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BITTERES ENDE

Der ständige Druck nach großer Form, nach tollen Ergebnissen auf dem allerhöchsten Toplevel produziert auch ungewollte Schwierigkeiten und Probleme, im Schatten von Abhängigkeiten und Depressionen

 

Vorwort: Gequälte Geister

Vielleicht könnte eine soziale Statistik belegen, daß es in einer bestimmten Gruppe von Männern viele Selbstmorde und frühzeitige Todesfälle gibt, aber wenn man die Geschichte des Radsports zu Rate zieht, dann scheint es, als gäbe es da etwas an den Bergspezialisten, das sie anfälliger macht, oder vielmehr verwundbarer macht, für  Schwierigkeiten und Probleme, die in einen frühen Tod münden.

Alles begann zur Zeit einer der ersten Frankreich-Rundfahrten. 1905 bauten die Organisatoren zum allerersten Mal einen Bergpaß in den Streckenplan der Tour de France ein. Es handelte sich um den Ballon d´Alsace in den Vogesen, und der Erste am Gipfel war ein mürrisch blickender Franzose namens René Pottier.

Die Anstrengung, um da raufzukommen, war schier unglaublich. Die Straße den Berg rauf war nicht viel mehr als ein Entenpfad. Radrennfahrer waren vorher noch nie über Berge gefahren und Pottier benutzte eine einzelne, starre Übersetzung, wegen der er die meiste Zeit aus dem Sattel mußte. Es war wie das Fegefeuer. Später mußte Pottier das Rennen dann wegen einer Sehnenentzündung aufgeben, aber genau das war es, was die Radsportfans in jenen Tagen wollten - spektakuläres Leiden.

Im folgenden Jahr wählte der Chef der Tour de France, Henri Desgranges, den Ballon d´Alsace abermals aus und fügte dem noch ein paar weitere Anstiege in den Vogesen und Alpen hinzu. Er prophezeite, daß kein Mensach auf der Welt den Ballon mit seinem Rad hinauffahren könnte, ohne abzusteigen.

Pottier bewies das Gegenteil.  Nicht nur, daß er den Anstieg bewältigte, ohne abzusteigen, um zu Fuß zu gehen, er überholte auch noch Desgranges Auto, das seinen Geist aufgegeben hatte. Danach gewann Pottier noch, ohne sonderlich darum zu kämpfen, vier aufeinanderfolgende Marathon-Etappen auf seinem Weg zum Tour-Gesamtsieg. Während einer Etappe war seine Überlegenheit so eklatant, daß er sich die Zeit nehmen konnte, bei einem Café zu halten, einen Krug Wein zu bestellen, sich hinzusetzen und ihn auszutrinken. Er wurde von anderen Fahrern eingeholt, aber davon unbeeindruckt und gestärkt von seiner Rast, fuhr er ihnen nach, holte sie ein, hängte sie ab und gewann die Etappe.

Wie auch immer, es war das letzte, was die Tour de France von ihm sah. Am 25. Jänner 1907 wurde er tot im Verkaufsraum seines Sponsors, Peugeot, aufgefunden, wo die Räder zum Verkauf standen, er hing tot am Haken, der normalerweise sein Rad gehalten hatte. Keine noch so kurze Notiz ließ er zurück, aber es war klar, daß sein Lebenswille, der gleiche Wille, der ihn über diese schrecklich steilen Anstiege triumphieren ließ, gebrochen war durch die Nachricht, daß seine Frau eine Affäre hatte.

Erinnert man sich an Marco Pantanis einsamen Tod, oder auch an den von José-Maria Jimenez, so kann man da schon eine Serie erkennen. Dann war da noch der tragische Tod von Luis Ocana, von eigener Hand. Aber auch viele andere Kletterspezialisten hatten nach ihrem Rücktritt große Schwierigkeiten. René Vietto, ein Star der Tour de France der dreißiger Jahre, verkroch sich viele Jahre lang auf seinem Bauernhof in den Hügeln hinter Canners und jagte jeden Journalisten davon, der sich zu ihm verirrte und über seine Karriere sprechen wollte.

Der "Engel der Berge", Charly Gaul, ist ein weiterer Fall, der sich erst wieder an siene Radsportvergangenheit erinnerte, nachdem er jahrelang wie ein Eremit in einer Holzhütte in den Luxemburger Wäldern gehaust hatte.

Aber was haben diese Kletterspezialisten an sich, das sie dazu veranlaßt, sich selbst von jeder Verbindung abzusäbeln? Ist es Stolz? Ja, vielleicht ist das der Grund für Claveyrolats Selbstmord, vielleicht auch für den von Pottier. Der Stolz ist in einem Kletterer in weit größerem Maße vorhanden als bei allen anderen. Aber es ist ein langer Weg zu dem Antrieb, sich bei furchtbarem Wetter einen mörderischen Paß hinaufzuquälen.

Was also sonst? Sich nicht mehr in die Gesellschaft einfügen zu können, ist das Problem vieler Ex-Profis. Alles, was einen am Rennrad gut werden läßt, scheint außerhalb des Sports nutzlos zu sein. Man mag Siegeswillen haben, man mag einen Berg hinunterrasen können, als sei der Leibhaftige hinter einem her, aber wofür ist all das danach?

Es gibt da noch das Problem der mentalen Leere; so müde wie ein 40jähriger Geschäftsmann, aber erst in seinen dreißiger Jahren. Und was ist mit der puren physischen Notwendigkeit, all das Adrenalin und die vielen Endorphine zu ersetzen, die den Körper eines Vollzeit-Athleten erfüllen? "Das ist kalter Truthahn", nennt es Peter Winnen. Aber das ist nicht das Problem, wegen dem man eine Klinik aufsuchen kann.

Bedenkt man all diese Probleme, mit denen die Ex-Stars konfrontiert sind, dann ist es wahrlich ein Wunder, daß nicht mehr Tragödien passieren. Viele Karrieren beinhalten Kurse, die auf das Karriereende vorbereiten sollen. Einige Fußballvereine machen das bereits. Nichts dergleichen passiert jedoch im Radsport, aber mit sehr viel potenteren Sponsoren und sehr viel größeren Teams, die in der ProTour fahren, ist das vielleicht ein Weg, der überlegt werden sollte.

 

THIERRY CLAVREYROLAT (1959-1999)

Erstes Opfer des modernen Radsports?

Ein glückliches Teilnahmeformular brachte ihn in eine französische TV-Game-Show, wo er durch das Millionenrad eine Million Franc gewann. "Clavet kann gar nichts falsch machen", sagten sie, aber alles, wofür sein glücklicher Gewinn taugte, war, daß seine Schulden für eine Weile aufgeschoben waren.

 

TRAUER

Ein tragischer Todesfall hat die Radsportwelt erschüttert. Thierry Claveyrolat nahm sich im Spätsommer das Leben. Wahrscheinlich hat ihn ein selbstverschuldeter Verkehrsunfall in den Freitod getrieben. Bei diesem Unglück waren 2 Schwer- und mehrere Leichtverletzte zu beklagen gewesen.

Freunde von Thierry Claveyrolat berichteten, daß ihn dieser Vorfall derart seelisch belastet habe, daß er sich knapp 4 Wochen danach mit einer Pistole erschossen hat.

Thierry Claveyrolat holte sich 1990 das Bergtrikot bei der Tour de France, beendete 1994 seine erfolgreiche Profilaufbahn und betrieb danach in der französischen Stadt Vizille ein populäres Restaurant, genannt "L´etape".

Radsportzeitschrift "tour" vom November 1999

 

Thierry Claveyrolat spielte im großen internationalen Radsport mit, so wie es heute noch viele Profis tun. Er akzeptierte alles, was er tun mußte, um zu gewinnen, welche "Hilfe" auch immer er in Anspruch nehmen mußte, er tat es. Dann verließ er den Radsport, um ein Leben zu führen, wie er glaubte, in Freude und neben seinen vergangenen Triumphen.

In den frühen Morgenstunden des 7. Septembers 1999 setzte sich Thierry Claveyrolat, 1990 Bergkönig der Tour de France, an den Küchentisch seines Hauses im Dörfchen Notre-Dame-de-Mésage, um seiner Frau eine kleine Notiz zu schreiben. Nachdem er fertig war, legte er die Füllfeder weg, stieg die Stufen hinunter in seinen Keller und schloß die Tür hinter ihm ab. Dann nahm er sein Gewehr herunter, richtete den Lauf gegen seine Schläfe und schoß ein Loch in seinen Kopf, das sein Leben beendete.

Das Horoskop von Thierry Claveyrolat

Die Radspoortfans, die in den späten 80er und 90er Jahren die Landstraßen der Tour de France säumten, kannten ihn als den "Adler von Vizille". Claveyrolat war ein ausgezeichneter Kletterer, ein Profi durch und durch, der sich selbst heroisch dazu antrieb, ein großer Kletterspezialist zu werden. Nicht ein "richtiger", nicht einer von der Sorte eines Lucien van Impe, Charly Gaul oder eines anderen "Adlers", Federico Bahamontes. Nein, dieses Level erreichte Claveyrolat niemals, aber er war stark genug, um sich zwei Etappen der Tour zu holen und stark genug, um selbst Männern wie Miguel Indurain in den Bergen weh zu tun. Das waren seine Etappen, das war seine Plattform für seine Vorstellungen.

Claveyrolat wurde in La Tronche geboren, nahe am Oberlauf des Dordogne-Flußes, aber schon im Bergland, wo die Auvergne an das Limousin grenzt. Ein wilder, hügeliger Ort mit heißen Sommern und harschen, kalten Wintern; ein Ort der Extreme.

Noch in seiner Jugendzeit zog Claveyrolat mit seiner Familie nach Vizille, einem Dorf etwa 12 km vor dem Zentrum von Grenoble, und dort kam er unter einen anderen Einfluß, der ihn prägte. Vizille liegt am Fuß des Col de Laffray - ein berühmt-berüchtigtes Glied in der Kette zu den großen Anstiegen der Tour de France rings um Grenoble, einem Ort, den die Tour in ihrer langen Geschichte oftmals passiert hatte.

Die Trikottrtäger derTour (von links): Olaf Ludwig im Grünen Punktetrikot, Greg LeMond im Gelben Trikot und Thierry Claveyrolat im gepunkteten Bergtrikot

Der junge Claveyrolat muß das Rennen wohl schon als Knabe verfolgt haben und versuchte bald schon, den Fahrern nachzueifern, die er da gesehen hatte. Er liebte den Radsport und wurde sehr schnell zum sehr guten Amateur. Er war nicht sehr groß, von dürrer, hagerer Gestalt und das bedeutete, daß er für die hügeligen Rennen in seiner Gegend sehr gut gerüstet war. Dennoch fuhr er bald schon immer weiter weg und wurde dann sogar zu einem der größten Klubs seiner Region eingeladen, dem UC Pélussin, der nahe Sainte-Etienne an der anderen Seite des Rhone-Tales beheimatet war. Ein Klub, bei dem die bloße Mitgliedschaft schon ein Abenteuer war.

hrend des Winters 1982 rekrutierte der UC Pélussin einige arbeitslosen Profis, fügte die bestem Amateure hinzu und trug sich als völliger Neuling in die Profirangliste ein, in der Hoffnung, später noch einige Sponsoren aufzutreiben. Es funktionierte jedoch nicht und das Team war allen gut funktionierenden Profimannschaftern hoffnungslos unterlegen. Die Idee war wahrscheinlich schon vom Beginn weg zum Untergang verurteilt. Wie sollten auch Sponsoren von einem Team geworben werden, das im Peloton nur als "l´euipe des chomeurs" bezeichnet wurde - das Team der Arbeitslosen? Bald schon lösten sie sich auf, aber bis zum Jahresende hatte Claveyrolat genug getan, um die Aufmerksamkeit eines der größten Teams auf sich zu lenken - der Systéme-U-Mannschaft, die 1983 die Tour de France dominiert und mit Laurent Fignon auch den Gesamtsieger gestellt hatte.

Fignon, mit Ponyschwanz und zitronensaurer Zunge ausgestattet, gewann 1984 die Tour neuerlich, aber Claveyrolats Saison hatte nach der Dauphiné-Libérè, die er aufgeben mußte und daher nicht für die Tour de France aufgestellt worden war, eine Unterbrechung. Wie auch immer, im folgenden Jahr bekam er dann seine Chance, als er für die La-Redoute-Crew fuhr und einen beachtlichen 29. Gesamtrang herausholte. Für Claveyrolat reichte das aus, um einen Platz in seinem Traumteam, RMO, zu ergattern, seiner spirituellen Heimat. Gesponsert von einer Arbeitsbeschaffungsagentur, die in Grenoble ihren Sitz hatte, war das Team rein französisch, hatte aber auch einen sehr starken regionalen Einfluß und erwies sich so für viele Topfahrer aus der Rhone-Alpes-Region als Auffangbecken.

Aufgrund der ausgeprägten Identität waren zwei Rennen für das RMO-Team sehr wichtig: da war einmal die Dauphine-Libérè-Rundfahrt, die den Namen der lokjalen Zeitung führte, sowie die Tour de France.

Claveyrolat setzte sich in seinem Team schnell durch. Die Rennen, die dem Team behagten, die lagen auch ihm, und so holte er sich 1986 zwei Etappen bei der Dauphine-Libere, belegte den 6. Gesamtrang und holte sich auch noch das Bergtrikot.

Paul Kimmage, ein irischer Radprofi, der heute Journalist und preisgekrönter Autor ist, war damals Mitglied des RMO-Teams. In seinem Buch "Rough Ride" beschreibt er, wie er 1986 als Neoprofi mithalf, daß Claveyrolat das Sprintklassement der Dauphine-Libérè gewann, wie sie das einander näherbrachte und wie sie dadurch Freunde wurden. Aber das Schreiben von "Rough Ride" brachte sie auch wieder auseinander. Der Claveyrolat, den Kimmage beschreibt, war ein Mann, der keinen seiner Kollegen zu nahe an sich ranließ, der aber das Milieu des Radsports genoß, sich daran erfreute, einer der Ihren zu sein. Er akzeptierte alles, was Drogen miteinbezog. So wurde er in seiner Heimatstadt und in Frankreich zum Star.

Tatsächlich war es Claveyrolat, der Kimmage hilfreich zur Seite stand, als dieser voller Verzweiflung seine erste Dosis Amphetamine nahm, 1987 beim Kriterium in Chateau-Chinon, und, falls das überhaupt möglich war, die Art und Weise, wie er das tat, zeichnete ihn als vorsichtigen und fürsorglichen Menschen aus. Es schien, als hätte er die Abneigung von Kimmage verstanden. Der junge Ire kam aus einem ganz anderen Hintergrund, wie konnte der so etwas mit sich vereinbaren? Andere in diesem Sport lachten über Kimmage und seine Haltung den Drogen gegenüber, über seinen langen Kampf, sie zu vermeiden. Aber nach seinem ersten Mal nahm ihn Claveyrolat zur Seite und erzählte ihm, daß er sich später mal schuldig fühlen würde. Er sprach davon, daß sie es alle irgendwann zum ersten Mal genommen hatten, aber nicht, um ihn bloßzustellen - es war eben Teil des Jobs.

Claveyrolat wird in Kimmages Buch auch als sehr stolzer Mann beschrieben, aber dieser Stolz ließ ihn nicht begreifen, warum Kimmage in seinem Buch über diese dunkle Seite des Profiradsports geschrieben hatte. Verständnisvoll mag er gewesen sein, aber Claveyrolat war so sehr Teil dieses Milieus und als solcher war er den althergebrachten Denkweisen verfallen. Egal, ob gut oder schlecht, Drogen waren Bestandteil des Radsports, für das Image des Sports war es aber sehr viel besser, daß darüber niemand öffentlich sprach. Das war Claveyrolats Haltung dazu.

1990, dem Jahr, inj dem  "Rough Ride" veröffentlicht wurde, traf Kimmage Claveyrolat bei der Tour de France, wo er Zeuge einer giftigen Attacke des Franzosen wurde, die ihn wie betäubt zurückließ. Sie trafen sich niemals wieder, obwohl Kimmage ihn noch einmal sah, ein paar Jahre später. Spätabends fuhr der Ire eines Tages durch die Alpen und hielt vor dem Café, das Claveyrolat gehörte. Er konnte seinen alten Freund emsig hinter der Bar sehen und er wollte schon hineingehen, wollte über alte Zeiten sprechen, aber er wußte auch, daß sie nichts Gemeinsames mehr verband.

Die kurze Radsportkarriere von Paul Kimmage endete 1989, und einen seiner letzten Tage in Frankreich verbrachte er damit, Claveyrolat behilflich zu sein, alle seine Möbel in ein sehr viel größeres Haus weiter oben am Col de Laffray zu schaffen. Dieses Haus hatte er sich von seinen Einnahmen gekauft, nachdem er ein Star geworden war. In diesem Haus würde er später auch sein Leben beenden. 1989 gewann Claveyrolat noch 12 Rennen und war Gesamtdritter in der Dauphiné-Libérè, aber im folgenden Jahr sollte er noch sehr viel mehr erreichen, als der Bergtitel und der zweite Gesamtplatz in der Dauphiné nur der Auftakt zum Gewinn des Bergtitels bei der Tour de France waren.

Den Grundstein für den Gewinn des rotgepunkteten Bergtrikots legte er mit dem Sieg in der 10. Etappe von Genf nach Saint-Gervais, in dem Jahr die erste Hochgebirgsetappe. Sein Sieg war eine einsame Anstrengung über einige Pässe, aber eine Anstrengung, die er sich zutraute, nachdem ein neuer Mann zu RMO gekommen war: Charly Mottet. "Da Charly in der Gruppe hinter mir fuhr, nahm ich mir die Freiheit, es zu versuchen und den Grundstein zu legen für meinen Traum, das rotgepunktete Bergtrikot zu erringen. Ich wußte, falls ich meine Führung nicht bis ins Ziel bringen sollte, dann würde er die Etappe gewinnen können. Zum Glück habe ich es aber doch geschafft. Aber ich war völlig am Ende, am letzten Berg wäre ich beinahe explodiert", erklärte ein freudestrahlender Claveyrolat nachher den Reportern.

