? Bekannte Mandanten sind Kohl und Schröcksnadel. Wen noch?
Manfred Ainedter: Ist aus den Medien glaube ich bekannt, meine anwaltliche Verschwiegenheitspflicht hintert mich an der Beantwortung dieser Frage.

Karin G.: Stimmt es, dass Sie nicht nur den Herrn Kohl, sondern auch den ÖSV in Sachen Doping vertreten? Wie paßt das zusammen?
Manfred Ainedter: Sehr gut, da mein Mandant Präsident Schröcksnadel mit Sicherheit einer der stärksten Gegner von Doping aller Art ist. simon b.: Ihr Mandant Kohl steht in kürze wegen verbotenem Doping (Blutdoping, EPO, usw.) vor Gericht. Ihr Mandant Schröcksnagel (ÖSV) steht in Italien wegen Organisation von Doping vor Gericht. Der ÖSV-Präsident kritisiert das ital. Verfahren massiv. Erwarten Sie für Kohl einen fairen Prozess in Österreich?
Manfred Ainedter: Ich erwarte gegen Kohl gar keinen Prozess, der Prozess in Italien hat mit einem Rechtsstaat leider gar nichts zu tun, wir kämpfen dort um bei uns an sich selbstverständliche Dinge wie Übersetzung von Unterlagen, ein Vorverfahren hat nicht stattgefunden, der Prozess ist zumindest hinsichtlich meines Mandanten Schröcksnadel ein einziger Skandal. Ich werde daher den nächsten Verhandlungen persönlich beiwohnen.

Karin G.: Kohl füttert den Kurier und andere Medien mit angeblichen Enthüllungen über andere Sportler. Erhoffen Sie sich eine Strafmilderung für Ihren Mandanten, wenn er andere Sportler anschwärzt?
Manfred Ainedter: Mein Mandant schwärzt niemanden an, es liegt in der NAtur der Sache, dass jemand der wie Kohl ein umfassendes Geständnis ablegt, auch sein Wissen über andere im Verdacht stehende Personen preisgibt. Man kann nicht nur ein bisschen die Wahrheit sagen. Da gilt die Devise: Ganz oder gar nicht.

simon b.: Kohl hat Matschiner 20.000 Euro gegeben, um Blutdoping-Geräte anzuschaffen. Damit wurde bis 2008 Blutdoping betrieben, angeblich von vielen anderen Sportlern. Hat Kohl an den Geräten verdient?
Manfred Ainedter: Leider nein.

Christoph D.: Wer übernimt den ihre Kosten, wenn Bernhard Kohl laut eigenen Angaben so gut wie nichts mehr an Geld besitzt?
Manfred Ainedter: Auch hier hindert mich meine anwaltliche Verschwiegenheitspflicht an der Beantwortung.

 

Adelheid F.: Herr Ainedter, mal eine Frage abseits von Kohl und Co. Die Wienerische Sprache scheint Ihnen ja am Herzen zu liegen, immerhin haben Sie die Patenschaft für den Ur-Wiener Ausdruck "Strizzi" übernommen. Warum gerade dieses Wort? Und wie sieht eine solche Patenschaft aus?
Manfred Ainedter: Tatsächlich liegt mir das Wienerische als Ur-Wiener am Herzen, "Strizzi" ist das Wiener Wort für einen nicht wirklich bösen Rechtsbrecher. Man könnte auch "Schlaucherl" sagen, gemeint ist jedenfalls ein Mensch, der meist auf Kosten anderer möglichst wenig arbeitet (siehe "Geschichten aus dem Wienerwald").

Karin G.: Bernhard Kohl sagt, dass er ab Frühjahr 2005 monatlich für 1000 Euro bei Matschiner verbotene Dopingsubstanzen gekauft hat. Dem hat er Prozente von seinen Siegerprämien gegeben. Das ist doch gewerbsmäßiger Betrug. Wie sehen Sie das als Jurist? Gibt es schon Klagen von Veranstaltern und Sponsoren?
Manfred Ainedter: Nein, das ist auch nicht verwunderlich, da Veranstalter wie Sponsoren nicht auf dem Mond leben und daher ganz genau wissen, dass Spitzenleistungen in manchen Sportarten ohne Doping so gut wie unmöglich sind.

Gerhard H.: Wie geht es Ihnen mit ihrem braven Sohn, fein, oder?
Manfred Ainedter: Sehr gut. Er wird sicher ein guter Anwalt.

Adelheid F.: Sie sind nicht nur Vorstandsmitglied der Österreichischen Krebshilfe, sondern engagieren sich auch aktiv für den "Raucherschutz". Haben Sie vor, in absehbarer Zukunft mit dem Rauchen aufzuhören?
Manfred Ainedter: Irgendwann höre ich sicher auf.

Anita P.: Haben Sie schon jemals einen Fall bearbeitet der Sie kurzzeitig ans Aufhören hat denken lassen?
Manfred Ainedter: Nicht einen, viele. Aber da ich meinen Beruf wirklich liebe und ihn im Falle der Wahl wieder ergreifen würde, muss ich auch mit solchen Fällen leben. Man kann sich nicht nur die Rosinen aussuchen. Kathrin L.: Suchen Sie sich gezielt prominente Klienten aus oder kommen die zu Ihnen?
Manfred Ainedter: Ich kann mir so wie alle anderen Anwälte die Klienten nicht suchen, ich bin ein Dienstleister und kann nur mit meiner Leistung überzeugen. Dies dürfte mir ganz gut gelingen und daher kommen die Klienten zu mir.

Anita P.: Kein Prozess für Bernhard Kohl - somit wird dieses "Fehlverhalten" von einer in der Öffentlichkeit stehenden Person gut geheißen?!
Manfred Ainedter: Die Sanktion für Bernhard ist die schlimmste aller denkbaren, nämlich der Existenzverlust. So gesehen würde eine strafgerichtliche Verurteilung zu ein paar Monaten bedingter Freiheitsstrafe oder eine Geldstrafe für sein weiteres Fortkommen nicht wirklich ins Gewicht fallen. Dies ist in vielen Fällen strafgerichtlicher Sanktionen und nicht nur bei Kohl so.

Paul T.: Haben Sie es jemals bereut, aus dem Schatten Ihrer Klienten an die Öffentlichkeit gestiegen zu sein?
Manfred Ainedter: Ich bin nie und werde niemals ohne Absprache mit meinen Klienten in die Öffentlichkeit gegangen.

Anna K.: Würden Sie einem jungen Anwalt raten, sich in das Promi-Geschäft zu stürzen?
Manfred Ainedter: Das ist keine Entscheidung des Anwalts sondern der Öffentlichkeit. Nur diese entscheidet darüber, über wen und was berichtet wird.

Adelheid F.: Welchen Beruf hätten Sie sonst noch gern ergriffen, wären Sie nicht Anwalt geworden?
Manfred Ainedter: Sicher einen juristischen, die Entscheidung für den Anwaltsberuf habe ich erst während meines Gerichtsjahres getroffen. Ich habe mich auch für den Richterberuf interessiert, bis mir mein erster Ausbildungsrichter dazu sinngemäß gesagt hat: "Wenn Sie die Wadelbeisserei aushalten und mit wenig Geld auskommen, ist es ein super Beruf". Beides traf auf mich nicht zu... (lacht).

Anita P.: Würden Sie auch Roman Polański vertreten?
Manfred Ainedter: Mit Freude, es ist ein Skandal wie das für unsere Begriffe unfassbare US-Rechtssystem und eigentlich auch die Schweiz mit ihm umgeht.