Diese beiden Jahre, 1990 und 1991, sollten sich als Claveyrolats allerbeste herausstellen. Er war überglücklich, mit einem Star wie Mottet im Team, was vermuten läßt, daß er über die alleinige Verantwortung eines Teamleaders nicht sehr glücklich war. Ein neuerlicher Etappensieg in der Tour de France 1991 brachte ihm einen hochdotierten Vertrag beim Z-Peugeot-Team ein, das mit Greg LeMond ebenfalls einen Starleader hatte, obwohl LeMonds Stern damals bereits im Sinken begriffen war. Dann, während der Saison 1994, gab Claveyrolat überraschend seinen Rücktritt vom aktiven Sport bekannt.

Es hatte sich herumgesprochen, daß die Dorfkneipe in Vizille, das "Café de la Gare", zum Verkauf angeboten wurde. Seine Freunde wußten, daß Claveyrolat unfähig war, da zu widerstehen. In seinem Buch beschreibt Kimmage, wie sehr Claveyrolat die Atmosphäre in diesem Café liebte, wie sie vor dem Training dort einen Kaffee konsumierten und wie sehr Claveyrolat es liebte, dort mit seinen Nachbarn über den Sport zu plaudern. Nun, die Zeit würde es erweisen, daß es eine ganz andere Sache war, in eine Bar reinzuplatzen und dort die Atmosphäre zu genießen als jeden Tag seines Lebens dort zu verbringen.

Es war vielleicht eine zwanghafte Tat. Claveyrolat fuhr immer noch hervorragend, aber sein Stolz verlangte nach finanzieller Sicherheit und Unabhängigkeit für ihn selbst und seine Familie, was er über alles stellte. Im "Café de la Gare" sah er seine Chance, all das zu erreichen. Da gab es kein Zögern und Zaudern, kein "nur noch ein weiteres Jahr", was viele Profis zu lange im Geschäft bleiben läßt. Nein, das war´s.

Zunächst macht er den Eindruck, als erfüllte ihn sein neues Leben. Auf den Wänden hingen seine Trikots und Trophäen. Es gab auch ein großes signiertes Foto von Miguel Indurain, auf dem er allen seinen Gästen das Beste wünschte. Claveyrolat änderte den Namen des Lokals auf "L´etape". und mit ihm über den Rennsport zu plaudern und über die alten Zeiten. Aber all das verschwundene Adrenalin des Rennsports mit endlosem Wiederkauen der Vergangenheit zu ersetzen und sich unendlich lange den Dorfklatsch anzuhören, das war nahezu ein Ding der Unmöglichkeit.

Neues Blut war in der Bar vonnöten, und so beschloß er einen Wechsel. Tanzmusik sowie eine Umdekoration, um ein jüngeres Publikum anzusprechen. Claveyrolat versuche alles, aber es funktionierte nicht. Die einzigen Besucher, die jetzt kamen, brachten Probleme mit: Drogen - die entspannenden Sorten - und Polizeirazzien. Es war ein Desaster. Claveyrolat versuchte noch, wieder den ursprünglichen Zustand herzustellen, aber die Bar starb vor seinen Augen und seine Schulden wuchsen ihm über beide Ohren. Aber sein Stolz erlaubte ihm nicht, ein fach den Hut draufzuhauen, das Lokal zu verkaufen und seine Verbindungen abzuschneiden.

Von seinen Radsportfreunden bemerkte niemand, was da vor sich ging. Eine Teilnahmekarte brachte ihn in eine französische TV-Game-Show, wo er beim Millionenrad eine Million Franc gewann. "Clavet kann gar nichts falsch machen", sagten sie, aber alles, was ihm sein glücklicher Gewinn brachte, war, daß seine Schulden für eine Weile aufgeschoben waren.

Dann kam der finale Schlag. Am Freitagabend, 13. August 1999. Claveyrolat war nicht in der Bar gewesen, er war daheim, hatte über seine Probleme nachgedacht, um eine Lösung zu finden. Um 23 Uhr bestieg er seinen Wagen für die kurze Fahrt den Col de Laffray hinunter nach Vizille, um sein Lokal für die Nacht aufzusperren.

Mit seinen Gedanken war er überall, nur nicht beim Autofahren. In einer Serpentine, die er alle so in- und auswendig kannte, touchierte er einen Randstein  und übersah dabei einen entgegenkommenden Wagen. Sie stießen zusammen, der Fahrer des anderen Wagens erlitt mehrere Knochenbrüche und dessen junger Sohn war so schwer verletzt, daß er ein Augenlicht verlor. Claveyrolat wurde inhaftiert. Um alles noch schlimmer zu machen, war er alkoholisiert. Um es ganz genau zu sagen, er trank schon seit einer geraumen Zeit.

Nun drückte ihn wieder der Stolz, der ihn als Radrennfahrer zum Erfolg getrieben hatte. Genaugenommen hatte ihn sein Stolz schon seit einiger Zeit gelenkt. Sein Stolz hatte seine Unzufriedenheit über die ruhige Bar geweckt, und sein Stolz hatte ihn dazu gebracht, in seiner tristen finanziellen Lage auszuharren. Und nun hatte er etwas ganz Schreckliches gemacht. Ein Gefängnisaufenthalt war ihm ziemlich sicher. Aber das war ja unmöglich, der "Adler von Vizille" in einer Gefängniszelle! Er konnte es einfach nicht glauben, wie tief er gefallen war.

Und jetzt gab es nichts mehr, wofür er hätte weitermachen können, denn es gab  nichts mehr, worauf er stolz hätte sein können. In seinem Abschiedsbrief schrieb  er nur, daß er kein Begräbnis wünsche, keine Freunde, keine Abschiedsworte, keine Erinnerungen, keine Blumen.Er wollte nur eines: daß seine Trikots und seine Trophäen weiterhin in der Bar ausgestellt blieben. Sie waren alles, was er hinterlassen hatte, weil er alles andere selbst zerstört hatte.

Am 7. September um 15 Uhr fiel der letzte Schuß. Er wurde später tot in seinem Keller aufgefunden. Er ließ eine Witwe zurück, Myriam, sowie zwei Kinder. Sein Sohn Joris schrieb in einer Radsport-Internet-Site: "Ich bin der Sohn von Thierry Claveyrolat. Und ich möchte all denen danken, die meinem Vater Respekt gezollt haben und möchte für einige Personen einiges klarstellen. Was auch immer einige Menychen denken mögen, mein Vater hat aus persönlichen Gründen Selbstmord begangen. Darüber hinaus gibt es nichts mehr zu sagen. Das ist die volle Wahrheit, das kann ich allen versichern."

 

LUIS OCANA (1945 - 1994)

Im Schatten von Merckx

"Ich wußte, daß er niemals seinen Heimatort verlassen wollte. Er vermißte ihn  sehr und ich denke, daß er nichts mehr davon sah, nachdem wir gegangen waren. Ich habe viele Souveniere aus meiner Kindheit dort, wie den Geruch der Olivenbäume rund um unser kleines Haus, am stolzesten aber bin ich über das Blut, das ich mit meinem Vater und den Menschen in Kastilien teile."

Luis Ocana

 

Luis Ocana war der erst zweite Spanier, der die Tour de France gewann und vor der Jahrtausendwende verstarb. Er war ein Fahrer, dessen immense Schnelligkeit und physische Stärke einem fragilen Temperament und ebensolcher Moral gegenüberstanden. Seine Erfolgsliste wäre sehr viel reichhaltiger ausgefallen, wäre seine Karriere nicht zeitlich mt der von Eddy Merckx zusammengefallen, dem Größten von allen.

Es ist eine der grundlegendsten Wahrheiten des Sports, daß man seines eigenen Glückes Schmied ist. Bis zu einem gewissen Bereich ist das wahr: Sport ist harte Arbeit, Ethik und Glück und kommt genauso zufällig wie im Leben. Der große Unterschied ist, wenn man die wirklich Großen im Sport betrachtet, so muß man ihnen zugestehen, daß sie das Glück auch auf ihrer Seite haben.

Es ist heute auf der Seite von Lewis Hamilton in der Formel 1, und als der britische Boxer Henry Cooper in den sechzigter Jahren Muhammad Ali niederschlug, kam der Gong den Bruchteil einer Sekunden zu früh und rettete ihnm, ehe er ausgezählt werden konnte. Die Besten, die Allerbesten, die haben alles, inklusive Glück.

In der Tour de France 1971 beanspruchte der Allergrößte des Radsports, Eddy Merckx, sein Glück über Gebühr, als es den Anschein hatte, als würde er von einem Rivalen mit Geist und Klasse - vielleicht noch spezialisierter als er - so groß wie er selbst, geschlagen werden. Merckx verbrauchte in diesem Jahr alle seine neun Leben, als sein Rivale schwer stürzte und ihm den Weg zum Sieg ebnete. Wenn dieser Sturz nicht passiert wäre, dann hätte Mewrckx wahrscheinlich nur viermal die Tour gewonnen und seine ganze Karriere hätte wohl völlig anders ausgesehen.

Dieser Rivale war Luis Ocana, der einzige Mann in der Radsportgeschichte, der nachweislich den großen Merckx in seine Schranken gewiesen hatte, als der am Höhepunkt seiner Karriere war. Ja, Merckx wurde im Laufe seiner Karriere von mehreren Fahrern geschlagen, aber Ocana demütigte ihn.

Obwohl Ocana gebürtiger Spanier war, lebte er die meiste Zeit in Frankreich. Im Alter von 10 Jahren zog er mit seiner Familie von Cuenca nach Mont-de-Marsan, und dort, auf den flachen bis welligen Straßen der Region um Bordeaux, lernte er den Radsport kennen.

Stelle einen geborenen Kletterer auf einen Boden, auf dem er in den Hochgeschwindigkeitsrennsport wachsen kann und er wird komplett werden. Ocana war der erste wirklich komplette spanische Rennfahrer. Er entwickelte sich langsamer als Merckx, obwohl er 8 Tage älter war, aber Ocana lernte, sich in einem dichtgedrängten Hauptfeld zu positionieren, er lernte zeitfahren, wo hingegen Spaniens früherer Tour-de-France-Sieger, Federico Bahamones, einzig nur klettern konnte. Ocana konnte es auch, besser sogar als Merckx, aber er konnte eben auch den Rest. Große Dinge warfen ihren Schatten voraus, als er 1969 zu den Profis kam.

Seine erste Tour war eine einzige Enttäuschung, als er einen Präzedenzfall für seine Karriere setzte und auf der Etappe mit der Bergankunft am Ballon d´Alsace schwer stürzte und nur deshalb ins Ziel kam, weil ihn vier Teamkameraden an seinem Trikot zogen. Zwei Tage später gab er auf.

Das folgende Jahr war schon sehr viel besser. Ocana gewann die Vuelta d´Espana, gewann in der Tour die Bergetappe von Toulouse nach Saint-Gaudens und wahrscheinlich, für Merckx sehr viel beunruhigender, wurde er Zweiter und Dritter in den beiden Zeitfahrten.

Bis 1971 war Ocana ein seriöser Tour-de-France-Konkurrent, und wie ein solcher bereitete er sich auch vor. Es war sein einziges Saisonziel, deshalb war er am Start auch bereit für diese seine größte Herausforderung, während Merckx schon im Frühjahr bei den Klassikern um Siege gekämpft hatte.

Es war Merckx´ Natur, Rennen zu fahren, und die Tour machte da keine Ausnahme. Am Ende der ersten Woche hatte er das Gelbe Trikot erkämpft, aber es war ihm beileibe nicht leicht gefallen, denn er mute viele seiner Rivalen aus dem Frühjahr niederringen, solche wie Roger de Vlaeminck etwa. Ocana dagegen war ihm auf den Fersen geblieben, lag jetzt mit 52 Sekunden Rückstand an der 12. Stelle.

Es schien, als sei Merckx in einer sehr starken Position, aber es gab erste Anzeichen von Problemen, und die wurden in der Etappe von Nevers auf den Puy-de-Dome offenkundig. Im Aufstieg auf diesen erloschenen Vulkan, der das Stadtbild von Clermont-Ferrand prägt, begann Merckx wie üblich, den Druck drastisch zu erhöhen, und jeder, der die Tour gewinnen wollte, mußte jetzt attackieren.

Nur einer tat es: Ocana wartete auf das steilste Stück, etwa 4 km vor dem Ziel, dann trat er an und lancierte eine lodernde Attacke. Auf nur einem Kilometer fuhr er auf Merckx 35 Sekunden heraus. Trotzig wie immer, holte der große Belgier im Finish noch gewaltig auf, Ocana gewann mit nur mehr 15 Sekunden Vorsprung. Das war kein gewaltiger Vorsprung, aber die Konkurrenten von Merckx setzten Zeichen. Joop Zoetemelk und Joaquin Agostinho fuhren beide im Finale noch an Merckx vorbei. Mit seinem allerersten Stein hatte David Goliath verwundet.

Die beiden nächsten Tage waren für Merckx sehr schwer, denn Ocana setzte ihn auf den heißen, feuchten und schweren Straßen des Zentral-Massivs und der Chartreuse weiterhin ständig unter Druck. Merckx blieb ihm die Antwort nicht schuldig, verlor aber weitere Sekunden. Und bald schon würde er sehr viel mehr verlieren.

Auf der Etappe von Grenoble nach Orcieres-Merlette, an einemTag mit drückender, schwüler Hitze, die der Spanier so sehr liebte, ergriff er die Initiative und begann - scheinbar - ein Spiel. Aber es war keines. Ocana fuhr mit seinem Instinkt, mit dem Instinkt eines Jägers, der spürte, daß Merckx verwundet war. Bereits am ersten Anstieg, dem Col de Laffray, griff Ocana an und sofort war Merckx in Schwierigkeiten. Wie jeder andere auch. Ocana war wie entfesselt. Die Hitze, die jeden zu lähmen schien, verschaffte ihm neue Energien. Am Ende des Tages war Merckx an die fünfte Stelle im Gesamtklassement zurückgefallen, nahezu 10 Minuten hinter Ocana. Zoetemelk war noch der Stärkste vom Rest gewesaen, aber selbst er lag knappe 9 Minuten hinter dem Spanier.

Das Rennen war auf den Kopf gestellt worden. Mit jedem Pedaltritt hatte Merckx versucht, den Vorsprung von Ocana zu begrenzen, aber es war mißlungen. Aber er hatte die Herzen der Franzosen gewonnen, die Merckx immer als eiskalt eingestuft hatten, und die französische Presse war voll des Lobes über seine heldenhafte Verteidigung. Die Wahrheit aber war, daß er die Tour verloren hatte. Wie könnte er denn 10 Minuten von einem Kletterer zurückholen, der in der Form seines Lebens fuhr und auch einer der besten Zeitfahrer war?

Am nächsten Tag führte er einen Ausreißversuch auf der hügeligen Strecke nach Marseille über 200 km an, der die Durchschnttsgeschwindigkeit der Etappe auf über 45 km/h anhob, und das bedeutete, daß in der französischen Hafenstadt kaum Zuschauer waren, weil die Fahrer so weit vor ihrer Marschtabelle lagen. Und Merckx hatte gerade mal 56 Sekunden zurückgewonnen! Es würde noch ein fürchterlicher Kampf bis Paris werden.

Hätte Merckx seinen Rückstand aufgeholt? Niemand wird es je erfahren. Er würde eher auf der Straße gestürzt sein als aufgegeben haben, soviel ist sicher. Aber 9 Minuten aufholen? Alle diese Fragen sind akademisch, denn zwei Tage später schon endete der Traum für Ocana abrupt.

An einem Tag mit schrecklichem Regen in den Pyrenäen trieb Merckx Ocana vor sich her, er kletterte stärker als sonst und jagte die glitschigen Abfahrten so schnell hinunter wie nie zuvor. Hier, in der Abfahrt vom Col de Mente, schlug das Schicksal erbarmungslos zu. Man mag vermuten, daß die kompromißlose Fahrt von Merckx Ocana zu Fehlern zwang und Glück hatte er wahrlich nicht. Wie auch immer, in einer engen Kehre rutschte Merckx als Führender weg und im Versuch, den Sturz zu vermeiden, verlor Ocana die Kontrolle und stürzte schwer.

Zunächst war er gar nicht schlimm verletzt und er war auch schnell wieder auf den Beinen. Aber dann kamen Zoetemelk und Agostinho, die ebenfalls die Straße herunterschlitterten, ihre Laufräder waren schon unkontrollierbar, und beide fielen sie über Ocana, der neuerlich zu Boden mußte. Und dieses Mal blieb er liegen, seine Verletzungen waren jetzt zu schwer, um weiterzufahren, und so gewann Eddy Merckx die Tour de France 1971.

Dennoch, Ocana hatte ihn aus der Fassung gebracht. 1972 fand ihr Revancheduell dann doch nicht statt, denn Ocana, der damals spanischer Landesmeister war, litt unter Bronchialpneumonia und mußte in den Alpen aufgeben. Aber es machte ihn nur noch heißer für das folgende Jahr, in dem er dann endlich gewann, eine Tour, die mit ihren 4.100 km eine der schwersten der Geschichte war und sehr viele Anstiege enthielt.