Gertrud V.: Wann setzen Sie sich zur Ruhe? Was haben Sie in Ihrem wohlverdienten Ruhestand vor?
Manfred Ainedter: Noch lange nicht. Mir macht der Beruf nach wie vor Freude.

Anna K.: Kommt man in ihrem Job durch, ohne Feinde zu machen?
Manfred Ainedter: Nein (lacht).

Maarten V.: Sind auch holländische Sportler bei Matschiner gekommen für Blutdoping oder EPO?
Manfred Ainedter: Die SOKO Doping hat das Rabobank-Team vernommen. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Lara S.: Wie viel Erfahrung haben Sie mit Doping?
Manfred Ainedter: Mittlerweile durch meine Mandate viel. Es ist unglaublich, welche Mittel eingesetzt werden. (Z.B: Viagra, Hormone aus der weiblichen Plazenta)

Clara M.: Warum sind Sie Anwalt geworden?
Manfred Ainedter: Weil ich Ungerechtigkeiten und Unrecht aller Art schon immer schlecht vertragen habe.

Maarten V.: Hat Matschiner auch in 2006 mit Blutbeutel Sportler bei Wettkämpfe besucht? Zum Beispiel die EM Leichtatletik in Göteborg?
Manfred Ainedter: Kann ich nicht beantworten, da ich es nicht weiß.

Anita P.: Wie glauben Sie wird das Verfahren um Roman Polański weiter gehen?
Manfred Ainedter: Kann ich nicht sagen, vielleicht liefern sie ihn nach Guantanamo aus, dort herrscht völlige Recht- und Gesetzlosigkeit.

Die besten Chat-Sager von Bernhard Kohl

 

Der ehemalige Radprofi beantwortete im KURIER-Chat die Fragen der Leser. Daniel L.: Hast du wieder vor in den Radsport einzusteigen? Darfst du das überhaupt? Drück dir die Daumen!

Bernhard Kohl: Dadurch, dass ich die volle Wahrheit gesprochen habe, gibt es für mich kein Zurück mehr. Allerdings bin auch nicht böse darüber, weil ich ein neues Kapitel in meinem Leben aufgeschlagen habe.

 

Kohl: "Angesprochen werde ich ständig"

 

 

Bernhard Kohl im KURIER-Chat.

 

Hans J.: Wohnen sie noch in Wolkersdorf? Werden sie dort auf der Straße angesprochen?
Momentan wohne ich bei meiner Freundin in Wien. Doch bin ich zu den Wochenenden öfters in Wolkersdorf. Angesprochen werde ich eigentlich ständig, egal wo ich bin.

Deger B.: Ich bin Hobby-Sportler und habe eine für mich sehr wichtige Wette mit einem Freund im Ausdauerbereich. Mit welchen LEGALEN Mitteln könnte ich mein Leistungsvolumen ein wenig erhöhen?
Gesunde Ernährung, kein Alkohol, kein Sex vor dem Wettkampf ;) 

richard k.: wer soll ihnen noch glauben?
Der Satz, "wer einmal lügt, dem glaubt man nicht", ist schon sehr differenziert zu sehen. Denn kennen Sie einen Menschen, der aus der Not heraus noch nie gelogen hat?

Franz B.: Warum hat Herr Bernhard Kohl zuerst gelogen,dann die Wahrheit gesagt, und dann noch andere verraten!?
Diese Namen habe ich unter Wahrheitspflicht als Zeuge vor der SoKo-Doping aussagen müssen. Dass nun diese Namen stückerlweise an die Öffentlichkeit geraten, lässt sich offensichtlich nicht verhindern, da sehr viele Leute Akteneinsicht haben.

Mark H.: Nehmen wir die 100 besten Radfahrer der Welt her, wieviel % davon haben ihrer Meinung nach schon einmal vor einem Wettkampf gedopt?
Ein Beispiel: Tour de France, 3500 km, 40.000 Höhenmeter (vier Mal der Mount Everest) und das mit einem Schnitt von 40 km/h: Wie soll das gehen?

Moderator: Halbzeit im KURIER.at-Chat, die Tastaturen glühen. Bernhard Kohl freut sich über die interessanten, teils kritischen Fragen.

Johann L.: Es gibt Profis die heuer alle 3 großen Rundfahrten auf hohen Niveau gefahren sind. Ist das ohne Doping ihrer Meinung nach möglich?
Ich hatte ca. 200 Doping-Kontrollen und bin nur einmal überführt worden. Hier erkennt man die Nachweisbarkeit von Doping.

Leo W.: Ab welchem Zeitpunkt wussten Sie, dass es ohne zu dopen nicht mehr geht?
Wenn man in der U23-Klasse schon in die Dopingpraktiken eingeweiht wird, kann man sich als junger Sportler schon vorstellen, wie es dann erst bei den Profis ablaufen wird.

Badger .: Könnten Sie die Zeit zurück drehen, würden Sie sich nochmal für den Radsport entscheiden? Mit allen seinen Konsequenzen?
Mit dem heutigen Wissenstand würde ich es wohl bleiben lassen. Doch kann man nicht in die Zukunft blicken und mit meinem damaligen Wissen hätte ich es wieder getan. Doch bleiben auch so sehr viele schöne Erinnerungen an meine Profi-Zeit, die ich nicht missen will.

Annemarie M.: Welche Rolle spielt eigentlich der Präsident des Radsportverbandes? Nach außen hin hat er schon in 2006 stärkere Kontrollen angekündigt, seitdem wurde offenbar mehr gedopt als je zuvor.
Auch die Radsportverbände leben von der Faszination Sport.

Helmut O.: warum behaupten sie, dass Spitzenleistungen im Sport nur mit Doping möglich sind ? Ich bin als ehemaliger Leistungssportler entsetzt über diese Aussage.
Weil ich es im Radsport so erlebt habe.

Richard C.: Trainierst Du noch regelmäßig oder bist Du schon längere Zeit nicht mehr Rad gesessen?
Ich bin heuer auf knappe 7000 km gekommen. Ich probiere, mich einfach fit zu halten und der Radsport macht mir einfach immer noch eine Menge Spaß. Nur jetzt fahre ich in einem gemäßigterem Tempo - so mit einem Schnitt von 32 km/h und nur noch bei schönem Wetter.

Christian B.: Wären sie nochmals bei der Tour de France an den Start gegangen, wenn ihr schweres Dopingvergehen im Unbekannten geblieben wäre?
Natürlich. Wer gibt schon etwas zu, wenn er nicht erwischt wurde? Man gibt ja seinen Autoführerschein auch nicht freiwillig ab, wenn man einmal zu schnell oder betrunken gefahren ist.
Bernhard Kohl im KURIER-Chat.

Christian K.: Gab es Kollegen die den Radsport verließen weil sie nicht dopen wollten?
Es gibt nicht viele. Aber vor Jahren gab es einmal den Didi Hauer, wenn ich mich richtig erinnere.

Lukas L.: Was sagten Ihre Freunde, Ihre Familie dazu, als das ganze Doping ans Tageslicht kam?
Für sie war es natürlich auch ein Schock. Doch haben sie durch mich die ganzen Hintergründe jetzt genauer erfahren und können mein Handeln jetzt voll und ganz verstehen.

peter p.: Wie groß ist in deinen Augen die Schuld der Medien am Doping von Jungsportlern, da Sportjournalisten genau wissen ab wann im Leistungssport gedopt wird, aber nur die Fälle die öffentlich werden groß behandelt und bei allem Anderen wegsieht?
Sie haben Recht, dies ist sicherlich ein großes Problem.

Johann L.: Ich kann diese Aussage, dass Spitzen(rad)sport nur mit Doping möglich ist von Herrn Kohl nur bestätigen, da ich es selbst erlebte!
Danke für die Ehrlichkeit.

Werner S.: macht es sie nicht wütend, das warscheinlich andere doper der tour ihre siege feiern konnten und nicht belangt wurden?
So ist das System. Würde ich mich fertigmachen, würde mir vielleicht das gleiche Schicksal blühen wie Vandenbrouke oder Pantani.

Moderator: Unser Chat läuft noch 15 Minuten lang, stellen Sie jetzt Ihre letzten Fragen!

Hannes G.: Was meinen Sie? Wird es in absehbarer Zeit möglich sein, Doping gänzlich zu überwachen?
Wenn eine weltweite politische Einigung gefunden wird, dann wäre es möglich. Doch dies wird wohl ein langer Weg sein.

Johann L.: Ja ich Johnny Leitner war so ein Radsportler!! Liebe Grüße Berni ;-)
Servus Johnny! Liebe Grüße zurück!

M F.: Sehr geehrter herr Kohl! Warum wurde Ihrer Ansicht nach das Verfahren gegen die beteiligten Ärzte vorschnell durch die Staatsanwaltschaft niedergelegt, wo doch zwar der Tatbestand der Beihilfe zum Dopin vor dem Stichdatum 01.01.2008 straffrei war, jedoch zum Beispiel andere Delikte wie nach dem Ärztegesetz/sogenannter "Kurpfuscherei"-Paragraph bzw. Disziplinarrechtliche Schritte über die Ärztekammer und der tatbestand der fahrlässigen Gesundheitsgefährdung (z.B. durch Allergischen Schock im Rahmen der Blutabnahme und Verdünnung der Präparate mit Citrat) durchaus gegeben ist? Wurde da "proaktiv" dir verfolgung gestoppt?
Soweit ich weiß, sind die Verfahren noch nicht eingestellt.

Richard C.: Hat es zu deiner Zeit bei T-Mobile systematisches Doping gegeben? Warst Du jemals in der Uni-Klinik in Freiburg?
Ich war noch zu jung, um dort involviert gewesen zu sein. Doch der Untersuchungsbericht über die Vorgänge in Freiburg ist sogar im Internet abrufbar.

Clemens H.: Wie geht man eigentlich mit den vielen Schulterklopfern um, die sich "danach" als Saubermänner von einem abwenden ...... ich persönlich muss zu dieser Dopingsache sagen, daß ich es vollkommen verstehe, welche Aussichtslosigkeit im Sport besteht, wenn man es ohne Doping bis ganz nach oben schaffen möchte ..... ich kann es zwar nicht gut heissen, aber Bernhard Kohl hat mein vollstes Verständnis - er hat alles auf eine Karte gesetzt und verloren .... genau diese Gedanken treiben einen Menschen an die Spitze seines Sportes ... Kompromisslosigkeit .....
Ich habe Gott sei Dank erkannt, wer ein wahrer Freund ist und wer die Schulterklopfer waren. So sind mir große Enttäuschungen erspart geblieben. Man schmückt sich eben gerne mit erfolgreichen Sportlern.

due s.: werden sie in zukunft, in welcher form auch immer mit der jugend zusammen arbeiten? wie argumentieren sie vor elternteilen dass sie der richtige für dieses vorhaben sind?
Ich werde in den kommenden Wochen Doping-Präventionsvorträge in Schulen halten, um dort meine Erlebnisse preis zu geben, um den einen oder anderen hoffentlich vom Doping abhalten zu können.

Daniel L.: Hast du wieder vor in den Radsport einzusteigen? Darfst du das überhaupt? Drück dir die Daumen!
Dadurch, dass ich die volle Wahrheit gesprochen habe, gibt es für mich kein Zurück mehr. Allerdings bin auch nicht böse darüber, weil ich ein neues Kapitel in meinem Leben aufgeschlagen habe.

Max N.: Hallo Berni
Servus Max!

Hannes G.: ich wünsche ihnen alles gute für die zukunft und viel kraft, die negativen meinungen mancher menschen zu überhören ;)
Besten Dank.

J. E.: warum laufen Sie eigentlich noch frei herum, nachdem sie sich mit einem riesenbetrug einen millionenvertrag sichern wollten?
Würde es so strenge Gesetze geben, hätten wir vielleicht einen Doping-freieren Spitzensport.

Paul T.: Haben Sie irgendetwas gelernt, außer möglichst schnell einen Berg raufzuradeln? Wie verdient Sie jetzt ihr geld? Bilden Sie sich weiter?
Ich habe eine Rauchfangkehrer-Lehre, habe in letzter Zeit Wifi-Kurse besucht und bin gerade bei einer Geschäftsgründung.

Moderator: Wir haben das Ende unseres Chats erreicht. Sehr viele Fragen sind eingetroffen - leider konnten nicht alle beantwortet werden. Bernhard Kohl bedankt sich bei allen KURIER.at-Lesern recht herzlich für den spannenden Chat!

Der ehemalige Radprofi sprach im KURIER-Chat über sein neues Leben, Doping im Spitzen- und Breitensport und das kranke Sportsystem. Moderator: Herzlich willkommen zum KURIER.at-Chat mit Bernhard Kohl. Der Ex-Radprofi sitzt bestens gelaunt neben uns und freut sich auf Ihre Fragen! 

 

Bernhard Kohl im KURIER-Chat.

christian d.: Erhalten sie eine Geldleistung oder monetäre Entschädigung dafür, dass sie sich diesem Chat stellen?

Bernhard Kohl: Nein, erhalte ich nicht.

christian d.: Wovon leben Sie? Arbeiten Sie?
Momentan lebe ich noch von meinen Ersparnissen, doch sind die quasi bei Null und deswegen bin ich gerade mit einer Geschäftsgründung beschäftigt.

Matthias H.: Wie geht's mit Ihnen persönlich weiter?
Natürlich war es eine schwere Zeit, doch ich sehe Licht am Horizont.

Hans H.: hallo Bernhard. Wer war eigentlich bei den Junioren oder in der U23 dein Lieferant?
Diese Informationen stehen in meinem SoKo-Doping-Protokoll.

Max N.: Wieso stellen Sie sich immer als Opfer dar? Sie wussten doch, dass dopen illegal ist! Wie kommt man dann überhaupt auf die Idee zu dopen?
Ich würde sagen, Opfer und Täter zugleich. Man wächst in das Doping-System leider Gottes schon im Nachwuchsbereich hinein.

Jochen P.: Sehr geehrter Herr Kohl,wie groß war denn der Leistungszuwachs durch Doping? Welche Watt Leistung war Ihnen möglich?Sind Leistungen von 6,5Watt/kg Überhaupt möglich ohne D.?
Der Leistungszuwachs wird zwischen 5 und 10 Prozent liegen. Nur durch die Länge der Tour de France mit 3500 km summiert sich das natürlich ein wenig. Bei einem einmaligen Ergometer-Test sind 6,5 Watt/kg schon realistisch.

Matthias H.: Wem darf man heutzutage noch glauben ? Der sagt : Bei meiner Ehre ! Beim Leben meiner Kinder. Beim Leben meiner Eltern ! Eine eidesstattliche Erklärung abgibt ! Auf die Bibel Schwört !Wer sagt die Wahrheit und gibt es verschiedene Wahrheiten ? Der Bäckermeister
So lange man in dem System steckt, oder in dieses zurück will, ist es einfach extrem schwierig, die volle Wahrheit zu sagen.