Ob dieseTatsache oder die Erinnerung an seine Niederlage 1971 Merckx zögern ließ, mit einem wiedererstarkten Ocana die Herausforderung zu suchen, ist nicht bekannt, aber 1973 entshcloß sich Merckx zum Double Vuelta/Giro. Er schaffte es, und die Tatsache, daß nicht mal Merckx gut genug war, um drei große Länderrundfahrten in einem Jahr gewinnen zu können, ließ ihn die Tour in diesem Jahr ausfallen. Fürchtete er sich vor Ocana? Wahrscheinliuch nicht, aber vielleicht war er nicht bereit für ihn. Merckx als Leitwolf kämpfte an allen Fronten, während Ocana nur die Tour wollte. Vielleicht brauchte Merckx ein Jahr Auszeit von diesem Kampf.

Luis Ocana am Col d´Izoard in der Tour de France 1973

Es gibt einen Präzedenzfall. Jacques Anquetil machte 1965 Ähnliches, als er sich auf das Double Dauphiné-Libére und Bordeaux-Paris konzentrierte, um einem Tour-Kampf mit Raymond Poulidor aus dem Weg zu gehen, der ihn schon im Jahr davor bezwungen hatte.

Luis Ocana gewann de Tour 1973 ohne Gegenwehr. In Paris hatte er mehr als 15 Minuten Vorsprung auf den Zweiten, Bernard Thevenet, und nahezu 18 Minuten auf José-Manuel Fuente. Und so nebenbei gewann er auch noch 6 Etappen, inklusive beider Zeitfahrten. Es war ein kompletter Sieg eines kompletten Fahrers mit der einzigen Ausnahme, daß Merckx nicht dabei war.

Ocana im Gelben Trikot der Tour 1973 mit Fuente

Es war der Höhepunkt in Ocanas Karriere. Das Retourmatch mit Merckx fand niemals statt und später, nach 1974, begannen ihre beiden Karrieren sich dem Ende zuzuneigen. Ocana fuhr noch bis Ende 1977 Rennen und Merckx zog sich vom aktiven Sport zu Beginn des folgenden Jahres zurück.

Ocana gewinnt die Tour de France 1973

Nachdem er sein Rad einmal an den Nagel gehängt hatte, versuchte sich Ocana als sportlicher Leiter, aber für einen elementaren Charakter, der keine Kompromisse kannte, war es nicht sehr einfach, mit den Unzulänglichkeiten anderer Menschen fertigzuwerden und so hatte er einfach keinen Erfolg.

 

Am Ende starb Ocana als leidgeprüfter Mensch. Am Morgen des 19. Mai 1994 hörte seine Ehefrau Josiane einen Schuß aus einem der Außengebäude seines Landsitzes, wo Ocana Weintrauben gepflanzt hatte, um einen feinen Armagnac zu produzieren. Sie sah nach dem Rechten und fand ihren Ehegatten tot, einen Revolver neben ihm liegend.

Was immerOcana dazu getrieben hatte, werden wir niemals erfahren, aber sein Vermächtnis als Radrennfahrer ist am besten mit den Worten seines spanischen Landsmannes José Perez-Frances zusammengefaßt: "Er war Eddy Merckx´ Hauptkonkurrent, als der Belgier selbst am Höhepunkt stand."

 

Spaniens Bauern-Prinz

Von völlig Verarmten aufgezogen, als Sohn eines Farmarbeiters in Spaniens fünfziger Jahren, wurde Luis Ocana der einzige Fahrer, der in der Lage war, den ungekrönten König des Pelotons jener Zeit, Eddy Merckx, herauszufordern. Dennoch, trotz dieses Erfolges, hatte sein Leben den Anstrich einer Tragödie.

Luis-Jesus Ocana wurde in Priego geboren, einer Stadt östlich von Madrid und nordwestlich von Cuenca, tief im Herzen des alten Königreichs von Kastilien, historisch gesehen einer der wichtigsten Orte eines einmal zerbrochenen Spanien.

Kastiliens Wohlstand endete vor langer Zeit, und Mitte der vierziger Jahre, als Spaniens erst zweiter Tour-de-France-Sieger aller Zeiten zur Welt kam, hatte Kastilien sehr wenig, um seine in alle Winde zerstreute Bevölkerung zusammenzuhalten. Die Landschaft war öd und kahl, die Sommer sehr heiß, die Winter eisig kalt. Landwirtschaft war sehr schwierig und Luis´ Vater bekam wenig von seinem Job. Knochenbrechende Arbeit war es außerdem, die Wolle vom Vlies der frisch geschorenen Schafe geradezuziehen.

Spanien war außerdem durch einen Bürgerkrieg geschwächt, der die Wirtschaft in eine schwere Krise gestürzt hatte. Ocanas Vater arbeitete unaufhörlich, und später noch, als er schon ein erfolgreicher Radrennfahrer war, sagte Luis, daß er oft an ihn denken mußte, wenn er zusätzliche Entschlossenheit benötigte, um ein schweres Rennen durchzustehen. Sein Vater, der ebenfalls auf den Namen Luis hörte, arbeitete nicht nur mit den Schafen, er führte auch einen winzigen Gemüsegarten, um seine Familie zu versorgen, er transportierte auch Olivenöl aus den Hügeln hinunter zu den Verbrauchern, indem er einen schwerbeladenen Schubkarren stundenlang über die staubigen, heißen Straßen seiner Heimat zog.

Die Ocanas wuchsen heran. Luis war der Älteste, aber schon bald bekam er die Gesellschaft von zwei Brüdern, Amparo und Antonio. Dann wurde noch ein Kind geboren, Marino, starb aber nach nur zwei Monaten. In diesen schwierigen Zeiten war der Tod eines jungen Kindes nichts Außergewöhnliches in Spanien. Die Armut forderte ihren Tribut, und viele Familien litten an Hungersnot. Zum Vergleich war Frankreich ein sehr viel gesünderes Land mit einem sehr viel höheren Lebensstandard für Jedermann. Viele Menschen aus Ocanas Stadt waren bereits dorthin gezogen, sodaß die Männer in den Minen des Nordens Arbeit fanden, und es war das Angebot eines Jobs unter Tage, das Senor Ocana dazu bewog, nur widerwillig mit seiner Familie ihren Geburtsort zu verlassen.

Er bekam einen Job in Val d´Arran in den Pyrenäen, wo er beim Bau von Tunneln arbeitete, die Teil eines riesigen Wasserkraftwerkprojektes waren. Die Familie zog nach Vila, ein Dorf auf der spanischen Seite dieser Bergkette, nahe des Gletschers, aus dem die französiche Garonne entspringt, die durch Bordeaux in den Atlantik fließt. Das war 1951, Luis war 6 Jahre alt.

Ocana kam in die Schule nach Vila, bekam aber bald schon Probleme mit seinem Lehrer, der die Disziplin wahrte, indem er selbst kleinste Vergehen mit der Prügelstrafe ahndete. Sein Vater, ein freundlicher, und - wie sich später noch herausstellen sollte - ein tapferer Mann, war darüber gar nicht glücklich und schickte seinen Sohn in eine Schule nach Villa, das etwa 6 km entfernt lag.

Luis  im Gelben Trikot der Tour 1973

In der Geschichte der meisten Champions gibt es einen Schlüsselmoment, in dem sie zum ersten Mal die Leidenschaft und die Stärke zeigen, die sie später auszeichnet und zu dem macht, was sie dann sind. Für Ocana war es der Schulwechsel, denn jetzt mußte er zu Fuß hingehen und wieder zurück, 12 km jeden Tag, bei jedem Wetter. Und so hoch oben, wie sie da in den Pyrenäen waren, hieß das im Winter, daß sie sich durch hohen Schnee kämpfen mußten.

Der Rest seiner Kindheit war unbedeutend. Die Familie übersiedelte wieder, diesmal über die französische Grenze nach Magnan in die Gers. Dort arbeitete Ocanas Onkel als Holzfäller. Das wurde sehr vel besser bezahlt, und so arbeitete Ocanas Vater eine Weile mit ihm zusammen, bis er bei der lokalen Bauerngewerkschaft einen noch besseren Job fand. Und zuletzt konnte sein Vater sogar etwas Geld zur Seite legen und so kaufte er sich nahe Le Houga ein kleines Haus. Der junge Luis war mit der Schule fertig und fand Anstellung in Aire-sur-Adour, 14 km entfernt, als Tischlerlehrling. Das war zu weit, um zu Fuß zu gehen, und so kaufte sein Vater ihm ein Fahrrad.

"Es war grau mit verchromten Kotschützern, ein reines Nutzfahrzeug, aber wenn ich damit gefahren bin, habe ich mich wie einer der ganz großen Champions gefühlt", erklärte Ocana viele Jahre später. Er war nicht der einzige, der dachte, daß er am Rad gut aussähe. Sein Boß war ein Radsportfan, und der überredete Luis dazu, diesen Sport ebenfalls auszuüben.

So sparte Ocana und kaufte dann sein erstes Rennrad: "Marke Automoto. Der Besitzer des Radgeschäftes erzählte mir, daß es eine ganz berühmte Marke war, die von den ganz großen Champions gefahren worden war, wie Bottecchia, Petit-Breton und Pelissier", erinnerte er sich. Es war sein erster Kontakt mit den Legenden des Radsports, bald aber kamen weitere. Im Dezember 1959 nahm ihn sein Vater mit, als sie seine Großmutter daheim in Spanien besuchten. Während dieses Aufenthaltes besuchten sie ein Bahnmeeting in Madrid. Es war eine phantastische Nacht, sie sahen Fausto Coppi, Jacques Anquetil und Roger Riviere zu, aber ein Mann machte auf den jungen Spanier einen viel gewaltigeren Eindruck als alle diese Champions zusammen.

Es war das Jahr, in dem mit Federico Bahamontes der erste Spanier die Tour de France gewinnen konnte. Und bei diesem Bahnmeeting trug er sein Gelbes Trikot und dieser Anblick des "Adlers von Toledo" blieb von diesem Tag an im Gedächtnis des jungen Spaniers haften.

"Sein Trikot leuchtete, es war eine Art von Licht, die auch Stierkämpfer umgibt. An diesemTag entdeckte ich meine Leidenschaft", so beschrieb Ocana diese seine Erfahrung. Er hatte den Sinn seines Lebens gefunden. Nun wollte er nichts anderes als ein Radrennfahrer werden und die Tour de France gewinnen. Glücklicherweise wurde seine Leidenschaft von seinem Boß geteilt. Er begann seine Beziehungen spielen zu lassen und verhalf Ocana in den örtlichen Verein, VCAturin, und so begann er 1962 im Alter von 17 Jahren seine Radsportlaufbahn.

Er hatte sofort Erfolg, schaffte seinen ersten Sieg am 1. April dieses Jahres im Frühjahrspreis von Mimizan, den ersten in einer Reihe von 5 Siegen in seiner ersten Saison. Im Jahr darauf gewann er 7 Rennen, kletterte durch alle Kategorien, bis er den "Grand Prix de Grimpeurs" gewann, den Preis der Kletterer, ein Rennen für Elite- und Fahrer der ersten Kategorie. Ocana war sehr ambitioniert und fragte beim größten Klub seiner Gegend um einen Platz an.

"Le Stade Montois" spielt im französischen Radsport noch immer eine große Rolle, aus seinen Reihen kamen im Laufe der Jahre viele hochdekorierte Profis. Der Präsident in den sechziger Jahren war ein Mann namens Pierre Cescutti, ein erfolgreicher Bauherr, und er nahmn Ocana mit offenen Armen auf, sobald sein Wechsel von seinem alten Klub bewilligt worden war und sobald er im Heimatort des Klubs wohnte, in Mont-de-Marsan.

Ocana stimmte zu, und mit Saisonbeginn 1964 wechselte er den Klub und übersiedelte in die Stadt, in der er für den Rest seiner Radsportkarriere wohnen sollte. Er baute sich eine stolze Erfolgsliste auf, gewann mit großen Vorsprüngen große Rennen in den gelbgrauen Farben seines neuen Klubs. Er leuchtete sogar gegen die Profis, bemerkenswert war sein 5. Platz beim Bergrennen am Mont-Faron hinter keinem Geringerem als Jacques Anquetil. Ocana machte sich einen Namen als Kletterspezialist, bald schon aber demonstrierte er, daß er sehr viel mehr zu leisten imstande war, mehr als die meisten seiner Landsleute, mehr als sogar Bahamontes. 1965 wurde er Zweiter im Zeitfahren um den Grand Prix de France hinter dem Engländer Peter Hill.

Hill lebt immer noch in der Normandie. Erinnert er sich an dieses Zusammentreffen mit Ocana? "Ja, natürlich, ich habe damals vor dem Grand Prix de France nicht viel über ihn gehört, weil er ja meist im Südwesten gefahren ist, aber mein sportlicher Leiter hatte es sich zur Aufgabe gemacht, sein Auge auf alle zu werfen. In diesem Jahr hatte Ocana schon sehr viele gute Resultate, und deshalb kannte ich seinen Namen schon vor dem Start, aber daß er so gut zeitfahren konnte, das wußte ich natürlich nicht", erzählte Hill.

Damit hatte Ocana nun auch bewiesen, daß er die Fähigkeit hatte, auch in den großen Etappenrennen zu glänzen. Er war von seiner Bestimmung überzeugt und so gewann er1966 schon 13 Rennen, alle mit stetig steigendem Selbstvertrauen. Sein offensichtliches Talent hatte sich so weit entwickelt, daß er glaubte, sich um einen Profivertrag kümmern zu müssen.

Ocana war sehr ungeduldig darüber, wie sich sein Leben entwickelte. Und tatsächlich sagt auch seine Ehefrau, daß er immer mit 300 km/h lebte. Er traf Josianer Callade im Juni 1966 bei einem Rennen in Mont-de-Marsan und am Weihnachtstag dieses Jahres wurden sie in der Kirche Notre-Dame-des-Cyclistes getraut. "Machst du dir keine Sorgen, wenn du dein Schicksal an einen Spanier knüpfst?", soll er sie während der Zeremonie gefragt hab en. Offensichtlich tat sie es nicht, denn sie stand an Ocanas Seite von diesem Tag an bis zu seinem Tod, durch alle Höhen sowie durch alle seine vielen Tiefs.

Das junge Paar benötigte mehr finanzielle Sicherheit als ein Amateurradrennfahrer und ein zeitweiliger Tischler bieten konnte, und so sprach Pierre Cescutti seinen Freund an, den großen sportlichen Leiter Antonin Magne, der das Mercier-BP-Team leitete und bat ihn, Ocana einen Vertrag zu geben. Doch Magne tat das nicht. Er meinte, daß der Spanier noch viel zu jung sei, gab aber zu, daß er hochtalentiert sei. Und anstatt eines Platzes im Profiteam bot Magne Ocana nach Rücksprache mit Mercier einen Platz für ein Jahr in seinem Team der Unabhängigen an. Ocana gewann in diesem Jahr 19 Rennen bei den Amateuren, inklusive des Zeitfahrens um den Grand Prix der Nationen, wo er einen anderen Engländer, Peter Head, auf dden zweiten Platz verwies. Er bekam aber auch die Chance, gegen Profis zu fahren, und da beeindruckte er ganz gewaltig.

Am Ende des Jahres dachte Ocana, daß er nun reif sei, zu den Profis zu wechseln, aber Magne zögerte erneut. Pierre Cescutti, der einsah, daß das junge Paar ein höheres Gehalt benötigte, war entschlußfreudiger und schloß einen Vertrag mit der spanischen Elektrofirma Fagor ab, die Ocana 15.000.- Peseten zahlte (damals etwa 220.- Euro). Das machte den Einbürgerungsabsichten, die Ocana damals hegte, ein Ende, aber dafür war jetzt ein echter Profi.

Doch die Tragödie ließ nicht lange auf sich warten. Ocanas Vater lebte zwei Jahre lang mit großen Schmerzen, hatte aber niemandem davon etwas gesagt. Doch dann konnte er nicht mehr weiter, suchte einen Arzt auf, nur um gesagt zu bekommen, daß er Krebs habe und daß er unheilbar wäre.

Das ganze Jahr 1968 war überschattet von der Angst, den geliebten Vater zu verlieren. Ocana widmete ihm seinen größten Sieg, die Spanische Meisterschaft. Sein Vater war unglaublich stolz daruaf, Spanier zu sein. Und sein Sohn trug jetzt das Rot-Goldene Meistertrikot, eine Kopie der Nationalflagge, von der man sagt, daß sie das Blut und den Sand der Stierkampfarena repräsentiert. Er konnte es kaum erwarten, es ihm zu zeigen.

"Mein Vater war damals schon sehr abgemagert, speziell rund um die Schultern. Ich wollte, daß er das Trikot überstreifte, aber er weigerte sich. Er hielt es nur in den Händen, und wir weinten beide, ich sehe immer noch, wie unsere Tränen darauftropften und sehe, wie fest es seine langen, dürren Finger hielten", erzähle er viele Jahre später dem französischen Journalisten Francois Terbeen. Ocanas Vater starb am 31. August 1968. Er war 48 Jahre alt, im selben Alter, in dem sich später sein Sohn 1994 sein Leben nehmen sollte.

Die Nachricht traf Ocana ganz tief. Nach dem Tod seines Vaters verlangte Ocana, daß sein Leichnam in seiner Geburtsstadt begraben werden sollte. "Ich wußte ja, daß mein Vater niemals sein Heimatdorf verlassen wollte. Er vermißte es sehr und ich weiß, daß er es niemals wiedersah, nachdem wir weggezogen waren. Dort gibt es viele Souveniere aus meiner Kindheit, wie etwa den Duft der Olivenhaine rund um unser kleines Haus, am stolzesten aber bin ich auf das Blut, das ich mit meinem Vater teile und den Menschen in Kastilien." Seit damals hatte er alle Bestrebungen abgebrochen, jemals Franzose zu werden.

Im Winter trainierte der junge Profi besessener denn je. 1969 stieg er zum ersten Mal in die Tour de France, und seine Frühjahrsresultate - Sieger der Katalanischen Woche und Zweiter hinter Roger Pingeon in der Vuelta d´Espana - zeigten seine Absichten.