Christian K.: Herr Kohl, welche Verbreitung hat Doping ihrer Einschätzung nach im Spitzensport allgemein?
Was ich erlebt habe und auch die Erkenntnisse der SoKo-Doping zeigen, dass Doping sowohl im Hobby- als auch im Leistungssport sehr weit verbreitet ist.

Gregor A.: Wissen Sie eigentlich, welchen Schaden Sie angerichtet haben? Stichwort: enttäuschte Nachwuchsfahrer, enttäuschte Fans Ihrer Person, das führt insgesamt zu einem negativen Touch des Radsportes,. Was sagen Sie dazu?
Für die Fans tut es mir natürlich sehr leid, aber den Schaden richten nicht die überführten Sportler an, sondern das System gibt es leider vor. Traurig, aber wahr. 

 

 

 

Kohls Ex-Teamarzt wird in Erfurt vernommen

Mark Schmidt wird vorgeworfen, während der Tour de France 2008 als Gerolsteiner-Arzt in Dopingvorgänge eingeweiht gewesen zu sein. Die Doping-Geständnisse in der KURIER-Serie "Bernhard Kohl: Enthüllt" zeigen Wirkung: Der von Kohl belastete Milram-Teamarzt Mark Schmidt muss vor den deutschen Behörden als Zeuge aussagen. "Er wird wegen des Rechtshilfeverfahrens aus Österreich hier vernommen", bestätigte die Erfurter Oberstaatsanwältin Annette Schmitt am Dienstag einen entsprechenden Bericht der "Süddeutschen Zeitung".

Bernhard Kohl im gepunkteten Trikot.

Kohl hatte Schmidt laut Vernehmungsprotokollen vorgeworfen, während der Tour de France 2008 als Gerolsteiner-Arzt in Dopingvorgänge eingeweiht gewesen zu sein. Schmidt bestreitet alle Vorwürfe vehement.

Bereits im Frühjahr hatte Kohl seinen früheren Teamarzt vage belastet, Ende September hatte dann der "Spiegel" unter Berufung auf Ermittlungsergebnisse der SoKo Doping im österreichischen Bundeskriminalamt (BK) von einer angeblichen Mitwisserschaft Schmidts in der Causa Kohl berichtet. Der 27-jährige Niederösterreicher war vor einem Jahr nachträglich des CERA-Dopings überführt worden, hat jahrelanges, systematisches Doping gestanden und ist für zwei Jahre gesperrt worden.

Mit großem Interesse verfolgt auch Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer den Fall, der sich rechtliche Schritte gegen seinen einstigen Teamarzt Schmidt vorbehält. "Wir sind sehr gespannt, was da rauskommt", sagte Holczer. Kohls Aussagen bescheinigte er einen "hohen Wahrheitsgehalt": "Was Kohl in letzter Zeit gesagt hat, hat sich immer wieder bewahrheitet."

Kohl-Aussage belastet Ex-Kollegen schwer

Im Abschlußbericht der "SoKo Doping" wird der Schweizer Ex-Radprofi Markus Zberg beschuldigt, EPO-Präparate erworben zu haben. Der Abschlussbericht der "SoKo Doping" des österreichischen Bundeskriminalamtes belastet laut Medienangaben unter anderem den ehemaligen Schweizer Radprofi Markus Zberg schwer.

Beat Zberg - auch er soll sich mit EPO gedopt haben. 

 

 

 

 

 

Beat Zberg - auch er soll sich mit EPO gedopt haben.

Wie die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ) am Donnerstag berichtete, wird Zberg in diesem Bericht von drei Zeugen beschuldigt, im Frühjahr 2008 das EPO-Präparat Dynepo erworben zu haben. Bei diesen Zeugen soll es sich um den geständigen Dopingsünder Bernhard Kohl, Kohls ehemaligen Manager Stefan Matschiner sowie dessen frühere rechte Hand Gernot W. handeln.

Zberg war 2007 und 2008 Teamkollege Kohls bei Gerolsteiner. Der Niederösterreicher wird auch verdächtigt, "im Frühjahr 2008 Stefan Matschiner zur Übergabe von 24.000 internationalen Einheiten Dynepo an Markus Zberg in Deutschland/Rosenheim beauftragt zu haben", zitierte die "NZZ" aus dem Bericht der Sonderkommission. Sowohl Matschiner, als auch W. sollen diese Lieferung bestätigt haben.

Matschiner gilt als Schlüsselfigur im Dopingskandal um seinen Ex-Schützling Kohl sowie angebliches organisiertes Blutdoping von in- und ausländischen Spitzenathleten in Österreich. Sowohl Zberg, zweifacher Vuelta-Etappensieger von 1998 und Vizeweltmeister von 1999, als auch sein Anwalt waren bislang zu keiner Stellungnahme erreichbar.  

 

Kohl: "Man sieht, was los ist"

Das TV-Gerät blieb nicht schwarz. Bernhard Kohl, der gefallene Tour-Held von 2008, sah sich die Tour de France 2009 im Fernsehen an. Gefallener Held: Bernhard Kohl, Tour-de-France-Bergkönig 2008.

 

 

In Hawaii war Michael Weiss beim Ironman am Start. In Wien könnte ihm von der NADA Ungemach drohen. 1. Oktober 2009. Ironman-WM auf Hawaii. Nichts für Schwächlinge. 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radeln, 42 Kilometer Laufen. Alles bei 30 Grad.

2003 wurde Michael Weiss Europameister im U23-Cross-Country-Bewerb.

 

2003 wurde Michael Weiss Europameister im U23-Cross-Country-Bewerb

Ein Österreicher kann sich vorne etablieren. Michael Weiss. Der Niederösterreicher erreicht bei seinem Debüt gleich den 25. Platz, fabrizierte im Radbewerb gar die drittbeste Zeit von allen Bewerbern. Doch nun dürfte den angehenden Weltklasse-Triathleten die Vergangenheit einholen.

November 2005. Drei Sportler schleichen Sonntagmorgens in die Blutbank Humanplasma. Sie haben Blutdoping im Sinn. Blutabnahme, Behandlung, Einlagerung, knapp vor dem Wettkampf Refundierung des Blutes - dies ergibt eine erhöhte Konzentration an roten Blutkörperchen (Erythrozyten), verbesserten Sauerstofftransport und damit verbesserte Ausdauerleistung. Hervorragend also für Ausdauersportler.

Drei Burschen

Die drei Burschen, die sich da in die Alserbachstraße 18 einfinden, heißen Bernhard Kohl, Christian Pfannberger und Michael Weiss.

Das alles behauptet Bernhard Kohl, der geständige Radprofi, der nach seinem dritten Rang bei der Tour de France Cera-Doping zugegeben hat. Er hat diese Angaben auch bei der Polizei getätigt. Michael Weiss, heute Triathlet, damals noch Mountainbiker, habe den Jungradler erst auf die Humanplasma-Spur gebracht.

"Im September 2005 kam ich mit Michael Weiss in Kontakt. Er hat mir von der Blutdoping-Möglichkeit bei Humanplasma erzählt. Das hat mich sehr interessiert", erinnert sich Bernhard Kohl im KURIER-Gespräch. Kohl gastierte im November 2005 zum ersten Mal in der Humanplasma-Erlebniswelt. Und war etwas nervös. "Der Michi Weiss war schon etwas gelassener bei der Sache."

Bernhard Kohl war noch zwei Mal bei der Bluttankstelle in Wien-Alsergrund, wieder soll Michael Weiss dabei gewesen sein. Weiss, der Doping stets bestritten hat, war gestern zu den Vorwürfen nicht erreichbar.
 

7000 Seiten

Andreas Schwab, der Geschäftsführer der Nationalen Anti-Doping-Agentur, erklärt: "Gegen Weiss läuft noch kein Verfahren. Wir haben derzeit 7000 Seiten Akten der Staatsanwaltschaft zu überprüfen. Seien Sie aber versichert: Die NADA wird überall dort, wo es Hinweise gibt, ein Verfahren einleiten."

Interessant sind jedenfalls folgende Zusammenhänge: Weiss war bis vor einigen Monaten noch von Andreas Zoubek betreut worden. Das ist jener verdächtige Kinderarzt, der mit Stefan Matschiner bekannt war. Matschiner wiederum mutierte zum Manager von Bernhard Kohl und wird sich demnächst wohl vor Gericht verantworten müssen.

Für alle Genannten gilt die Unschuldsvermutung.

Triathlet Hempel: "Ungeheuerliche Lüge von Kohl"

Ex-Radprofi Kohl will mit Hempel ein Mittel gegen CERA-Spritzen "getauscht" haben. Der Triathlet bestreitet das in einer eidesstattlichen Erklärung und vor laufenden TV-Kameras.

Der Triathlet Hannes Hempel hat am Dienstag Vorwürfe von Ex-Radprofi Bernhard Kohl in einer eidesstattlichen Erklärung schriftlich und vor laufenden TV-Kameras bestritten: "Ich, Hannes Hempel, erklärte hiermit eidesstattlich, daß ich weder von Herrn Bernhard Kohl noch von irgendjemand anderem Dopingmittel oder gar Ampullen Amth-2 erhalten habe."

"Ich habe niemals Dopingmittel erworben, besessen oder an einen anderen weitergegeben. Ich habe auch niemals Dopingmethoden angewendet", heißt es in der Erklärung weiter. Zum Thema Kohl versicherte Hempel: "Ich habe von Bernhard Kohl keine 3 Ampullen Amth-2 erhalten. Ich weiß nicht einmal, was das ist. Das ist eine ungeheurliche Lüge von Bernhard Kohl."

Kohl hat zuvor erklärt, er habe Hempel drei Ampullen Amth-2 - in der Wirkung angeblich Testosteron vergleichbar - zu je 1 Milliliter überlassen. Die Übergabe soll Anfang 2008 stattgefunden haben. Die Kosten für das Amth-2 will Kohl mit drei insgesamt 300.- Euro teuren CERA-Spritzen "gegenverrechnet" haben, die er zuvor von Hempel erhalten habe. Er selbst habe das neue Mittel über seinen früheren Manager Stefan Matschiner kennengelernt.

Hempels Anwalt: "Kohl unglaubwürdig"

Hempels Anwalt Herwig Hasslacher bezweifelte am Dienstag die Glaubwürdigkeit von Kohl. "Zu den Aussagen von Bernhard Kohl kann ich als Anwalt nur den Kopf schütteln. Das ist das letzte Aufbäumen eines Sportlers, der mit seiner Dopingaffäre dem Sport und anderen Sportlern großen Schaden zugefügt hat", erklärte Hasslacher. "Bernhard Kohl ist absolut unglaubwürdig." Das müsse auch die Nationale Anti-Doping-Agentur NADA bei weiteren Schritten bedenken.

Hasslacher argumentierte mit den Aussagen Kohls, von wem er CERA erhalten habe. In einem Interview mit dem Internet-Portal laola1.at hatte der Ex-Radprofi im November 2008 ursprünglich behauptet, das EPO-Derivat von einer Person bekommen zu haben, die "noch nie irgendwie mit Doping oder Sport zu tun" gehabt hat. Der Name der Person sei "in den Bereichen Doping und Sport absolut unrelevant", versicherte Kohl.

Vior der SOKO Doping sagte Kohl laut Hasslacher dagegen aus, drei Ampullen CERA um 300.- Euro von Hempel gekauft zu haben. Hempel hatte als Ex-Radprofi und Triathlet im Sport sehr wohl eine Rolle gespielt. "Jetzt kommt er damit, daß das im Tauschgeschäft gegen das Mittel Amth-2 geschehen ist. Er hat binnen kürzester Zeit drei verschiedene Versionen aufgetischt", meinte Hasslacher. "Da kann man sich seine eigene Meinung über den Herrn Kohl bilden."

Amth-2 wird analysiert

Es ist derzeit fraglich, ob die Substanz Amth-2 unter das Arzneimittelgesetz oder das Anti-Doping-Gesetz fällt. Die entsprechenden chemischen Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen. Im Austrian Research Center (ARC) in Seibersdorf ist man derzeit damit beschäftigt, die Substanz zu analysieren.

Die SOKO Doping wird Kohl am kommenden Montag zu den neuen von ihm erhobenen Vorwürfen befragen. Die Staatsanwaltschaft Wien dürfte gegen den Ex-Radprofi - sollten sich seine Angaben als inhaltlich zutreffend erweisen - weitere Ermittlungsschritte setzen. Gegen Kohl sind bereits Untersuchungen im Zusammenhang mit einer möglichen Beteiligung am von Matschiner betriebenen Blutdoping im Gange.

Kohl über Doping: "Im Stundenrhythmus ausgewechselt"

Ex-Radprofi Bernhard Kohl hat in einer deutschen Fernsehsendung erzählt, wie er sich während der Tour de France 2008 gedopt hat. Sein ehemaliger Arbeitgeber schaltet nach seiner Beichte die Anwälte ein.

Radsportler Bernhard Kohl ist nach seiner Rücktrittserklärung in der ARD-Sendung "Beckmann" zu Gast gewesen und hat nochmals ausführlich dargelegt, wie er sich während der Tour de France 2008 gedopt hat und wie es bei Humanplasma in Wien ablief. Angesprochen darauf, ob bei seinem letzten Team Gerolsteiner systematisch gedopt worden sei, sagte der Niederösterreicher: "Ich kann definitiv sagen, daß es nicht teamorganisiert war." Ob die Ärzte davon gewußt hätten? "Wenn ein Arzt eins und eins zusammenzählen kann, weiß er, daß diese Leistung nicht ehrlich zustandekommt." Ob  jedoch Ärzte involviert gewesen seien, dazu gab der Österreicher keinen Kommentar ab.

hrend der Tour de France 2008, die Kohl als Gesamtdritter und Gewinner des Bergtrikots beendet hatte, habe er mit Eigenblut und dem damals relativ neuen EPO-Derivat CERA, von dem er Ende 2007 erstmals gehört habe, gedopt. Er habe sich sicher gefühlt, daß er nicht erwischt werden wird, aber nicht sicher, was den Vorsprung betrifft.

"Chancengleichheit", meinte Kohl, denn: "Ich weiß, wie es ist, wenn man clean ist. Und ich weiß, wie es ist, wenn man dopt. Der Unterschied ist eine drastische Steigerung. Es erscheint mir unmöglich, eine absolute Topleistung sauber zu bringen."

Eigenblut eingeflogen

CERA hat Kohl von einem "Sportkollegen" bekommen, dessen Namen er nicxht öffentlich nennen wird. Das Eigenblut brachte sein damaliger Manager Stefan Matschiner mit dem Flugzeug nach Frankreich. Zwei Liter hatte Kohl zur Verfügung, dreimal je einen halben Liter führt er dann vor Bergetappen im Hotelzimmer Matschiners seinem Körper zu. "In einer ruhigen Minute zuwischen Massage, Interviews, Essen. Das ging relativ schnell, in etwa 20 Minuten war die Sache vorbei." Und die Beine seien wieder lockerer gewesen und er habe sich nicht mehr so müde gefühlt.