Er hatte aber auch eine neue Verantwortung. Ohne ihren Mann war seine Mutter auf Hilfe angewiesen, wie auch seine beiden jüngsten Geschwister, die 8jährige Marie-France und der 3jährige Michel. Ohne eigene Kinder zu haben, mußten nun Ocana und seine Frau ein Heim für ihre vergrößerte Familie schaffen.

Zwei Stars gaben in diesem Jahr ihr Debüt in der Tour, aber nur einer hatte Erfolg. Eddy Merckx gewann in unvergleichlichem Stil. Ocana stürzte am Ballon d´Alsace und mußte wenig später wegen seiner Verletzungen aufgeben. Ein spanischer Journalist, Chico Perez, sah die Unterschiede der beiden Debütanten. "Ocana hat enorme Klasse, genauso wie Merckx auch, aber der Spanier hat leider zu wenig Erfahrung. Er ist fäbhig, die allergrößten Rennen zu gewinnen, aber er muß viel umsichtiger werden. Er macht Fehler, die Merckx niemals machen würde", schrieb er damals.

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Eddy Merckx (links) und Luis Ocana

Ocana machte dennoch auf sich aufmerksam., 1969 leitete Raphael Geminiani das BIC-Team. Er war von Ocanas Form in der Vuelta beeindruckt, und von seinem Kampfgeist in der Tour, wo er es ablehnte, aufzugeben, bis ihn der Tourarzt aus dem Rennen nahm.

"Ocana war ein Krieger, und ich brauchte unbedingt einen Leader, da Jacqaues Anquetil Ende ´69 seine Karriere beendete. Ich hatte einen Freund im Südwesen, einen Ex-Profi namens Gerard Morin, und ihn beauftragte ich, Ocana daheim aufzusuchen. Ich sagte Gerard, was er ihm anbieten sollte, aber Ocana wollte unbedingt zwei Helfer von Fagor mitnehmen. Wir stimmten zu, der Deal war perfekt, und das hat auch mich gerettet, denn BIC wollte nach Anquetil einen neuen Start machen und mich auch loswerden", erinnert sich der alte Sportliche Leiter.

Es war eine ganz große Chance für Ocana und das angebotene Geld war sehr gut, genug, um im Dörfchen Bretagne-de-Marsan etwas Land zu kaufen und seinen alten Freund, Pierre Cescutti, damit zu beauftragen, für Josiane und ihn ihr Traumhaus zu bauen.

Das Haus war ein Teil Spaniens und dort bekam das Paar auch während ihres Aufenthaltes, der immerhin für den Rest von Ocanas Rennsportkarriere dauerte, zwei Kinder,Sylvie und Jean-Luis. Das war auch der Ort, wo er sein großes Hobby entdeckte, die Malerei, etwas, über das er immer sagte, daß es ihn sehr entspannte.

Das neue Jahr begann sehr gut, Ocana bedrängte Merckx bei Paris-Nizza das gesamte Rennen über sehr hart. Eine Rivalität hatte begonnen, die beider Karrieren charakterisieren sollte. Wie auch iummer, obwohl Merckx´ Priorität 1970 darin bestand, seinen Tour-Sieg zu verteidigen, hatte sich Ocana darangemacht, die Vuelta zu gewinnen. BIC schickte ein ganz starkes Team nach Spanien, und einer davon, Sylvain Vasseur, der heute im Norden Frankreichs lebt, spricht über seine Erinnerungen an dieses Rennen. "Ich erinnere mich, daß im Team ein Gefühl vorherrschte, Ocana fahre anfangs etwas konservativ. Nach einem Zeitfahren aber in Bilbao sahen wir den Grund. Er deklassierte alle und übernahm die Führung. Das Resultat stand danach nicht mehr zur Debatte", sagt Vasseur.

"Die Stimmung im Team schlug um. Josiane und Ocanas Mutter besuchten die Rundfahrt, um ihn zu überraschen. Das stärkte ihn wirklich. Manchmal konnte Ocana förmlich in sich versinken. Er brauchte Anregung und ständige Aufmunterung. Andauernd telefonierte er mit daheim und schrieb seiner Frau lange Briefe."

BIC stand am Sprung, ein großes Team zu werden. Wie erinnert sich Vasseur an den Teamgeist, der in ihren Reihen herrschte? "Wir gingen füreinander durchs Feuer, aber das wahr wahrscheinlich deshalb, weil wir so verdammt gute Fahrer hatten. Wir konnten Klassiker gewinnen, mit Roger Rosiers, wir konnten auch Etappenrennen gewinnen, mit Ocana. Schon 1970 konnten wir erkennen, wenn jemand Merckx herausfordern konnte, dann war das Luis", sagt er.

Was sahen sie damals im Spanier, das ihnen solches Vertrauen gab? "Ich glaube, es war seine Intelligenz, wirklich. Einmal hörte ich, wie er einem Journalisten erzählte, Merckx sei viel stärker als er, daß er in Wirklichkeit stärker war als wir alle zusammen. Aber er sagte auch, daß Merckx auch nur ein Mensch sei, und deshalb würde er auch mal einen schwarzen Tag haben. Und wenn das der Fall war, dann würde er, Ocana, bereit sein, das auszunutzen", sagt Vasseur.

Das war bemerkenswert klar gedacht und verdammt richtig, wie es Ocana dann 1971 auch bewies. Aber die Tour ´70 bewies, daß Ocana auch andere Qualitäten hatte: er konnte leiden. Er kämpfte sich mit Hämorrhoiden und Leberproblemen herum, immer an der Kippe zur Aufgab e, aber er kämpfte und konnte sogar noch die Etappe von Toulouse nach Saint-Gaudens gewinnen, ehe er im Abschlußzeitfahren hinter Merckx Zweiter wurde.

Die Bühne war bereit für Ocanas triumphale Jahre, die im Tour-de-France-Sieg ´73 gipfelten. Und damit hatte es Ocana endlich Bahamontes gleichgetan, den er als Kind gesehen hatte. Er hatte sein leuchtendes Licht, sein Gelbes Trikjot, aber was nun?

Zunächst sah es aus, als hätte Ocana einen anderen Level erreicht. Er wurde in der Straßenweltmeisterschaft hinter Felice Gimondi und Freddy Maertens Dritter am Montjuich-Rundkurs in Barcelona, schlug einen entkräfteten und erschöpften Merckx in dieser 4-Mann-Spitze. Das war für ihn ein gewaltiger Durchbruch, denn in Eintagesrennen war er bis dahin nicht sehr erfolgreich gewesen.

Aber im langen Winter 1973/74 geschah etwas, das Ocana als Radrennfahrer völlig veränderte. Erfolgreiche Sportler werden sehr oft dazu animiert, ihr Geld zu investieren, damit sie es vermehren können. Viele schaffen das auch, für einige aber ist es keine schöne Erfahrung. Freddy Maertens etwa verlor dabei sein gesamtes Vermögen, sagt heute aber, daß der große Fehler nicht die Investitionen waren, es war, weil er Geschäfte machte, während er noch Rennen fuhr. Unglücklicherweise war es auch genau das, was Ocana tat. Er kaufte Land in Mont-de-Marsan und baute darauf das "Hotel des Trois Rivieres". Er kaufte auch einen Weinberg ein Caupenne d´Armagnac, nahe der Stadt Nogaro.

Im Winter arbeitete er an diesen Projekten, im Februar mu´ßte er aber ins Trainingslager und dann die ersten Frühjahrsrennen bestreiten, als er nicht wußte, wie daheim die Arbeit voranging. Er hatte sehr viel Geld investiert und war nicht dabei, um zu überwachen, wie alles vonstatten ging - für jemanden, der so nervös wie Ocana ist, keine gute Ausgangsposition. Aber als sei das alles noch nicht genug, ließ Ocana am 8. April verlauten, sein großes Ziel für ´74 sei es, an allen drei großen Rundfahrten teilzunehmen, der Vuelta, dem Giro und der Tour.

Warum tat er so etwas? War es Stolz? Druck, der von BIC ausging? Weil er das Geld brauchte? Das waren damals alles mögliche Erklärungen, und vielleicht stimmten sie auch alle bis zu einem gewissen Punkt. Auf jeden Fall war es ein Desaster. Alles, was er aus der Vuelta rausholen konnte, waren ein 4. Platz und ein verletztes Knie, das ihn um einen Start beim Giro brachte. Dann stürzte er in der Tour de l´Aude schwer und konnte die Tour de France nicht bestreiten.

In der zweiten Saisonhälfte tat Ocana rein gar nichts, und man sagt, daß er damals schon nach einem respektablen Ausstieg aus dem Rennsport sah, um sich ganz seinen geschäftlichen Interessen widmen zu können. Ein ganz großer Vertrag mit einem anderen Team würde da helfen, und er fand auch eines, die spanische Formation Super-Ser.

Er trainierte im folgenden Winter hart und war zum Saisonstart ´75 ausgezeichnet in Form, holte sich Paris-Nizza, ehe er Vierter in der Vuelta wurde. Dann aber kam er ins Straucheln, und als die Dauphiné-Libérè-Rundfahrt vor der Türe stand, sagte er in einem Interview: "Ich habe keinen Saft mehr. Ich bin wie eine leere Batterie. Meine Gesundheit ist okay, ich schlafe auch gut, aber ich vermisse diese Qualität, die meine Rennen in der Vergangenheit ausgemacht haben. Ich habe keinen Biß mehr, ich habe keine Kraft mehr, die mich antreibt."

Seine Antwort auf diese Situation war typisch für einen Athleten, der unter Druck steht: er trainierte noch härter. Er unternahm ewig lange Trainingsfahrten durch die Pyrenäen, um sich für die Tour de France vorzubereiten, aber als die Tour dann begonnen hatte, vertraute er seinen Teamgefährten an, daß er glaube, sein Feuer verloren zu haben. Im Rennen war Ocana nur mehr ein Schatten seines früheren Selbst und gab auf der Etappe von Tarbes nach Albi auf. Der einst so stolze Spanier ging schnurstracks in sein Hotelzimmer und kam am nächsten Morgen nicht mehr runter, ehe seine Teamkameraden nicht zum Etappenstart gefahren waren.

Das alles sah sehr verzweifelt aus, aber es ist ein Beweis von Ocanas Klasse, daß er sich wieder aufraffen konnte,´76 auf den Vuelta-Sieg loszugehen. Er brachter sich sorgfältig in Form und wurde einzig von José Pesarrodona geschlagen, zum dritten Mal in seiner Karriere war er Zweiter in der Vuelta geworden.

Danach war er glücklich. "Da ist immer noch was da, ich habe es bewiesen", sagte er. "In der Tour de France werde ich es wieder versuchen, das ist mein zweites großes Ziel in diesem Jahr. Die Tour ist mir immer schon besser gelegen als die Vuelta, weil ich die Hitze mag und die Art, wie da gefahren wird. Die Vuelta ist immer viel unberechenbarer."

Aber die Tour war eine einzige Enttäuschung. Ocana wurde 14. und am Ende des Rennens beschloß er, seine Karriere im folgenden Jahr zu beenden. Super-Ser zog sich aus dem Rennsport zurück, und Ocana unterschrieb einen Einjahresvertrag mit dem holländischen Frisol-Team. Es war ein Jahr des Abschiednehmens, das am 15. Dezember endete, als Ocana endlich der Bauer wurde, der er schon seit ´73 werden wollte. Die Vorbereitungsarbeiten waren abgeschlossen und die Ocana-Familie zog in den neuen Landsitz in Caupenne d´Armagnac.

Er hatte viel Geld in das Projekt gesteckt und wollte jetzt die Früchte ernten, als ´83 ein schrecklicher Frost seine letzten Weinstöcke zerstörte. Es war wieder ein Desaster. Ocana hatte sein Landgut versichert, hatte aber vergessen, daß er eine gesonderte Versicherung für die Weinreben gebraucht hätte. Die Versicherung bezahlte nichts.

Drei Jahre lang brachte das Land keinerlei Ertrag. Dann, als er endlich den Weinberg neu bebaut hatte, fielen die Preise und er plumpste in einen finanziellen Abgrund. Um das Desaster noch einmal abzuwehren, setzte Ocana jetzt auf neue rote und weiße Brände, um seine Armagnac-Produktion zu vergrößern. Dann bekam er Hilfe von einem alten Rivalen, als Eddy Merckx ihm Absatzmärkte für seinen Armagnac in Belgien beschaffte. Ocana begann auch, für "Antenne 2" zu kommentieren und so etwas Extrageld zu verdienen.

Seine Rückkehr zum Sport wurde von allen gutgeheißen, aber nur sehr wenige bemerkten seine geschäftlichen Probleme, denn er präsentierte sich als der ewige Optimist, der er auch als Radprofi gewesen war. Neuerlich suchte ihn das Pech heim. Er erlitt in einer Autorallye einen schweren Unfall und die harte Arbeit, um alles im Fluß zu halten, begann seine Gesundheit anzugreifen.

Im November ´93 ging er als Trainer nach Paraguay. Er mußte damals schon jede Arbeit annehmen, die ihm angeboten wurde. Es war eine sehr traurige Zeit für ihn. er war Tausende Kilometer von der Familienunterstützung weg, die er doch so dringend brauchte. Er war einen Monat weg und mußte nach seiner Rückkehr dann noch mehr reisen, weil er unter dem Druck stand, seinen Wein in Frankreich verkaufen zu müssen.

Schritt für Schritt, ganz langsam, begann seine Gesundheit einzubrechen. Im Jänner ´94 mußte er seiner Frau eröffnen, daß sein Körper voller Schmnerzen war und er in den Nächten unter furchtbaren Krämpfen litt. Auf ihr Drängen hin suchte er in Toulouse ein Hospital auf und dort wurde Hepatitis C diagnostiziert. Er war am Boden zerstört, genauso wie Josiane. Er sagte ihr, daß er im Falle einer unheilbaren Krankheit nicht so lange leiden würde wie es sein Vater getan hatte, er meinte, er würde das Problem selbst beenden. Auch seinem Freund Pierre Cescutti erzählte er dasselbe. Schwer verstört war Ocana auch durch den Tod Anquetils gewesen, und durch den Besuch an dessen Totenbett, als er ihn ´87 besucht hatte.

Hepatits C ist eine unheilbare Krankheit, und die Behandlung mit der Droge Interferon hat sehr schmerzhafte Nebenwirkungen, die hohes Fieber und schreckliche Kopfschmerzen beinhalten. Während all der Zeit hatte Ocana weiterhin die Arbeit am Weinberg und für das spanische Radio zu leisten.

Seine Finanzen waren immer noch in fürchterlichem Zustand. Am 17. März versuchte er, mit seiner Bank zu einer Einigung zu kommen, fand aber wenig Sympathie. Er war verzweifelt, und nachdem er schon Selbstmordabsichten geäußert hatte, hatte Josiane versucht, alles aus dem Haus zu entfernen, was ihr dazu geeignet erschien.

Sie sprachen miteinander und es schien, als sei neue Hoffnung da, aber Ocana mußte schon da seinen Entschluß getroffen haben. Am Donnerstag, dem 19. Mai ´94, hörte Josiane um 13.45 Uhr einen Schuß aus Ocanas Arbeitszimmer. Er hatte sich eine Kugel in den Kopf geschossen. Sie rief um Hilfe, Ocana wurde ins Hospital geflogen, aber um 16.10 Uhr am selben Tag hatte das tapfere Herz aufgehört zu schlagen, das einmal die Tour de France gewonnen hatte.

Luis Ocana kurz vor seinem Tod

 

Das Desaster in der Tour de France 1971

Die Tatsache, daß Eddy Merckx die Tour de France fünfmal gewonnen hat, ist nur Statistik, aber eine, die die Karriere des größten Radrennfahrers aller Zeiten aufwertet. Wie auch immer, wegen eines Regentages in den Pyrenäen wären es beinahe "nur" vier geworden.

Luis Ocana stieg in dem Glauben in die Tour ´71, daß er sie gewinnen könnte, er glaubte daran, Eddy Merckx schlagen zu können, und einer der Hauptgründe für sein Selbstvertrauen war die Unterstützung, die er von einem Mann bekam, der selbst fünfmal gewonnen hatte, von Jacques Anquetil.

Raphael Geminiani, der Ocanas BIC-Team führte, ehe Maurice de Muer es 1970 übernahm, erinnert sich an die Vorbereitungen auf das Rennen und die Kommentare Anquetils. "Anquetil arbeitete fürs Radio, gab Expertenmeinungen und kommentierte sie. Wie niemand sonst konnte er ein Rennen analysieren, die Leute hörten auf ihn und sie glaubten ihm, als er sagte, daß Ocana gewinnen könne. Und was mich betrifft, ich kannte Ocana, und ich glaubte Anquetil auch", sagt Geminiani.

 

 

Das Rennen startete wie vorgesehen, bald schon übernahm Merckx die Führung. Ocana aber folgte ihm, und auf der Etappe, die am berüchtigten Puy-de-Dome endete - der erloschene Vulkan beherrscht die Skyline von Clermont-Ferrand - testete er Merckx und zum ersten Mal sah man ihn verwundet.

Aber er hatte sehr spät angetreten und nur 15 Sekunden gewonnen, aber diese Sekunden waren die einzige Spur, die der Spanier brauchte, und bei der Teambesprechung an diesem Abend gab er seinen Kollegen die Parole aus: "Angriff, greift an, denn Merckx ist schwach."

Und wie sie attackierten. Zwei Tage später, auf dér Etappe nach Grenoble, hatte Merckx Defekt, und sofort erhöhten die BIC-Fahrer das Tempo, um f0r Ocana eine Plattform zu schaffen, neuerlich zu attackieren. Nach einer langen und erschöpfenden Aufholjagd konnte Merckx in der Gruppe, in der er war, keine Akzente mehr setzen.