In bezug auf Humanplasma meinte Kohl, daß er als Sommersportler das Zentrum im Winter aufgesucht habe, und Wintersportler seien im Sommer gekommen. Seine Termine seien meistens am Sonntag um 8 Uhr angesetzt und Treffpunkt sei der McDonald´s gegenüber gewesen. Mit drei anderen Sportlern sei er dann abgeholt und zu Humanplasma gebracht worden, das Blut sei abgenommen, weiterverarbeitet und eingefroren worden. Nach einer Stunde sei alles vorbei gewesen und die nächsten Sportler seien drangekommen.

Sämtliche Ausdauersportarten betroffen

"Da wurde imn Stundenrhythmus ausgewechselt. Nicht nur Radfahrer, sondern sämtliche Ausdauersportarten. Nicht nur Österreicher, sondern auch internationale. Nicht nur Sommer-, sondern auch Wintersportler", präzisierte Kohl. Deutsche hätte er persönlich nicht gesehen, aber Gerüchte gehört, meinte der Österreicher auf Nachfragen von Moderator Reinhold Beckmann. Als nach der Turin-Affäre 2006 Humanplasma nicht mehr möglich gewesen sei, habe Kohl dann eine Blutzentrifuge angeschafft.

Gerolsteiner-Chef schaltet Anwälte ein

Kohls ehemaliger Arbeitgeber Hans-Michael Holczer kündigte nach der Fernsehbeichte juristische Schritte an. In erster Linie geht es dem ehemaligen Gerolsteiner-Chef darum, wie Kohls Andeutungen den Teamarzt Marc Schmidt betreffend zu bewerten sind.

"Ich will Details über die Kohl-Andeutungen zu unserem Teamarzt - das war ein Hammer. Bei der Tour war als Mediziner nur Marc Schmidt dabei. Den wird jetzt mal ein Anwalt befragen. Ich gehe den ganzen Vorwürfen mit Hilfe von Anwälten nach - da habe ich ja jetzt Erfahrung", sagte Holczer der dpa am Dienstag. Schmidt war nach dem Gerolsteiner-Aus vom einzigen noch existierenden deutschen ProTour-Rennstall Milram übernommen worden.

Auch das Milram-Team haben die Kohl-Aussagen hellhörig gemacht. Anwälte des Radrennstalls und Teamchef Gerry van Gerwen prüfen zur Zeit Vorwürfe, die der Ex-Radprofi an die Adresse des Milram-Teamarztes Marc Schmidt in der ARD-Talkshow "Beckmann" gerichtet hat. "Wir sitzen zusammen und klären das", sagte Van Gerwen am Dienstag der dpa.

 

Kohl: "Doping im Profisport mit System"

Für den dopinggeständigen Radprofi Bernhard Kohl gibt es keinen Weg zurück in den Spitzensport.

Der gefallene Sportheld erläuterte im Interview mit der APA seine Beweggründe für das Karriereende, wie mit 19 Jahren alles begann und wieviel der 3. Platz bei der Tour de France 2008 für ihn nach wie vor wert ist, wie ihm seine guten Blutwerte zu einem Spitzenvertrag  bei Silence-Lotto verholfen haben und warum er auch Gendoping nicht ausgeschlossen hätte.

Herr Kohl, warum gibt es für Sie keinen Weg zurück in den Profiradsport?  Kohl: "Mein Weg hat sich mir immer klarer dargestellt, man faßt immer klarere Gedanken. Irgendwann war da die Weggabelung mit zwei Richtungen. Da ist ein Weg, der Profisport, und da ist der andere Weg, der Rücktritt. Links steht Lügen und Doping, rechts steht, daß man das Lügen satt hat. Ich habe soviel miterlebt in dem vergangenen dreiviertel Jahr, wo ich knapp daran war, daß ich zerbrochen bin. Und mit Hilfe der Familie und der wahren Freunde habe ich mich dann doch wieder gefangen. Dannn war mir klar, daß ich mit dem System, wie es im Sport leider Gottes herrscht, einfach nicht mehr leben kann. Und nicht mehr leben will. Wenn ich retourkommen wollte, ginge das ganze Kartenhaus wieder von vorne los. Und die Kraft habe ich auf keinen Fall. Ich habe das Ganze jetzt einmal durchlebt, die öffentliche Abstrafung."

Sie sind jetzt 27 und waren 19, als Sie das erste Mal zu unerlaubten Mitteln gegriffen haben...  "... ja, mit 19 Jahren habe ich das erste Mal Doping benutzt, als ich ins Heeressportzentrum gekommen bin, so früh fängt das an. Das ist der U-23-Bereich."

Mit welchem Alter war Ihnen denn erstmals bewußt, daß das, was Sie nehmen, nicht nur Ihre Leistung steigert, sondern Ihr ganzes Leben nachhaltig verändern kann?  "Man verdrängt das, das fängt so früh schon an, das wird so zur Normalität. Weil die schlechten Aspekte bekommt man ja nicht aufgezeigt, weil man sagt ja, man dopt nicht. Was will man anderes sagen? Das heißt, es kümmert sich keiner drum, daß er die Problematik aufzeigt, was kann das wirklich für körperliche Schäden bewirken. Die Aufklärung hat bei mir komplett gefehlt, die hat es de facto im Endeffekt bis heute nicht gegeben. Das ist ein wichtiger Punkt, daß man das aufzeigt und richtig erklärt. Daß man ein Bewußtsein schafft."

Wie kommt man mit 19 an Dopingmittel, wie hat das alles bei Ihnen angefangen?  "Mit 19, da habe ich vielleicht drei, vier Spritzen mal genommen.  Das ist dann in einem relativ kleinen Bereich. Man fährt ja nicht von heute auf morgen einen Porsche, sondern man fängt mit einem kleinen Auto an. Und so ist das bei Doping auch. Man kriegt von anderen Sportkollegen langsam mit, wie das abläuft, und dann kriegst du da mal eine Spritze, dort einmal was. Und das wird dann natürlich immer professioneller. Und wenn man dann einmal Profi wird, und das schaffen ja auch nicht sehr viele, dann versucht man natürlich auch diesen Punkt zu professionalisieren, daß man richtig ein System reinbekommt. Weil wenn man schon weiß, das fängt im U-23-Bereich an, dann muß es natürlich im Profisport systematisch sein. Und das ist nicht nur im Radsport das Problem."

War Stefan Matschiner derjenige, der Ihnen zur Professionalität im Doping verholfen hat?  "Das ist richtig. Ich bin dann Profi geworden bei T-Mobile. Und da habe ich mir gedacht, jetzt wäre es endlich an der Zeit, da ein System reinzubekommen, um das professionell zu machen. Weil natürlich die Dopingkontrollen immer häufiger wurden. In der U-23-Zeit waren die Kontrollen relativ wenig, da wird einem nicht die Aufmerksamkeit geschenkt. Und da ist vielleicht auch der Ansatzpunkt, daß man in dem Bereich die Kontrollen macht. Weil in jungen Jahren kommt man sicher nicht zu Produkten, die nicht nachweisbar sind. Da kommt man erst hin, wenn irgendwann mal wirklich System dahinter ist. Wenn man schon Junge kontrollieren würde, wo man glaubt, da ist eh noch nichts, da würde man da schon einmal das ganze Problem lösen können. Wesentlich früher das ganze Geld, die Kontrollen in die Jugend stecken und nicht in den Profisportbereich. Das wäre ein guter Ansatzpunkt."