Am nächsten Tag wiederholte das BIC-Team die Taktik, das Tempo zu erhöhen, zunächst mit Desiré Letort, dann mit Charly Großkost, um dann auch noch mit Leif Mortensen anzugreifen, und so Merckx zu zwingen, jeweils zu kontern, dann begann sein Molteni-Team, in der 35-Grad-Hitze zu zerbröckeln.

Ocana fuhr seinen entscheidenden Angriff am Col de Laffray, einem Berg der zweiten Kategorie, Merckx war geschlagen. Er hatte nichts entgegenzusetzen und konnte nur zusehen, wie der Spanier am Horizont verschwand, seine Kappe verkehrt rum aufgesetzt, um seinen Nacken vor der glühenden Hitze zu schützen.

Ocana war wunderbar, und hinter ihm war nur Verwüstung. Die Tour-Organisatoren mußten auf dieser Etappe hinauf zum letzten Anstieg nach Orcieres-Merlette sogar die Karenzzeit drastisch erhöhen, da nur 38 Fahrer mit 12 Prozent Rückstand auf Ocana ins Ziel kamen. Er hatte sie alle demoliert, sich von Merckx das Gelbe Trikot geholt und führte jetzt die Tour mit 8:48 Minuten vor Joop Zoetemelk an, Merckx war auf den 4. Gesamtrang zurückgefallen!

Jeder glaubte, daß es vorbei war, daß dieTour gewonnen war. Jedermann außer Merckx selbst. In diesem Rennen war Herman van Springel einer seiner Teamgefährten, und vor ein paar Jahren erzählte er über die Reaktion seines Teamleaders auf eine Niederlage.

"An jenem Abend sagte Merckx seinem Mechaniker, er solle seine Rennmaschine für den nächsten Tag vorbereiten wie für ein Zeitfahren, mit leichten Laufrädern, schnellen Reifen und einem Stufenkranz, obwohl es ein ziemlich hügeliger Tag war, raus aus den Alpen, runter nach Marseille", sagte Van Springel.

"Merckx wußte, daß Ocana mit seinem Team ganz hinten im  Feld starten würde, denn als neuer Träger des Gelben Trikots mußte er noch Presse und den lokalen Honorigkeiten Rede und Antwort stehen.  Wie aus der Pistole geschossen jagte Eddy los, forcierte eine Ausreißergruppe, die bis ins Ziel ein Mannschaftszeitfahren hinlegten."

Dahinter brauchte BIC Ewigkeiten, um sich zu organisieren. Langsam holten sie ein paar Sekunden von Merckx´ Vorsprung zurück, aber seine Anstrengung, die sich in einem 45-km/h-Schnitt manifestierte, brachte ihm 2 Minuten auf Ocana ein. Dann gewann er die nächste Etappe, ein Zeitfahren in Albi. Nein, es war noch nicht vorbei, Merckx war noch nicht fertig,

Und so war es auch. Merckx attackierte gleich beim ersten Anstieg in den Pyrenäen, aber Ocana war bereit für ihn. Beim Anstieg auf den Col de Mente war das Wetter noch gut, als die beiden sich duellierten, aber die Hölle wartete schon, um in der Abfahrt loszubrechen.

So sind die Pyrenäen eben - auf der einen Seite des Berges kann es eine sanfte Sommeridylle sein und ein unbarmherziger Regensturm auf der anderen Seite. Als sie den Gipfel des Mente überquerten, wurden die Fahrer von prasselndem Regen und einem schrecklichen Temperatursturz überfallen. Ocana war zu Tode erschrocken, aber Merckx liebte so etwas.

"Niemand konnte so zu Tale rasen wie Merckx", sagt der Brite Dave Lloyd, ein Profi aus den Siebziger Jahren. "In der Tour de Suisse sah ich ihn einmal einen Berg runterjagen, als es neblig war und man keine zehn Meter weit sehen konnte, und Merckx nahm uns allen mehrere Minuten ab."

Und dasselbe tat er jetzt auch. Ocana versuchte dranzubleiben, schaffte es aber nicht. Merckx wurde von einer Sturmböe erfaßt, stürzte in eine niedrige Mauer. Mit der Hilfe einiger Zuschauer kletterte er wieder aufs Rad und wollte gerade weiterfahrenm, als Ocana in die Gruppe knallte.

Auch er sprang wieder auf, als Joaquim Agostinho mit blockierten Bremsen und einem Vorderrad, das gerade am Ausbrechen war, in ihn förmlich reinkrachte, ihn wieder zu Boden stieß. Und dieses Mal blieb er liegen.

Leif Mortensen erinnert sich, wie er seinen gestürzten Leader am Straßenrand liegen sah. "Ich blieb stehen, Ocana sah sehr schlimm aus. Männer von unserem Team waren um ihn, aber was ich noch ganz gut in Erinnerung habe, ist Maurice de Muer, der mir zuschrie, ich solle weiterfahren", sagt er.

Mortensen fuhr weiter und beendete die Tour an der 6. Stelle, der bestplazierte BIC-Fahrer und der bestplazierte Däne, bis Bjarne Riis ´93 Fünfter wurde und ´96 dann gewann. Aber Ocana stand nicht mehr auf, schrie vor Schmerzen, und später sagte er, er sei bewußtlos gewesen und erinnere sich an nichts mehr nach dem Sturz. Mit dem Hubschrauber wurde er ins Hospital geflogen.

Am Ende der Etappe war Merckx in Führung gegangen, aber zunächst trug er das Gelbe Trikot nicht, als Geste des Respekts gegenüber dem Mann, der so verdammt knapp dran gewesen war, seine Erfolgsliste zu zerstören.

 

Die Tour ´73, die er gewann

Das Revanchematch Ocana gegen Merckx in der Tour de France schien für ´72 festzustehen. Gegen Saisonende ´71 war Ocana wíeder auf  der Siegerstraße, gewann den Grand Prix der Nationen und auch das Baracchi-Zeitfahren mit seinem vertrauten Leutnant Leif Mortensen.

Danach erstürmte er die Dauphiné-Libérè ´72, gewann seinen zweiten spanischen Landesmeistertitel und startete in der Form seines Lebens in die Tour de France. Unglücklicherweise hatte er Defekt, und in der Eile der Aufholjagd stürzte er in der Abfahrt vom Col de Soulor. Die Pyrenäen hatten ihn ein weiteres Mal abgeworfen, und Merckx gewann auch diese Tour.

Er hat es niemals zugegeben, aber viele glauben, Merckx wollte um keinen Preis ´73 einen neuerlichen Kampf mit Ocana. Wahr oder nichgt, der große Belgier richtete seine Aufmerksamkeit auf die paar Rennen, die er bisher noch nicht gewonnen hatte, auf die Vuelta d´Espana. Er gewann sie, und ließ auch gleich einen Sieg im Giro d´Italia folgen.

Merckx blieb konsequent und startete in der Tour ´73 nicht und Ocana - der in Spanien ein harter Gegner gewesen war und dort verlauten ließ: "Dieses Rennen (die Vuelta) ist wie gemacht für Merckx, die Berggipfel sind viele Kilometer vor dem Ziel und in beinahe jedem Nest gibt es Sprints mit Zeitgutschriften entlang der Strecke" - schien wieder einmal wie gewohnt mit dem Schicksal zu kämpfen.

Joop Zoetemelk war einer der ersten Leader, er gewann  den Prolog in seinem Heimatland Niederlande, aber nach der 3. Etappe hatte das BIC-Team die Akzente gesetzt und mit dem Nordfranzosen José Catieau das Gelbe Trikot erobert, Mortensen war Dritter und Ocana Fünfter.

Von da an fuhr die BIC-Formation wie ein Bulldozer alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellte. Ocana gewann 6 Etappen und mit 15 Minuten Vorsprung auf einen zukünftigen Tour-Sieger, Bernard Thevenet. Joaquim Agostinho gewann eine Etappe und wurde Gesamtachter. Michael Wright, ein britischer BIC-Fahrer, der sein gesamtes Leben in Belgien verbracht hatte, gewann eine Etappe, genauso wie Catieau. Aber die BIC-Fahrer machten sich im Peloton auf diese Art nicht sehr beliebt.

"Das war wirklich De Muer´s Fehler. Er muß wohl unter ziemlichem Druck gestanden haben, unbedingt die Tour zu gewinnen, und als Ocana das Gelbe erst erobert hatte, brach er beinahe jeden Tag in Panik aus. Er wollte, daß wir andauernd angriffen, selbst in den Verpflegungszonen", erinnert sich Mortensen.

Aber all das soll den Sieg von Ocana nicht schmälern. Es war einer der eindrucksvollsten in der langen Tour-de-France-Geschichte. Herman van Springel, derGesamtsechster wurde, erinnert sich: "Es war gar kein Unterschied festzustellen, als wenn auch Merckx im Rennen gewesen wäre. Niemand konnte Ocana das Wasser reichen. Aber gegen Ende mußte er auch er leiden, zwei Wochen lang war er nach der Tour in einem Hospital, um sich ein entzündetes Furunkel wegoperieren zu lassen."

 

Das richtige Werkzeug

Viele Tour-de-France-Sieger waren Innovatoren. In einem Sport, in dem es auf mechanische Vorteile ankommt, ist es jeder Vorteil, der aus einem besseren Material gezogen werden kann, wert, wahrgenomnmen zu werden.

So gewann z.B. Greg LeMond die Tour ´89, weil er Tri-Bars im abschließenden Zeitfahren verwendete, was niemand seiner Rivalen tat. Bernard Hinault war einer der Ersten, der die Klickpedale ohne Clips und Riemen verwendete. Jacques Anquetil verwendete oft so leichtes Material, daß nur ein Fahrer mit extrem sanftem Kurbeltritt damit umngehen konnte. Und auch Luis Ocana hatte ein Auge für Innovationen.

Im Frühjahr ´73 hörte er von einem britischen Journalisten und Inhaber diverser Radsportrekorde über den ganzen Erdball, Peter Duker, daß eine Firma in Birmingham einen Rahmen aus Titanium gebaut hatte - ein Materiual, das genauos hart uned steif war wie ein Stahlrahmen, die in jenen Tagen alle verwendete, aber nur einen Bruchteil davon an Gewicht aufwies.

    

    

   

 

Die Herstellerfirma nannte sich Speedwell Gear Case und sie wurden von Ocana ersucht, für ihn einen Rahmen zu konstruieren, den Duker, ein schillernder Charakter, der leider nicht mehr unter uns ist, Ocana während des Etappenrennens Dauphiné-Libére´73 überreichte.

 

Das Speedwell-Crest

1973 Speedwell Professional Titanium by ad hoc.

Der Spanier liebte den Rahmen und testete ihn in den Bergen der Dauphiné-Libérè, die er in diesem Jahr auch gewann. Der Rahmen wurde mit leuchtenden  Farben versehen und Ocana benutzte ihn während vieler Bergetappen der Tour de France, in denen er seinen triumphalen siegreichen Vorsprung aufbaute. Er liebte ihn so sehr, daß er ihn auch sogar im abschließenden, flachen Zeitfahren fuhr.

Natürlich war der Rahmen geschweißt, das war eine Innovation in den siebziger Jahren, als die Stahlrahmen mit den Rohren durch die Muffen ineinandergesteckt wurden.

´Die Gabelscheiden waren direkt an den Gabelkopf geschweißt, anstatt in einer Krone zu stecken. Das war der Weg, wie auch die ersten  Mountain Bikes etwa 10 Jahre später hergestellt wurden.

Es war ein Rennrahmen, der sediner Zeit weit voraus war, aber trotzdem Speedwell erfolgreich darin war, auch andere Profis dieser Zeit zu ködern, wie Raymond Poulidor, Joaquim Agostinho und Frans Verbeek und für deren Gebrauch Rahmen baute, kam diese Idee beim breiten Radsportpublikum nicht an. Wegen fehlender finanzieller Mittel wurde die Produktion dann eingestellt, und es dauerte sehr viele und lange Jahre, ehe die Titaniumrahmen wieder auf den Markt kamen und auch zur Tour de France.

 

Maurice de Muer, der sportliche Leiter

Sie waren die Arsene Wengers und Alex Fergusons der sechziger Jahre im französischen Radsport. Unter Raymond Louviot, Raphael Geminiani, Antonin Magne, Gaston Plaud und Maurice de Muer fuhren die großen französischen Teams dieser Zeit: Sainte-Raphael, Ford, Mercier, Peugeot und Pelforth.

Baron Bich, der Mann hinter dem BIC-Team, fragte Maurice de Muer, ob er nicht vom Start seines Teams´70 weg als sportlicher KLeiuter tätig sein wolle.

Was dachte Maurice de Muer über Ocana bei ihrem ersten Zusammemntreffen? "Seine Augen beeindruckten mich sehr, sie waren sehr tief und hintergründig. Wenn man mit ihm sprach, hielten sie den Blickkontakt. Das ist ein gutes Zeichen, es zeigt, daß man zuhören kann, und das zeigt, daß der Mensch seriös ist.

Natürlich habe ich ihn auch im Rennen gesehen, bevor ich sein Manager wurde. Da erinnere ich mich an die Midi-Libre ´67. Er war noch Unabhängiger, aber er wurde Gesamtsechster und er bereitete den etablierten Profis Kopfzerbrechen.  Und auch noch ´70 war er etwas unroutiniert und deshalb war ich sehr froh, Jan Janssen im Team zu haben. Er stand vor dem Ende seiner Karriere, und so hat er sich um Ocana wirklich gekümmert, gab ihm Ratschläge und vermittelte ihm viel von seinen Kenntnissen, was ihm Jahre erspart hat, die er sonst länger gebraucht hätte", sagte De Muer.

Alle ehemaligen BIC-Fahrer, mit denen man spricht, berichten von der guten Atmosphäre und dem Zusammengehörigkeitsgefühl im Team. "Ja, das war sehr gut. Ocana war ein guter Leader und sie alle glaubten an ihn, vor allem nachdem er Eddy Merckx ´71 so gefordert hatte", antwortete er.

War Ocana zu den anderen Teammitgliedern freundlich?"Oh ja. Er war für einen Spaß immer zu haben und ich förderte das, indem ich eine so lockere Atmosphäre wie möglich schuf. Ich habe das getan, weil ich wußte, daß sie alle sehr gute Fahrer waren, seriöse Profis, aber manchmal haben sie alles zu ernst genommen und der Druck ist zu groß geworden. Ich gebe Ihnen ein Beispiel, was ich getan habe. In einem Jahr wußte ich in der Tour, daß Ocanas Familie in einer Etappe am Straßenrand gewartet hat und natürlich wollte er stehenbleiben und sie begrüßen. Und so habe ich einen Tisch mit Sesseln aufgestellt, mit Essen und Trinken. Ocana setzte sich mit den Vasseur-Brüdern, Sylvain und Alain. Und ich sagen  Ihnen, wer sich noch dazugesetzt hat: Jean-Marie Leblanc, der in diesem Jahr auch im Team war. Ja, der Direktor der Tour de France heute, und mit allen anderen wurde auch er mit 50.- Franc von der Rennleitung bestraft, weil er außerhalb der Zone Verpflegungg angenommen hat", kichert er.

Hat Ocana viel Aufmunterung und Unterstützung gebraucht, um seine Moral hochzuhalten? "Ja, das habe ich gemacht, indem ich die Atmosphäre locker gestaltet habe, aber das meiste hat er von zuhause bekommen. Wenn er jeden Abend mit seiner Frau sprechen konnte und Nachrichten von daheim bekam, dann war er glücklich. Er war sehr zielgerichtet, in keiner Weise schwierig zu handhaben. Vielleicht war er physisch etwas fragil, aber das war alles."

De Muer hat gelächelt, als er in seinen Erinnerungen geschwelgt ist, aber dieses Lächeln verschwindet, als die Sprache auf den schrecklichen Sturz am Col de Mente kommt, der Ocana aus der Tour ´71 geworfen hat. "Das war schrecklich. Als ich zu Luis hinkam, schrie er vor Schmerzen, er lag auf der Erde, er konnte es nicht mal aushalten, wenn ihn wer berührte. In Gedanken sah ich wieder Roger Riviere in der Tour ´60. Er sagte damals dasselbe, und er hatte die Wirbelsäule gebrochen. Wir haben es nicht gewagt, Luis anzufassen, solange der Arzt nicht gekommen war."

Wenn er da nicht gestürzt wäre, hätte Ocana damals, ´71, Merckx schlagen können? "Wer weiß das schon? Sicher hätte er ihn nicht um 10 Minuten geschlagen. Merckx war der Stärkste, und er war noch stärker, wenn er mit dem Rücken zur Wand stand. Aber wir hatten das bessere Team. Es wäre wohl ein exzelleneter Fight geworden."

Und der Tour-Sieg ´73, was bedeutete der für De Muer persönlich? "Um ehrlich zu sein, ich hatte gemischte Gefühle. Ich freute mich für Luis, und für mich auch, natürlich. Wie viele sportliche Leiter haben schon einen Tour-Sieger? Aber ich wußte auch, daß die Zeit des BIC-Teams abgelaufen war. Der Toursieg war ja eine persönliche Ambition von Baron Bich gewesen", sagt er mit einem Kopfschütteln, wenn er an das Ende des Teams denkt, das viele Leute als die beste Radsportmannschaft aller Zeiten bezeichneten.

 

Teamgefährte Leif Mortensen über Ocana

Heute ist Leif Mortensen Kommentator bei der dänischen Version von Europsport. Er bereist die ganze Welt und kommentiert Radsportereignisse, in seinem Heimatland ist er sehr populär. Er kommentiert zurückhaltend, seine Kommentare sind auf den Punkt gebracht und seine Sachkenntnis ist so groß wie die eines jeden, der aus diesem Sport kommt.