Sie sprechen davon, nicht in das System zurückzuwollen, Sie sprechen vom systematischen Doping im Profiradsport. Das impliziert, daß es jeder tut, daß es auf der Tagesordnung steht.  "Meine Aussagen bergen Gefahr. Es war noch kein Sportler, oder kein Weltspitzensportler, so konsequent, daß er sagt: Okay, es ist so, ich lege das mal auf den Tisch. Das System ist nicht anders wie vor einem Jahr, und es wird sich nichts daran ändern. Die Medien stellen die Problematik immer viel größer dar, und umso mehr das Problem da ist, umso mehr müssen sich die Sportler dagegensetzen. Die ganzen Gläsernen Athleten, die es momentan gibt - ich hätte genauso mitgemacht. Klar, weil umso mehr das Thema Doping in den Blickpunkt kommt, umso mehr mußt du dich als Sportler dagegensetzen."

Sie hätten sich, obwohl Sie gedopt haben, als Gläserner Athlet zur Verfügung gestellt?  "Die Gläsernen Athleten - für einen Sportler ist das hilfreich. So wie der Blutpaß der UCI, mir hat der geholfen. Das war kein Nachteil, es ist leider Gottes so. Ich habe den Blutpaß eineinhalb Jahre gehabt und meine Blutwerte waren 1a. Also deswegen habe ich auch meinen Supervertrag bekommen bei Silence-Lotto. Die haben die Blutwerte gesehen und gesagt: Puh, der macht das gescheit. Denn die wissen auch, Dritter bei der Tour wird man nicht von irgendwas, von Wasser und Brot, sondern da muß der medizinische Aspekt natürlich auch passen. Die haben gesagt: Puh, der ist ohne Risiko, dem können wir richtig Geld zahlen!"

Ihrem Geständnis folgten Aussagen vor den Behörden mit Namensnennungen, die teilweise an die Öffentlichkeit gelangt sind. Sie haben gedopt und ausgepackt, wie schwer ist es, damit umzugehen?  "Es ist schon ganz schwierig. Der ganz leichte Weg wäre gewesen, wenn ich abgestritten hätte. Alle anderen Sportler, die positiv sind, die werden sich denken, was mit mir jetzt passiert ist. Also wenn man ehrlich ist und es zugibt, oder man streitet alles ab, dann ist der Weg zum Abstreiten tausendmal leichter. Ich habe einen solchen Bekanntheitsgrad, daß das Ganze nicht leicht ist. Ich höre von Leuten auch viel Gutes, aber daß im Hintergrund die Meinung oft anders ausschauen wird, ist mir klar. Ich probiere das auszublenden. Ich habe diesen Weg gewählt, weil ich mit der Lüge nicht leben wollte. Ich bin nicht der Mensch, daß ich mit so was leben kann. Hätte ich mich damals entschieden, alles abzustreiten, hätte ich mit dieser Lüge mein ganzes Leben leben müssen. Bis zu einem gewissen Grad muß man leider Gottes lügen, wenn man noch nicht die Entscheidung gefaßt hat, ob man retour will oder nicht. Deswegen mußt du da noch immer lügen, dir bleibt nichts anderes übrig."

Sind Sie jetzt an einem Punkt angelangt, an dem Sie nicht mehr lügen müssen, oder gibt es noch Bereiche, in denen Sie nicht alles sagen oder sagen können?  "Vor den Behörden oder der SOKO, da kann ich alles sagen. Da wird ermittelt, da kann ich mein ganzes Wissen, da kann ich auch die Namen sagen. In der Öffentlichkeit ist es natürlich sehr schwierig. Ich werde keinen aktiven Sportler oder keinen Sportler des Dopings bezichtigen. Ich kann auch manche Namen in der Öffentlichkeit nicht sagen, weil es zivilrechtlich weitreichende Folgen haben würde, weil natürlich jeder, den ich beschuldigen würde, mich verklagen würde. Selbstverständlich. Aus Selbstschutz muß man das machen. Ich habe keine Bilder, keine Dokumente. Ich habe mein Wissen, das kann ich den Behörden geben, und die Behörden müssen natürlich ermitteln."

Der Abschlußbericht zur Dopingaffäre an der Uniklinik Freiburg liegt vor, die Untersuchungskommission kam zu dem Ergebnis, daß bei Telekom/T-Mobile mehr als 10 Jahre lang manipuliert und systematisch gedopt wurde. Im angegebenen Zeitraum fuhren auch Sie für den deutschen Rennstall. Wie waren Sie involviert?  "Ich habe bei der WADA und den ganzen Kommissionen in Deutschland schon mein Wissen bezüglich Freiburg preisgegeben, das war schon vor der NADA-Anhörung in Österreich. Das ist auch in dem Ermittlungsbericht so deklariert. Ich hatte in Freiburg mit Doping nichts zu tun, ich habe das, was ich mitbekommen habe, was mit mir passiert ist, gesagt. Ich bin bei T-Mobile Profi geworden. Wir waren 30 Profis und ich war ganz unten. Und im ersten Jahr schauen die dort natürlich auch, was für ein Fahrer bist du, kann man mit dem über das Thema reden, und dann entwickelt sich das immer mehr. Und dann war mein Erfolg bei der Dauphiné, wo ich Dritter geworden bin. Da haben sie gesehen, hey, der hat Potential, da könnte man vielleicht auch einmnal was machen mit ihm. Und dann hätte es ein Gespräch gegeben, aber das Gespräch hat nie stattgefunden, weil ich dann zu Gerolsteiner gewechselt bin."

Sie werden keine Rundfahrten mehr bestreiten - wie blicken Sie auf die Zeit zurück, als Sie ganz oben standen?  "Jeder Mensch hat Ziele. Mein Ziel war, einmal bei der Tour de France vorne mit dabei zu sein. Das Ziel habe ich erreicht. Ich habe mein Ziel eigentlich übertroffen, ich war Dritter, ich war im Bergtrikot. Und für mich persönlich hat es noch immer sehr viel Wertigkeit, weil ich weiß, wieviel harte Arbeit dahintergesteckt hat. Wie ich mein ganzes Leben lang gelebt habe nur für den Sport, da hat es nur eine Richtung gegeben dahin. Ich habe so viele Entbehrungen für den Sport in Kauf genommen. Ich habe im Endeffekt auch keinen Mitstreiter belogen oder getäuscht. Natürlich - die Öffentlichkeit ist getäuscht oder belogen worden. Nur gegen meine Mitstreiter war es trotzdem ehrlich - der Erfolg. Für mich persönlich hat das noch sehr viel Wertigkeit."

Schauen Sie Sich noch Rennen an?  "Das ist schon schwer, also ich weiß nicht, wie die Leistungen zustande kommen... aber es bringt trotzdem jeder eine sportliche Topleistung. Für mich ist es dort noch immer ehrlich, wenn ich zuschaue, es ist ein ehrlicher Kampf zwischen den Teilnehmern. Es ist einfach eine Geldmaschinerie. Es verdient jeder mit dem System Geld, die Veranstalter, die Teams, und der Radfahrer ist die letzte Marionette, die das Ganze aufrecht hält. Aber die Leistungen dort sind gegenüber den anderen Mitstreitern immer ehrlich."

Gab es in all den Jahren nie jemanden, der versucht hat, Sie aus dem Sumpf rauszuziehen?  "Man hat nur ganz wenige, denen man sagt, daß man dopt. Meine Eltern haben nicht gewußt, daß ich dope. Das ist so ein intimer Kreis. Je mehr eingeweiht sind, desto höher ist das Risiko, dessen ist man sich bewußt. Man hat seine paar Sportlerkollegen, mit denen man darüber redet, natürlich seine Hintermänner oder den Hintermann, mit denen redet man darüber. Es kann keiner probieren, einen da rauszuholen, weil keiner weiß, wie tief man drinnensteckt. Das beredet man mit keinem."