Leif Mortensen heute

Und so sollte es ja auch sein. Früher war Leif Mortensen einmal ein Weltmeister, im tschechischen Brno gewann er ´69 den Amateurtitel. Als Höhepunkt war ´68 eine Silbermedaille bei den Olympischen Spielen, er war auch ´70 hinter "Jempy" Monsere Zweiter bei der Profi-WM in Leicester. Mortensen war sehr gut, aber ´71 erlebte er etwas, das sein Leben und seine Ambitionen von Grund auf änderte.

"Ich war im BIC-Team, zusammen mit Luis Ocana, es war der Höhepunkt von Eddyx Merckx´ Karriere, und niemand dachte, daß er besiegt werden könnte, besonders nicht in der Tour de France. Naja, niemand dachte das, niemand außer Ocana", erzählt Mortensen in ein paar freien Momenten abseits seiner Fernsehverpflichtungen.

"Ocana glaubte wirklich, daß er Merckx in der Tour ´71 schlagen könnte, und ich glaubte an ihn, weil er solche Klasse hatte und solchen Geist versprühte, und weil er sich in jenem Jahr speziell auf die Tour vorbereitete, während Merckx ja schon in den Klassikern, wie üblich, sehr gut unterwegs war.

Nach der Dauphine-Liberé glaubte jeder im Team an Ocana. Merckx hatte diese Rundfahrt gewonnen, aber Ocana hatte ihm das Leben in den paar Bergetappen dieser Tour wirklich zur Hölle gemacht. Wir waren so sicher, wenn Ocana diese Form auch in der Tour ausspielen könnte, auf all den vielen Bergen, dann könnte er gewinnen."

Das BIC-Team war sehr gut, Mortensen war im Flachen sehr stark und konnte aber auch mit den Besten mitklettern. Weiters waren noch der talentierte Charly Großkost im Team (der später während einer Spazierfahrt getötet wurde) sowie der starke Bernard Labourdette.

"Wir fühlten, daß Merckx´ Team in den Bergen etwas schwächer sein würde, und so nahmen wir uns vor, vom ersten hügeligen Tag an konsequent zu attackieren, um sie nicht zur Ruhe kommen zu lassen. Und wieSie wissen, hat das auch funktioniert. Ocana gewann etwas Zeit am Puy de Dome, und das ganze Team hat dann Merckx auf der Etappe nach Orcieres-Merlette angegriffen, einer nach dem anderen, bis Ocana schließlich alleine wegfahren konnte.

Meine Aufgabe an diesem Tag wear, an Merckx´ Hinterrad zu bleiben, als er sich auf die Jagd nach Ocana machte. Es muß für Eddy sehr demoralisierend gewesen sein, alleine das Tempo machen zu müssen, mit jedem Kurbeltritt den Rückstand größer werden sehen, und jedesmal, wenn er sich hilfesuchend umdrehte, sah er mich. Und obwohl mein Leader drauf und dran war, die Tour de France zu gewinnen, habe ich mit Merckx gefühlt. Niemand konnte ihm helfen. Ich konnte natürlich nicht, aber selbst die, die von Ocana auch geschlagen wurden, haben nicht geholfen", sagt Mortensen.

Wie war Ocana als Mensch? "Freundliuch, aber distanziert, das ist die beste Art, ihn zu beschreiben. So hat er zum Beispiel jedem von uns im Hotel persönlich gedankt, als er in Orcieres-Merlette gewonnen hat, aber da war immer noch eine Distanz zwischen uns.

Ich habe an ihn geglaubt und habe ihn unterstützt, weil er ein Sieger war, und er hat ja dann auch ´73 die Tour gewonnen. Ich war an seiner Seite damals und mit BIC haben wir ja auch den Mannschaftspreis gewonnen. Es war ein Moment, den wir geteilt haben, aber niemand von uns hat ihn wirklich gekannt."

 

Karriere-Höhepunkte

Die Radsportwelt stand unter Schock, als die Nachricht vom Selbstmord des Tour-de-France-Siegers von ´73, Luis Ocana, die Runde machte, nachdem er am Donnerstag, dem 19. Mai ´94, mit einer Schußwunde am Kopf entdeckt worden war.

Polizei und Ärzte wurden in das Haus des Spaniers in Caupenne d´Armagnac im Südwesten Frankreichs gerufen, aber sie schafften es nicht, ihn wiederzubeleben, und um 16.10 Uhr wurde er für tot erklärt, gerade mal 48 Jahre alt.

Am 9. Juni 1945 in Priego im Osten von Madrid geboren, beeindruckte Ocana das erste Mal die Radsportwelt, als er ´67 die Amateurversion des Grand Prix der Nationen gewann. Mit Jahresende wechselte er zu den Profis, holte dort ´68 seinen ersten großen Sieg, als er die Spanische Meisterschaft für sich entschied. Sein großes Potential als Kletterspezialist unterstrich er im folgenden Jahr, als er die Katalanische Woche gewann, die Midi-Libre und die Rioja-Rundfahrt, sowie in der Vuelta d´Espana hinter dem Franzosen Roger Pingeon Zweiter wurde.

1970 verbesserte er sich in "seiner" Vuelta um einen Platz, zwei Monate später gewann er seine erste Hochgebirgsetappe in der Tour de France.

Seinen Platz untder den Radsportgöttern hatte er 1971 fix erobert, als er auf der Etappe nach Orcieres in den Alpen 9 Minuten auf Eddy Merckx herausfuhr. Drei Etappen später kam Ocana ganz schrecklich und schwer zu Sturz und Merckx konnte ohne weitere Konkurrenz seine dritte Tour hintereinander gewinnen.

1972 gab Ocana die Tour abermals auf, diesmal litt er unter Bronchitis, aber 1973 kam er wieder, holte sich 6 Etappen und endlich den lang ersehnten Toursieg. Er demolierte die Konkurrenz förmlich, der Franzose Bernard Thevenet verlor als Zweiter mehr als 15 Minuten.

Die Ursache für Ocanas Selbstmord ist nach wie vor nicht völlig klar, obwohl er finanzielle und persönliche Probleme hatte, und wegen seines Leidens an Hepatits C immer schwächer und schwächer geworden war.

Vor seinem Tod war der Spanier noch Radsportkommentator geworden, nachdem er sich ´77 vom aktiven Sport zurückgezogen hatte.

 

Den Toursieg vor Augen

Nachdem Eddy Merckx 8 Minuten in den Alpen auf Luis Ocana verloren hatte, schien es unmöglich zu sein, daß er die Tour doch noch gewinnen sollte. Aber der unbeugsame Merckx versprach, täglich bis Paris anzugreifen.

Jahre nach seinem Rücktritt vom aktiven Sport wurde Merckx gefragt, welcher sein schwierigster Tour-de-France-Sieg gewesen sei. Er antwortete: "Die Tour ´75 war die enttäuschendste, die härteste aber war die von ´71."

Es war ´71, als Merckx seinen dritten Tour-de-France-Sieg hintereinander feierte. Aber es war auch das erste Jahr, in dem er unter einem klaren Rückschlag leiden mußte.

Der Spanier Luis Ocana war der Mann, der ihm diesen Schaden zufügte. Ocana, Vorjahrssieger der Vuelta und Leader des großen BIC-Teams, hatte sich die Alpen auserkoren, wo er seinen seriösen Angriff auf das Gelbe Trikot starten wollte.

Merckx im Gelben Trikot der Toutr ´71

Es war der wohl spektakulärste Auftritt in der Tour ´71. Mit einem 117-km-Ausreißversuch, die letzten 60 km davon solo, gewann Ocana diese 11. Etappe mit einem Riesenvorsprung und fuhr direkt ins Gelbe Trikot.

Es war eine grausame Bergetappe auf armseligen Straßen, die bei drückender Hitze ins 1800 m hoch gelegene Orcieres-Merlette führte.

Ocana war bereits nach 17 Kilometern mit dem Führenden der Bergwertung, dem Belgier Lucien van Impe, dem starken Portugiesen Joaquim Agostinho und dem Träger des Gelben Trikots, dem Holländer Joop Zoetemelk, ausgerissen. Merckx war im Hauptfeld 3:10 Minuten zurück. Diese Spitzengruppe blieb an der Spitze beisammen, bis Ocana bei Kilometzer 74 am Col de Noyer neuerlich angriff.

Eine Verfolgergruppe hatte Agostinho und Zoetemelk eingeholt, beeindruckte Ocana aber in keiner Weise, der ein phantastischres Rennen fuhr.

Der Spanier überquerte die Ziellinie 5:52 Minuten vor Van Impe, Merckx trudelte 8:42 Minuten später ein, er schlug Zoetemelk im Sprint um den dritten Tagesrang.

Es schien, als wäre die Tour entschieden. Ocana führte die Gesamtwertung 8:43 vor Zoetemelk an, während Merckx bereits 9:46 Minuten zurücklag.

Ocana versuchte die Euphorie seiner Fans zu dämpfen. "Die Tour ist noch lange nicht vorbei. Sie wäre entschieden, wenn Merckx nicht dabei wäre. Aber ein Fahrer wie er ist zu allem fähig", sagte er.

Merckx trug seine Niederlage mit Fassung. "Heute hat uns Ocana alle völlig deklassiert, so wie der Matador den Stier bezwingt. Mit dem Vorsprung, den er jetzt hat, sehe ich nicht, wie er noch verlieren könnte. Ich gebe nicht auf, obwohl ich euch sagen kann, daß ich einmal daran gedacht habe."

 

 

Was war dane bengegangen? "Ich habe mich schon am Start sehr müde gefühlt", erwiderte Merckx. "Da habe ich beschlossen, defensiv zu bleiben. Nach etwa 20 Kilometern waren alle meine Kräfte dahin und ich litt unter starken Magenkrämpfen. Vielleicht war es die Grapefruit beim Frühstück, die ich nicht vertragen habe, Aber egal, die ganze Zeit über, in der ich mich schlecht gefühlt habe, hat Ocana seinen Vorsprung stetig vergrößert.

Da habe ich geglaubt, alles sei verloren. Fast 10 Minuten - das schien mir ein unmöglich aufzuholender Rückstand, vor allem auf einen Fahrer wie Ocana. Aber ich habe mir selbst geschworen, bis zum Finale zu kämpfen." Ocana mußte sich jetzt verteidigen, das war sicher.

Merckx war geschlagen, und das tat weh. Er hätte sich mit einem zweiten Rang zufriedengeben können, oder eine "diplomatische Verletzung" vortäuschen und die Tour beenden können. Statt dessen beschloß er, weiterzukämpfen. "Ich werde jeden Tag angreifen, bis Paris. Und sollte es Ocana überleben, dann weiß ich, daß ich alles getan habe, was in meiner Macht war und meine Niederlage damit nicht mehr abzuwenden", sagte er.

Der nächste Tag sah die nächste historische Etappe, und diesmal war Merckx der Held des Tages. Er flog förmlich auf den Straßen Richtung Marseille, das beinahe gesamte Feld als Verfolger im Nacken, er machte die Etappe zur bis dahin schnellsten in der gesamten Tourgeschichte - 45,35 km/h Schnitt, er verkürzte seinen Rückstand auf Ocana um 2:12 Minuten.

Die 13. Etappe bestand aus einem Einzelzeitfahren in Albi, aber die 16,3 km waren viel zu kurz für Merckx, um entscheidend Zeit gutzumachen. Und Ocana war auch viel zu stark im Kampf gegen die Uhr, er hatte ja schon solche Zeitfahrklassiker wie den Grand Prix der Nationen oder den Grand Prix von Lugano gewonnen. Merckx fuhr die schnellste Zeit, konnte auf Ocana aber nur 11 Sekunden gutmachen, der Zweiter dieses Zeitfahrens wurde.

Mit nur mehr einer Woche ausständig, darunter zwei weitere Tage in den Bergen und einem abschließenden Zeitfahren nach Paris, wettete niemand mehr gegen Ocana. Dann hatte die Tour die Pyrenäen erreicht und dort, wie so oft in dieser Region, wechselte das Wetter von der mediterranen Hitze zum Dauerregen.

Und gemäß seiner Ankündigung erhöhte Merckx seinen Druck auf Ocana. Am Portet d´Aspet attackierte er fünfmal, aber jedesmal konterte der Spanier erfolgreich.

Dasselbe wiederhoolte sich beim Anstieg auf den 1300 m hohen Col de Mente, abermals widerstand Ocana. Zusammen gingen sie in die Abfahrt, eine Abfahrt, schnell und kurvig, die unter normalen Umständen aber nur geringe Gefahrne barg.

Dann begann strömender Regen und die Sicht fiel auf 10 Meter. In Sekundenschnelle verwandelte sich die Straße in einen Schlammbach. Die F#ahrer bemerkten, daß die Bremsen kaum wirkten, die meisten benutzten die Füße, um zu bremsen.

Viele stürzten, so auch Merckx und Ocana, die zusammen zu Boden gingen. Merckx war aber sofort wieder auf und davon. Ocana war langsamer, als Zoetemelk, der nach einem Vorderraddefekt sein Rennrad nicht mehr unter Kontrolle hatte, in ihn reinkrachte.

Ocana wurde abermals zu Boden geschleudert, blieb bewußtlos liegen. Der Tour-Rettungswagen brachte ihn runter an den Fuß des Berges, von wo er ins Hospital nach Sainte-Gaudens geflogen wurde. Knochen waren nicht gebrochen, obwohl Ocana schwere Hautabschürfungen und Prellungen erlitten hatte.

Die Etappe aber ging weiter, der spanische Kletterspezialist José-Manuel Fuente gewann solo in Luchon.

In der Zwiwschenzeit hatte Merckx Defekt, war neuerlich gestürzt, hatte sich sein Knie verletzt, rappelte sich wieder hoch, fuhr in einer Verfolgergruppe. Und trotz seiner Probleme klassierte er sich als Etappenzweiter, 6:21 Minuten hinter Fuente, und übernahm wieder das Gelbe Trikot.

Merckx gewann seine dritte Tour hintereinander, aber angesichts seiner Schmerzen und Probleme, durch die er gegangen war, wußte er, daß dieser Sieg ohne Ocana immer als ein sehr dünner Sieg angesehen werden würde.

Gedenkstein für Luis Ocana am Col de Mente

 

Würde Merckx gewonnen haben?

Wenn Luis Ocana am Col de Mente nicht gestürzt wäre, hätte diese Tour ´71 ein anderes Ergebnis gehabt? Diese Frage ist nicht zu beantworten, aber das hat niemanden daovn abgehalten, es nicht dennoch zu versuchen,

Ocana war zuversichtlich, die Pyrenäen im Gelben Trikot hinter sich gebracht zu haben, wenn er nicht gestürzt wäre. Das Peloton, das über seine Attacke auf der Fahrt nach Marseille nicht gerade glücklich war, hatte sich gegen Merckx gewendet. Nach Marseille hatte Ocana jedes Mal, wenn Merckx antrat, eine Menge Freunde im Hauptfeld, die bereit waren, ihm helfend die Hände zu reichen.

Merckx hatte diese verhängnisvolle 14. Etappe mit einem Rückstand von 7:43 Minuten auf Ocana in Angriff genommen. Als die Tour in ihre letzte Woche ging, schien er seine Form wiedergefunden zu haben, er gewann die Etappen in Bordeaux und Paris.

Auf den flachen Straßen nach Bordeaux, die ja normalerweise eine Etappe ohne Bedeutung ist, gab er eine phantastische Vorstellung seiner Kraft. Wie auch imnmer, er hatte wohl eine Extramotivation. Als Merckx seinen verzweifelten Angriff und Ausreißversuch auf der 12. Etappe nach Marseille gestartet hatte, waren es der Franzose Cyrill Guimard und dessen Team gewesen, die Ocana geholfen hatten , seinen Rückstand in Grenzen zu halten. Als Gdegenleistung tat Ocana nichts, um Guimards Absichten auf das Grüne Trikot zu gefährden.

Die Attacke von Merckx auf der Fahrt von Mont-de-Marsan nach Bordeaux brachte ihm  nicht nur den Etappensieg, er nahm Guimard auch das Grüne Trikot ab, das er dann sicher bis Paris verteidigte.

Ocana erreichte seinen einzigen Tour-de-France-Sieg 1973. In jenem Jahr war Merckx nicht dabei - er gab vor, kein Interesse daran zu haben, den Rekord von Jacques Anquetil von 5 Tour-Siegen einzustellen. Und während seiner Abwesenheit gelang Ocana ein Tour-Sieg im Merckx-Stil, indem er 6 Etappen gewann und mehr als 15 Minuten auf den Zweiten herausfuhr, auf Bernard Thevenet.

Ocana zog sich 1977 vom aktiven Sport zurück und stieg ins französische Weingeschäft ein. 1994 beging er mit einem Pistolenschuß in den Kopf Selbstmord. Er war 48 Jahre alt geworden. Finanzielle Schwierigkeiten und eine teilweise Trennung von seiner Frau mögen ihn vielleicht dazu getrieben haben.

 

Trauer

Luis Ocana ist tot. Der Radsport trauert um einen Großen! Das spanische Radsportidol Luis Ocana, 48, schoß sich am 19. Mai 1994 in seinem Haus in Caupenne d´Armagnac in Südwestfrankreich eine Kugel durch den Kopf. Freunde gaben das schwere Krebsleiden Ocanas als wahrscheinlichen Grund für den Selbstmord des 48jährigen an.

"Ich bin zutiefst erschüttert", sagte Eddy Merckx, als er von der Tragöde erfuhr, "er hatte Herz und Courage, er war einer meiner größten Gegner."