Es gibt Dopingtote. War Ihnen nie bewußt, wie tief Sie drinnen stecken? Daß Sie Grenzen überschreiten, die lebensbedrohlich sind?  "Ich bin jetzt froh, daß es für mich  vorbei ist. Wenn ich nicht positiv getestet worden wäre, ich hätte natürlich weitergemacht, weil es das System einfach verlangt. Wenn ich bis 36, 37 oder gar 40 Jahren gefahren wäre, dann hätte das definitiv für die Zukunft gesundheitlich mehr bedeutet. Und das Doping entwickelt sich immer weiter, jetzt gibt es schon das Gendoping. Und wenn ich mir denke, wenn ich im System drinnengeblieben wäre, ich weiß nicht, ob ich dann gesagt hätte, Gendoping mache ich nicht. Weil es ist einfach, du kriegst mit, daß die anderen das auch machen. Du mußt mitmachen, daß du die Erfolge wieder hast. Jetzt im Nachhinein, wo ich ein bisserl Abstand habe, sage ich, Gendoping ist der absolute Wahnsinn. Man verändert die Gene, man vererbt das weiter, wenn man Kinder hat. Also da hört es sich eigentlich auf. Aber wenn du selber drinnensteckst: ich weiß nicht, ob man das nicht nimmt."

Beschäftigen Sie Sich jetzt mehr mit den mit den möglichen Folgen als während der Zeit, als Sie dopten? "Eigentlich nicht, ich versuche es relativ zu verdrängen, ich habe bis jetzt keine einzige negative Wirkung gespürt. Ich war nicht der Athlet, der das ganze Jahr durchgedopt hat. Ich habe meine ein, zwei Höhepunkte im Jahr gehabt, da habe ich natürlich ganz klar was gemacht. Aber nicht in Dosierungen, wo sich Bodybuilder oder manche andere Bereiche bewegen. In einem Profisport, wenn man ständig kontrolliert wird, kann man nicht in einem großen Ausmaß dopen, sondern einfach in einem gewissen Bereich, daß man einfach nicht positiv ist. Da habe ich im Verhältnis relativ wenig gemacht. Was im Profisport verwendet wird, sind alles Medikamente, die eigentlich für die normale Medizin verwendet werden. Das schaut imn Hobbysport anders aus, die haben irgendwelche gefakten Sachen, die von irgendwoher kommen. Testosterone, wo irgendwo was schwarz produziert wird. Da ist die Gefahr groß, weil man nicht weiß, was man sich spritzt. Als Profi spritzt man sich das, was Medizin ist. Von dem her ist es gesundheitlich sicher um einiges besser, ein Profisportler zu sein, als ein Hobbysportler oder in einem Fitness-Studio."

Haben Sie Angst vor der Zukunft? "Ich bin ein Mensch, der gerne in die Zukunft schaut und nicht zurück. Wenn ich jetzt alles in die Waagschale legen würde, was mir Schlechtes passiert ist, dann könnte ich eh nicht mehr leben wahrscheinlich. Dann wäre ich an der Last zerbrochen. Aber ich habe echt zur richtigen Zeit meine Freundin kennengelernt, da war dann ein richtiger Rückhalt, da habe ich gesehen, wo sind die wahren Wertigkeiten des Lebens. Für mich hat es immer nur den Sport gegeben. Der Sport war das Wichtigste und nichts anderes im Leben. Die Wertigkeiten im Leben haben sich jetzt deutlich verschoben. Sport war schön, es war ein wunderschöner Teil meines Lebens, den will ich nicht missen. Auch die ganzen Erfahrungen nicht. Was ich da gelernt habe, ist unbestritten. Lügen brauch ich nicht mehr und will ich nicht mehr, das ist mit mir persönlich nicht mehr vereinbar. Die Zukunft wird noch so viele schöne Seiten bringen, dann werde ich mir denken, es hat alles auch seinen Sinn im Leben. Es passiert nichts ohne irgendwie einen Grund."

Andererseits könnten Sie jetzt noch viele Jahre im Radsport vor sich haben, gut verdienen...  "Ich wäre jetzt ins Verdienen gekommen, bis jetzt habe ich noch nicht viel verdient. Ich höre mit dem Radsport auf, wo ich in dem besten Alter wäre. Aber mein Leben muß irgendwo weitergehen. Ich bin mir dessen bewußt. Ich habe so viel gelernt, so viel Lebenserfahrung. Ich weiß, wenn ich die Energie und mein Wissen jetzt einsetze, daß ich wieder weit kommen werde. Ich habe was erreicht bei der Tour de France, dritter Platz und Bergtrikot. Wie viele Menschen erreichen das, die aber das gleiche medizinisch gemacht haben, was ich gemacht habe? Da gibt es so viele andere, die diese Erfolge nie haben werden. Das steckt schon in mir persönlich drinnen. Wenn ich das nutzen kann, kann ich wieder raufkommen. Dann werde ich schon wieder Erfolg haben, da bin ich mir sicher. Aber jetzt auf fairem Weg."

Die Ermittlungen in der Doping-Affäre laufen noch. Was muß rauskommen, daß Sie Sich am Ende denken, ihr Weg hat etwas gebracht?  "Das Hoffen ist groß, ich sehe halt das Problem, wenn nur in Österreich rigoros durchgegriffen wird, daß wir uns einfach nur selber schaden und in allen anderen Ländern wird das weitergehen. Wenn nicht übergreifend - in ganz Europa zuminderst einmal - etwas gemacht wird, wird Österreich übrigbleiben. Ich bin gespannt. Wieviel kommt wirklich an die Öffentlichkeit, was passiert ist? Wenn man sich die ganzen Interessenskonflikte von diversen Personen anschaut, die in den Anti-Doping-Kampf verwickelt sind, dann muß ich schon die Frage stellen: will man alles aufdecken oder nicht? Da muß man vielleicht schon einmal nachdenken."

Wie kann man den Radsport retten?  "Es geht nicht darum, den Radsport zu retten. Es geht um jede andere Sportart auch. Der Radsport steht meines Erachtens sauberer da als viele andere Sportarten, im Radsport wird viel genauer kontrolliert. Leichtathletik, Schwimmen - die haben nicht einmal eine Hämatokritgrenze."

Also gibt es keine Rettung?  "Die einzige Möglichkeit ist, anzufangen, bevor Doping überhaupt ein Thema wird. Da  besteht eine Chance. Weil ein 19jähriger hat nicht das Geld, daß er sich ein Dopingmittel um 3.000.- oder 5.000.- Euro kauft, das sind ein paar hundert Euro, um die es damals bei mir gegangen ist. Nur so, wie ich das am Schluß professionell betrieben habe, daß man nicht positiv ist, hat mich das Ganze 70.000.- Euro gekostet. Das heißt, wenn man bei jungen Sportlern das Geld reinsteckt und gezielt kontrolliert, da kann man anfangen, da macht das Sinn. Nicht wie bei mir, wo 200 Kontrollen sind und 198 den Bach runtergehen. Und ich sage mal, 100 müßten positiv gewesen sein. Da kann ich das Geld nehmen und weghauen genauso. Ich habe mir in der Frühe was gespritzt, eine Stunde später waren die Kontrolleure da - völlig egal. Ich sage nur Wachstumshormon. Wenn es einen Test geben würde, der einen Monat Wachstumshormon nachweist, und es bleibt geheim, bis der Test da ist, wird es nicht mehr viele Sportler geben."

 

(wird fortgesetzt)

 

 

 

 

 

 

 

Die Vergangenheit des Ironman


Kostenlose Webseite von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!