Ocana war vor allem durch seine großartigen Duelle mit Eddy Merckx berühmt geworden. 1973 gelang ihm das Meisterstück, da gewann er die Tour de France - Eddy Merckx fuhr nicht mit -, seine spektakulärste LeisuDie tng war jedoch die vernichtende Niederlage, die er seinem ewigen Widersacher Eddy Merckx bei der Tour ´71 zufügte: auf der Bergetappe von Grenoble nach Orcieres-Merlette nahm er Merckx 11 Minuten ab und schlüpfte ins Gelbe Trikot, das er aber einige Tage später nach einem schweren Sturz bei der Abfahrt vom Col de Mente in den Pyrenäen wieder abgeben mußte. Im Gelben Trikot mußte er damals die Tour verlassen.

Ocana gewann 1970 die Vuelta, 1973 die Tour, war ´73 auch Dritter bei der Straßenweltmeisterschaft in Barcelona.

Auch nach dem Ende seiner Laufbahn als Aktiver drehte sich die Welt für Ocana um den Radsport: als sportlicher Leiter und vor allem als TV-Kommentator war er stets Gast an den Rennstrecken Euroas.  Noch 1993 gehörte Luis Ocana zumn Begleittroß der Tour.

Radsportzeitschrift "VELO-Radsport-Report" vom Juli 1994

 

Der Tod Ocanas ist ein großes Geheimnis

Die Karawane des Giro d´Italia reagierte verstört auf die Nachricht vom Tod Luis Ocanas. Am Vorabend des Starts in Bologna setzte der spanische Campione seinem Leben ein Ende. Die Gründe des Selbstmordes? Er sprach darüber, unheilbar krank zu sein. Über ein finanzielles Desaster. Über eine Reihe von Auseinandersetzungen mit seiner Frau. Der Spanier wollte nie gerne über seine Probleme reden. Mit ihm starb ein außergewöhnlicher Kletterer, ´71 nahm er Merckx auf einer einzigen Etappe 9 Minuten ab. Und ´73 gewann er dann endlich die tour. Und bald danach war er ein unerschöpflicher Mitarbeiter beim spanischen Radio.

Es ist13.30 Uhr, als sich Luis Ocana eine Revolverkugel in dern Kopf schießt, im Wohnsitz seines beeindruckenden Lansdgutes in Caupenne d´Armagnac, während sich in Bologna die Karawane des Giro d´ Italia versammelt, um am folgenden Tag aufzubrechen.

Am beeindruckenden Donnerstag, dem 19. Mai 2008, ruft seine Frau Josiane beim Gendarmerieposten Condom an, und 20 Minuten später ist Kommandant Branzi  zur Stelle., Um den reglosen Körper des unbeweglichen span ischen Campione herum die ersten Helfer. Unverzüglich wird er ins Layne-Hosapital nach Mont-de-Marsan gebracht. Dort wird um 16.10 Uhr der Gehirntod festgestellt,  eine Stunde später vergewissert man sich nochmals seines Todes.

Geburtshaus von Luis Ocana in Priego

Schlagartig überflutet diese Nachricht ganz Europa und explodiert dann schnell ganz woanders, in Bologna nämlich, wo die Karawane des Giro d´Italia wartet, wo Ocana einer dieser Gruppe hätte sein sollen. Die erste Reaktion ist Ungläubigkeit.

Der spanische Campione war allseits  beliebt als freundlich, ein wenig zurückhaltend, aber vertrauensvoll, introvertiert zwar, aber immer höflich und freundlich. Er kommentierte die großen Radrennen für einen spanischen Radiosender, Cadena Cope, und so ist man geneigt, ihn ins Schaufenster zu stellen. Als die Journalisten nach Meinungen und Begründungen suchen und fragen, zeigen sie wenig Scheu und Scham, sie demontieren ihn ganz selbstverständlich. Eine unschöne Szene.

Und als Bestätigung all dessen machen sie die Entdeckung, daß, wenn man nur einen flüchtigen Blick auf das Wesen Ocanas machte, zwar einen Menschen sah, der nach außen hin freundlich und in gewisser Weise höflich war, aber ein Leben voller Probleme und Schwierigkeiten  versteckte und auch auf seine Freunde in derTour-Karawane heimlich eifersüchig war.

Die besorgniserregendsten Fragen betreffen die Motive dieser dramatischen und endgültigen Tat. Aber sie bleiben im Dunkeln. Cyrille Guimad berichtet über den schlimmen Unfall, dem er bei der Tour ´79 zum Opfer fiel. Er erzählt: "Es war am Ruhetag, als er mit einem Jeep in sein Hotel fuhr, er geriet von derStraße. Ein häßlicher Unfall, der glücklicherweise ohne nennenswerte Schrammen für ihn blieb. Damals machte das Paradoxon die Rundre, daß eabseits derStraße vorbei mit ihm war, selbsst in derTour de France, die er zwar gewonnen hatte, es aber nicht geschafft hatte, Merckx die erste große Niederlage zuzufügen. Ein unglücklicher Mensch."

Aber dieses Unglück reicht nicht aus, um eine solch dramatische Tat zu erklären.

Der spanische Journalist José Luis Urrabarru erzählt, wie er ´83 von seiner Zeitung zum Haus Ocanas in den Süden Frankreichs geschickt wurde, wo der Ex-Rennfahrer seine Zelte aufgeschlagen hatte. "Luis war als Fahrer des Lieferwagens seines Bauernhofes Opfer eines schweren Verkehrsunfalls geworden, nur 5 km von seinem Haus entgfernt. Sie fürchteten um sein Leben. Ich blieb einigeTage bei ihm, bis sein Zustand sich stabilisiert hatte. Am Ende wurde alles auf sein linkes Auge zurückgeführt. Sogar er selbst hatte anfangs Angst gehabt, sterben zu müssen, und er befürchtete auch, daß sie es herausnhemen würden, aber es ging noch einmal gut aus."

Es ist eindeutig, daß die Wurzeln der tragischen Tat sehr jung und frisch sind.

Vittorio Adorni erzählt, wie er ihn im Winter´93/94 zufällig in den Alpen traf. Beide verbrachten mit ihren Familien dort einige Urlaubstage. "Wir haben sehr viel und oft über  den Radsport gesprochen, über unsere damalige Zeit und über die  heutigen Tage und Zeiten, und ich habe ihn als heiteren und unbeschwerten Menschen erlebt."

Nein, Luis Ocana hat mit seinen Freunden aus dem Radsport nie über seine Probleme gesprochen. Das Bild, das von ihm der Öffentlichkeit gezeigt wurde,war das eines alten Campione, der in einem wunderschönen  Gutshof über den Hügeln thront, zusammen mit seiner Frau Josiane und seinen beiden Kindern Jean Louis und Sylvie, in Caupenne d´Armagnac. Ein Haus, das er in Anlehnung an seinen früheren Beruf, als er noch viel mit Holz zu tun hatte, selbst viel dazu beitrug, es zu errichten und zu verschönern. Dazu gehörte ein mehj r als 30 Hektar groß0 erWeinberg, wo er den berühmten Armagnac anbaute. In  dieses sein Reich hatte ersein ganzes Leben investiert.

Er sprach nicht darüber, daß er in den letzten Jahren in einen Wirbelstrom gestürzt war, der ihm sehr zum Nachteil gereichte. Die letzten drei Ernten waren durch den Frost schwer geschädigt worden. Eine Spirituosenkrise in Frankreich und der daraus  daraus folgende Einbruch der Preise (von 3.200.- Franc auf 1.800.- für einen Doppler) erschwerten seine finanzuielle Situation beträchtlich. Er konnte sich eine neuerliche Schlappe nicht mehr leisten. So verpflichtete er sich, verschiedene Verschnitte zu produzieren und einen Weißwein zu kreieren, mit dem er allerdings nur bescheidenen Erfolg hatte.

Aber die Hypothesen über den finanziellen Zusammenbruch gehen da stark auseinander. Als Kommentator bei den großen Rundfahrten Vuelta, Giro und Tour für den spanischen Radiosender Cadena Cope kassierte er 6 Millionen Peseten:  "Er war der absolut am besten bezahlte spanische Kommentator, man huldigte seinem Prestige und seinem Wert." Und man unterstreicht, daß  er mit Immobilien ein Vermögen von weiteren 300 Millionen Peseten gemacht hatte, insgesamt also über ungefähr dreieinhalb Milliarden verfügte.

Um diese Ansicht zu untermauern, dafür spricht auch der Notar Maurice Chassava, ein brüderlicher  Freund des verschiedenen Campione: "Ocana hatte am Vorabend seines Starts bei derVuelta eine Vereinbarung mit der Bauernkreditbank unterschrieben, und wirklich, kurz, bevor er nach Spanien abreiste, gab er ein Abendessen mit Freunden, und da zeigte er sich sehr liquide. Und heiter kam er aus Spanien zurück. Ganz klar. Die Probleme hatte er unter Kontrolle. Aber bei seiner Rückkehr hatte sein Ansehen gelitten. Scheinbar immer abwesend. Nie zu Hause anzutreffen. Er suchte förmlich die Isolatilon. Und dann begriff er plötzlich, daß er so nicht weitermachen konnte. Da bedauerte er es sehr, daß er seine Gemütsverfassung nie vertieft und ausgebaut hatte."

Was war mit seinen Erfolgen als Kommentator bei der Vuelta? Als seine Reportagen kamen, wurde nur die Steuerkontrolle des Finanzamtes verschärft. Aber es ist dennoch kaum denkbar, daß das deinen solch extremen Entschluß ausgelöst haben soll.

Ér sprach über seinen Tumor. Es verging zuletzt kaum ein Tag, an dem er über seine unheilbare Krankheit nicht trübsinnig war. Er hatte wirklich große Angst davor, langsam und vollerSchmerzen zu sterben, was seinen extremen Entschluß vielleicht erklärt. Diese Hypothese ist nicht zu widerlegen und daher die wahrscheinlichste.

"Luis Ocana litt an Hepatitis und bekam Bluttransfusionen. Es war nichts mehr zu machen. Er behandelte sich regelmäßig mitTerfaron. Dieser Krankheit muß man ab einem gewissen  Stadium eine große allgemeine Ermüdung zuschreiben. Das forciert natürlich eine psychische Depression. Ohne weitere Anzeichen zu bemerken, ist es sehr schwierig, ihm aus diesem Grund eine solch schwerwiegende Entscheidung zuzuschreiben."

Angel Gonzales Ucelay war während der gesamten Vuelta an der Seite Ocanas und ihn erreichte in Belgien die traurige Nachricht. Mit leuchtenden Augen und großer Verschwiegenheit erzählt er über die Probleme seines Freundes, enthüllt er die intimsten Schwierigkeiten seines unzertrennlichen Arbeitskollegen.

"Es ist kaum vorstellbar, weil dieseTat so dramatisch ist: sicher, er hatte Probleme, aber normalerweise versucht man die doch zu lösen. Das kennt doch jeder von seinem Haus, seiner Familie, seinem Beruf."

Gerade im Beruf hatte er viele große Sorgen.  "Sicher, er war in den letzten  Jahren nicht gerade vom Glück verfolgt, aber ich hatte den Eindruck, daß erdie kritischen Momente gerade überstanden und daß er sich sehr gut organisiert hatte."

Das Unglück wandte sich verbissen gegen ihn, bis  die Folgen auch physisch sichtbar wurden, wie die Behinderung des Auges, ein unheilbarer Tumor...  "Aber nein, Dummheit kann man das nicht nennen, das Auge ist zehn Jahre vorher verletzt worden, hat sicherlich ein Trauma hinterlassen. Und er hat sehr genau gewußt, daßer Hepatitis hatte, hervorgerufen durch eine Transfusion. Nicht mehr und nicht weniger."

Ucelay sprach auch von einer familiären Krise. Was war das? "Aber nein, das war doch kein Problem, das die normale Routine eines Paares, das schon 20 Jahre zusammen ist, nicht überwinden könnte. Er aber hat gewühlt und gegraben, das Bild der Familie ist immer undurchsichtiger geworden. Er ist dahintergekommen, daß die Intensität der Beziehung oft gewechselt hat,´obwohl Mann und Frau durch ein starkes Band verbunden waren. Josiane hat Luis die wirtschaftlichen Schwierigkeiten nicht verziehen, daß seine Leistung im Arbeitsleben sehr aufwendig war und auch seine dauernde Abwesenheit. Er entdeckte, daß  seine Frau schon bei mehreren Gelegenheiten aus seinem Leben abzuhauen versucht hatte. Daraufhin war er für eine vorläufigeTrennung. Aber beide haben sie fürchterlich unter dieserSituation gelitten, und er hat viele Beruhigungsmittel genommen. Und tatsächlich, während der Vuelta hat es Josiane kategorisch abgelehnt, die Telefonate von Luis zu beantworten: sobald sie seine Stimme erkannte, legte sie den Hörer auf. Also faßte Ocana  Ruhe einen Entschluß: die Entfremdung von seiner Frau bewirkte am Vorabend des geplanten Giro-Starts, daß seine definitive Wahl immer schärfere  und genauere Konturen annahm."

Wie sehr diese Beziehung das Leben der beiden bestimmte, bestätigt eine sehr schwerwiegende Äußerung der Mutter Ocanas, die um das Leben ihres Sohnes fürchtete, wegen des Verhaltens seiner Frau, sie hatte Angst, daß sie ihren Sohn  zu Grabe tragen müßte. Die spanischen Zeitungen konstruierten am Tag nach der Tragödie die These eines Mordes, und sie verdächtigten seine Frau. Weshalb? Ocana war Rechtshänder gewesen, hatte aber mit der Linken geschossen. Die Pistole lag in einer komischen Lage unter seinem Körper. Eine Unterstellung von bösartigem Geschmack.

Vielleicht war die familiäre Krise für eine romantischeSeele wie die eines Luis Ocana, der seinen unmöglichen Träumen nachhing, eine weitere Tour zu fahren, von zerstörerischer Wirkung. Und die Angst, nach dem soundsovielten Rennen nach Hause zurückzukehren und den Herd verwaist vorzufinden, erschreckte ihn viel mehr und viel tiefer als seine wirtschaftliche Krise und seine leidende Gesundheit. Und an diesem Punkt beschloß er, wegzugehen.

 

Die Tragödie erschütterte Merckx

"Er war ein Gigant, er war ein Signore", titelte "L`Equipe". Die Trauerrede beim Begräbnis und die Lyrik der Zigeunererschütterten an diesem lauen Sommertag auch einen Eddy Merckx.

Der spanische Campione erzielte in seiner Karriere Resultate von größtem Prestige. Ein absoluter Könner in den Bergen, errang Luis seinen schönsten und allergrößten Erfolg, als er sich in jener epischen Auflage der Tour de France ´71 von Merckx lösen konnte. Und obwohl es ihm gelang, den Belgier in dieser glorreichen Bergetappe klar zu distanzieren, war er in einer späteren Etappe das Opfer von Unglück und Pech geworden. Diese Episode spiegelt sein gesamtes Leben wider und seine Karriere, hin- und her gerissen zwischen Freude und Schmerz, litt unter einer  Niederlage, wie immer, extrem.

Er wurde am 9. Juni 1945 in Priego geboren, in Kastilien, er debütierte Ende ´67 bei den Profis, nachdem er seinen ersten großen Prestigesieg eingefahren hatte: den Grand Prix de Nations für Amateure. Und drei kleinere Rundfahrten: die Tour de Roussillon, die Vuelta de Bearne-Aragon und die Vuelta di Bidasoa.

In seinem ersten vollen Profijahr ´68 wurde er spanischer Meister und gewann den Grand Prix Llodio. In der Tour debütierte er ´69, mit einem wenig verheißungsvollen Omen: mit einem fürchterlichen Sturz und der daraus folgenden Aufgabe. Dafür schlug er in 4 anderen Rennen zu und wurde Zweiter in der Vuelta d´Espana. Die er dann ´70 gewann, zusammenmit zwei weiteren Rennen sowie einer Etappe in der Tour.´71 war dann das Jahr der Tränen und des Ruhms: 6 Siege in Straßenrennen und 2 im Zeitfahren, den Grand Prix der Nationen und dieTrofeo Baracchi. Und er begannn die Jagd auf den ihm den Weg versperrenden Mythos Eddy Merckx. Natürlich auf den Straßen der Tour, eine weitere Herausforderung, die er annahm.´72 schied er als spanischer Meister mit Lungenentzündung aus, nachdem er sich in hervorragender Form befunden hatte. ´73 gehörte das GelbeTrikot dann endlich ihm, sowie 6 Etappen, nur Merckx war nicht dabei. Dadurch blieb ein Schatten, nicht auf dem absoluten Wert seines Sieges, sondern wegen des Fehlens eines Fahrers, der die Herausforderung bis ans Limit geführt hätte. Doch er verfolgte immer weiter, mit einer Art von Besessenheit, alle Rennen, alle Rundstrecken. Bis zum Ende der Saison ´73 fügte er weitere 4 Erfolge´und einen 2. Platzu im Grand Prix der nationen seiner Erfolgsliste hinzu.

Zwischen ´74 und ´77 klag seine Karriere aus, teilweise mit sehr guten Leistungen, sehr würdigen, zuletzt aber in der Anonymität.

Nach seinem Rücktritt streifte ihn neuerlich eineTragödie, als er bei der Tour ´79 wie ein blutiger Amateur mit einem Jeep 4 X4 von der Fahrbahn abkam, für ihn waren die Größe und das Leiden die Lebensessenzen. Über sein Bedürfnis, Schwierigkeiten zu entfernen, sagte er eines Tages: "Ich kann alles neu machen, ich kann wieder in derTour starten und am Ende sogar sterben, was aber bleibt, ist der Vertrag, den ich mnit meinen Händen unterschrieben habe."

 

Die Geschiche des schrecklichsten Tages von Ocana

DerschrecklicheTag. Tour de France ´71. Merckx gewinnt das Rennen, das Ocana dominiert hat. DerSpanier attackiert am Anstieg zum Col de Laffray und holt 9 Minuten heraus. Merckx reagiert am Portet d´Aspet. Sie geraten in eine Hölle aus Wasser und Schlamm. Ocana stürzt in der Abfahrt vom Col de Memte und wird ins Hospital geflogen. Er hatte sein Leben riskiert. Für ihn war das Rennen aber zu Ende.

Wann immer man die Tour de France bestreitet, muß man die Hitze ertragen, die den Asphalt flüssig macht, den Mistral, der die Straßen in Wüsten verwandelt, die Schwüle, die die Luft in das Zentrum eines Hochofens verwandelt, sodaß die Fahrer den Preis dafür bezahlen müssen, mit ihrer Aufgabe oder mit unaufholbarem Rückstand durch diese unsanften Bedingungen. Es ist nicht zu bestreiten, daß die Tour oft durch das Wetter entschieden wurde (Nebel, Kälte, Hitze, Wolkenbrüche), vor allem in der Pionierzeit des Radsports. Das sind die Konditionen, die am schlimmsten sind, und die "Große Schleife" nötigt, die Rechnung dafür zu bezahlen, daß man sie im Hochsommer durchführt. Eine dieser Rundfahrten erzählt eine wahre Geschichte. Die überwältigenden Siege von Eddy Merckx haben den wahren und eigentlichen Höchstpreis bestimmt, den zu zahlen die Industrie bereit war, um die angeheuerten Fahrer zu unterstützen und zu unterhalten. Die Letzten waren unzufrieden, und das machte es schwierig, Tatsächlich mag es niemand, das ist ja logisch, fühlen und sagen, daß mit Merckx die Plätze derer, um die sich gekümmert wurde und die begehrt waren, sehr limitiert waren.

Die Tour´71 startete am 26. Juni in Mühlhausen, wo Geminiani sagte, daß es, um diese Sitiuation zu ändern, unumstößlich sei, eine Übereinstimmung unter den Fahrern zu erreichen, die großes Interesse daran bekundeten, etwas leisten zu wollen, was unbegründeten Mut kostete, so der Ex-Champion aus Clermont-Ferrand, damit aber beschwörte er nur den Zorn des "Kannibalen" herauf, und das wieder erinnerte an dn ie Ära Coppi, der unbesiegbar war. Er mahnte und erklärte, daß sie das alles machen sollten, ein kochender Geminiani sagte, man müsse eben die Gelegenheit schaffen, und warten und hoffen, daß sie sich ergibt. Agostinho, den er betreute, Ocana, Gösta Pettersson, Motta, Fuente und Zoetemelk sollten abwechselnd angreifen und damit Merckx zwingen, Verfolgungsarbeit zu leisten und sich nicht einen schönenTag zu machen. Es war klar, daß Merckx gleich am ersten Tag das Gelbe Trikot erobern wollte, und so überredete Geminiani sie, Eddys Verletzlichkeit auszunutzern, solange seine Teamkollegen gezwungen waren,  jedem hinterherzufahren.

Wie logisch die Überlegungen von Geminiani waren, sah man schon auf der Etappe Nevers - Puy de Dome. An diesem Anstieg griff zunächst Raymond Delisle an, und Merckx persönlich holte ihn zurück in die lange Kette derer, die mit Mühe kämpften. Der Vorstoß von Thevenet wurde dann von Van Springel und zuletzt abermals von Merckx vereitelt, dahinter lauerten Ocana, Motta, Gösta Pettersson, Zoetemelk, Agostinho, Van Impe und Guimard. 4 Kilometer fehlten noch zum Gipfel, als Ocana seinen siegbringenden Vorstoß lancierte.Merckx war der einzige, der sich an die Verfolgung machte: es sah aber sehr mühsam aus, und er wurde auch von Zoetemelk und Van Springel überholt. Er rettete sich über den letzten Kilometer und erreichte das Ziel 15 Sekunden hinter dem Spanier, es gelang ihm, das Gelbe Trikot zu verteidigen.  Und Ocana sagte den Journalisten, daß dieTour in diesem Moment neu beginne.

Am 8. Juli, auf der Etappe von Grenoble nach Orcieres-Merlette, kursierte das Gerücht, Geminiani plane eine große Offensive. Er wußte, daß Merckx, der schon bei Clermont-Ferrand - Grenoble angegriffen worden war, jetzt in die Defensive gedrängt worden war. "Gem" war deshalb überzeugt, daß ein neuerlicher Angriff  Erfolg zeigen würde, wenn er gleich nach dem Start erfolgen würde. Die Mannschaften von Ocana und Merckx (der die ganze Nacht hindurch aggressiv gebrummt hatte) verließen am Vormittag das geheizte Hotel, um sich die 30 km entfernte Steigung am Col de Laffray anzusehen.

Agostinho sollte den ersten Angriff fahren, wie von Geminiani  vorgesehen, gleich am ersten Anstiehg, dem Col de Laffray. Ocana sollte dann angreifen, wenn sich die Gruppe in der Verfolgung zerbröckeln würde. Die beiden vereinigten sich dann mit  Van Impe und Zoetemelk. Gösta Pettersson versuchte vergeblich, die Lücke zu schließen, die gerade mal 100 Meter betrug. Vergeblich waren aber auch die Versuche von Merckx, sich anzuhängen, und zur Überraschung aller konnte er die Situation nich stabilisieren, obwohl das Ziel noch weit entfernt lag. Ocana zog mit aller Kraft,seine aktionschieneine Frage von Leben und Tod zu sein. Unterder glühenden MIttagssone brach Merckx derAngstschweiß aus, und erkämpfte mit all seiner Kraft; er organisierte die Vergfolgung, aber nur zwei Mannschsaftskollegen waren sogleich in der Lage, ihn zu unterstützen: Huysmans und Wagtmans. Letort und Vasseur, Mannschaftskameraden  von Ocana  bei BIC, hingen mit dem letzten Saft am Merckx` Hinterrad, imitierten Thevenet, um zu verhindern, daß irgendjemand wirksam mit dem "Kannibalen" zusammenarbeitete. Ocana überflügelte ihn und  nach 77 km Soloflucht kam er in Orcieres-Merlette mit 8:43 Minuten Vorsprung auf Merckx an, dem es nicht gelang, den agilen Van Impe zu überholen.

Ocana feierte im Gelben Trikot, feierte diesen beeindruckenden Sieg mit seinem Team und war zufrieden, Merckx die bislang schwerste Niederlage seiner Karriere zugefügt zu haben. Aber Eddy tat alles andere als zu resignieren. Die Tour auf diese Weise zu verlieren, das kam für ihn  nicht in Frage. Aber wie würde er reagieren?

Nach dem Ruhetag standen sie alle in Orcieres-Merlette wieder am Start. Und während Ocana noch damit berschäftigt war, seine Pedalriemen festzuziehen, schoß Rinus Wagtmans wie eine Rakete los, gefolgt von Merckx, und in laufender Reihenfolge gingen dann noch Paolini, Van der Vleuten, Armani, Aimar und Letort mit. Die Abfahrt wurde mit vollem Risiko gefahren, während Ocana verzweifelt bemüht war, die Verfolgung der waghalsigen Angreifer zu organisieren, damit aber wenig Erfolg hatte. Die ersten 50 km der Etappe wurden in knapp einer Stunde gefahren! Unter der glühenden Sonne rasten die Angreifer bis nach Marseille, wo sie eine dreiviertel Stunde vor der errechneten Marschtabelle eintrafen (für die 251 km war ein Schnitt von 42 km/h vorgesehen gewesen). Den Sprint holte sich Luciano Armani vor Merckx und Aimar. Der Vorsprung auf die Gruppe mit Ocana betrug 2:12 Minuten, dank der hervorragenden Zusammenarbeit dieser Fluchtgruppe. Die spanische KAS-Mannschaft hatte sich in die Dienste von Ocana gestellt und ihm geholfen, den Rückstand in Grenzen zu halten.

Am Tag danach, beim Zeitfahren in Albi, protestierte Merckx vehement dagegen, daß Ocana bei der Verfolgungsjagd unterstützt worden war. Sehr wütend erreichten sie den Fuß der Pyrenäen.

Daß Merckx beschlossen hatte, auf dre Etappe nach Luchon andauernd anzugreifen, war allen klar. Die schwüle Hitze setzte ihnen allen furchtbar zu, nicht nur den Rennfahrern, So war es zusätzlich schwerer, die Steigungen zu bezwingen, vor allem den Portet d´Aspet und den Col de Mente, die den Organisatoren von Jean Bobet eingeredet worden waren. Ocana, der diese Gegend sehr gut kannte, da er in Mont-de-Marsan daheim war, hatte sich entschlossen, ein kürzeres Rad zu verwenden, da er damit in den Steigungen besser zurechtkam. Am Fuße des Portet d´Aspet hatte sich der Himmel ganz seltsam verfärbt. Die Wolken wurden immer finsterer und drohender, waren gruselig aufgeblasen, während Merckx pausenlos angriff. Doch immer wieder gelangte Ocana an sein Hinterrad. Die Luft wurde immer drückender. Wütend verstärkte Merckx seine infernalischen Angriffe noch mehr. Nebeneinander fuhren sie über den Paß. Da ließ eine plötzliche Explosion von unglaublicher Wucht und Gewalt die Erde förmlich erzittern. Mit einem Schlag war es finstere Nacht geworden. Am Col di Mente wurde die Straße zu neinem Sturzbach, die Autos rutschten hilflos umher. Zu Beginn der Abfahrt fuhr Merckx noch völlig sorglos ab, bis das Wasser, das die Straße überschwemmte, zu einem reißenden Fluß geworden war. In der langen Abfahrt, die schon bei schönem Wetter nicht ganz ungefährlich ist, riskierte der "Kannibale" sein Leben. Ocana hatte jetzt den Nachteil des kürzeren Rades, da es viel schwieriger zu steuern war. Viele Rennfarer brüllten vor Angst, andere blieben stehen, schüttelten sich in Weinkrämpfen.´Es war nicht mehr möglich, zu bremsen, und viele versuchten es daher mit den Beinen am Asphalt, aber die Straße war mit Wasser und Schlamm völlig überflutet.

 

Am Ausgang einer Kurve rutschte Ocana weg und krachte gegen eine kleine Mauer. Zwei Zuschauer standen im Weg und gingen ebenfalls zu Boden. Seine Füße waren in den Clipsriemen gefangen, Luis konnte sich nicht bewegen. Während er versuchte, sich aufzurappeln, stürzten auch noch Zoetemelk auf ihn, gefolgt von Lopez-Carril und Agostinho. Merckx hatte inzwischen das Rennen Richtung Ziel in Luchon fortgesetzt. Es war 16.30 Uhr, als Ocana mit dem Hubschrauber in die Klinik nach Sainte-Gaudens geflogen wurde.

Am Tag danach wollte Merckx das Gelbe Trikot nicht anziehen und erklärte dazu: "Ich habe nicht das Recht, das anzuziehen, was mir nicht gehört." Einige Tage später, beim Start der Etappe Mont-de-Marsan - Bordeaux, besuchte er mit einigen Kollegen Ocana in dessen Haus, der bekannte: "Ich habe geglaubt, ich müsse sterben. Ich habe an meinen Vater gedacht, an meine Frau, an meine Kinder."

Bevor Merckx sich verabschiedete, sprach er Ocana Mut zu und sagte ihm, daß er überzeugt sei, er werde eines Tages sicherlich die Tour gewinnen. Es dauerte dann nur zwei Jahre, bis sich die Prophezeiung von Merckx erfüllen sollte.

 

Der letzte Reinneinsatz von Luis Ocana: zugetragen hatte sich alles im Oktober 1989 in Cene in der Provinz  Begamo bei einem Paarzeitfahren mit den Großen des Profiradsports vergangener Tage. Mit dabei waren unter anderen auch Saronni, Adorni, Baldini, Merckx, Visentini, Basso, Bitossi, Fuente, Zandegu, Dancelli und Baronchelli. Organisiert wurde der Bewerb von Gimondi und Zanoni, der seinerzeit Träger des Schwarzen Trikots des Letztplazierten im Giro d´Italia war. Es war eine Wohltätigkeitsveranstaltung, der Reinerlös der Veranstaltung ging an das Tumor-Institut in Mailand. Ocana hatte mit großer Freude seine Zustimmung gegeben und bildete mit Giuseppe Saronni in Paar, und schließlich gewannen die beiden den Bewerb auch.

 

 

 

 

JOSÈ-MARIA JIMENEZ (1971 - 2003)

IN DIE DUNKELHEIT

´"Angriff, nochmals Angriff, harter, kompromißloser Angriff. Wenn ich das nicht mache, habe ich das Gefühl, etwas versäumt zu haben, dann habe ich meine Zeit vertan. Ich kann mich völlig verausgaben, bin am Ende fast völlig zerstört, aber das ist immer noch sehr viel besser als die ganze Zeit einfach  nur im Peloton mitzufahren, danach ins Hotel zu gehen und das war´s dann. Wozu bin ich Radprofi, wenn ich das nicht mache?"

The late cyclist jose maria jimenez (1971-2003).: the late cyclist jose maria jimenez (1971-2003).

In einem Jahr, in dem sich Banestos Abhängigkeit von Miguel Indurain ins Unermeßliche steigerte, war José-Maria Jimenez eine freudige Überraschung für das Team.

Die Sponsoren wären wahrscheinlich am Ende der letzten Saison für klarere Verhältnisse im Team gewesen, als einige der älteren Fahrer das sinkende Schiff verließen, um zu ONCE und Euskadi zu wechseln, um dem Fahrer größeren Freiraum zu geben, der jeden Juli goldene Eier legt in Form von Gelben Trikots.

Auf der anderen Seite ist Jimenez, der seit seinem Profidebüt drei Jahre vorher beim von einer Bank gesponserten Team ist, ein Vertreter der jüngeren Generation - um  nicht zu sagen, einer der billigeren Fahrer - die José-Miguel Echevarri zu behalten beschlossen hat, zusammen mit dem jungen Franzosen Damien Nazon und dem Briten Jeremy Hunt.

Was hat er geleistet, um dieses Vertrauen zu erwecken? 1995 standen vor allem zwei Vorstellungen im Blickpunkt: zunächst ein Supersieg in der schwersten Etappe der Katalonien-Rundfahrt in der Bergankunft von Boi Taul vor solch renommierten internationalen Stars wie Jalabert und Chiappucci, dann eine bombenfeste solide Domestikenarbeit für Indurain und Olano in der Straßenweltmeisterschaft.

Seine Resultate 1994 hatten noch keinen Einfluß auf die internationale Szene, aber im Jahr darauf, als in allen spanischen Bars Sie-wissen-schon-wer über die Bildschirme flimmerte, erweckten seine Erfolge mehr Aufmerksamkeit, als sie tatsächlich bekamen. Siege in den Bergankünften bei der Tour von Cuenca, dem Urkiola-Bergrennen sowie der Manuel-Galera-Trophy - die mit einem 40-km-Anstieg in der Sierra Nevada endete - waren Ergebnisse, die man kaum übersehen konnte, nicht zu vergessen einen Supersieg in der Rioja-Rundfahrt gegen ein ONCE-Team, das eine Kopie war jener Mannschaft, die die Tour de France ´94 bestritten hatte. Nicht schlecht für einen Profi im erst zweiten Jahr, der es, ein Kletterer durch und durch, zunehmend schwerer hat, seinen Namen auf den Sportseiten zu finden, als ein Zeitfahrer oder Sprinter.

Wie nahezu jeder ambitionierte Kletterspezialist, so hat auch der schlaksige Fahrer aus dem kleinen Ort in der Sierra de Gredo westlich von Madrid - aus der gleichen Gegend kam auch der ausgewiesene Kletterer Angel Arroyo - höllische Angst vor dem Zeitfahren. "Die Zeitfahren sind mein großes Schreckgespenst, und das will ich noch auflösen", sagt er. In diesem Winter verbrachte er einige intensive Trainingseinheiten im El-Tiemblo-Velodrom in Avila. Sein Trainer José-Luis Pascua hat auch schon mit Pedro Delgado gearbeitet.

Jimenez (links) und Ullrich

"Ich habe schon einige Verbesserungen bemerkt, aber ich will  noch mehr an meiner Position auf dem Zeitfahrrad arbeiten. In diesem Jahr muß ich noch mehr dort oben sein, aber ich glaube nicht, daß ich schon in diesem Jahr meine Fähigkeiten voll ausschöpfen kann. An diesen Dingen muß man mit ganz kleinen Schritten kontinuierlich arbeiten."

Innerhalb des Banesto-Teams ist Jimenez der Fahrer, der während des Winters am wenigsten zugenommen hat - gerade mal 2 Kilo, dazu im Vergleich die 7 Kilo von Indurain. "In diesem Winter habe ich erstmals begonnen, mit Gewichten zu arbeiten, um zu versuchen, mehr Kraft aufzubauen und meine Muskeln zu entwickeln. Bis Ende Dezember hatte ich ungeführ 1.200 Kilometer in den Beinen. Wenn man bedenkt, daß mir die Hitze mehr liegt als die Kälte, sollte ich bis Ende Juni bereit sein."

"Chaba", wie er im Peloton genannt wird, meint: "Ich sollte heuer doch erstmals die Tour de France bestreiten." Sein 26. Platz im Giro d´Italia letztes Jahr war eine von Banestos besten Vorstellungen in einem Rennen, in dem sie sonst abgrundtief abstürzten, und dieses Resultat wird Echevarri möglicherweise noch im Kopf haben, wenn er im Juli die Starterliste für den Tour-Prolog in S´-Hertogenbosch zusammenstellt.

 

 

Banesto erwartet...

Abraham Olano hat die Erwartungen nicht ganz erfüllen können, die bei Banesto nach dem Rücktritt von Miguel Indurain in zahleiche Neuverpflichtungen gesetzt wurden. Bei Banesto möchte man jetzt, daß die jüngeren Versprechen für die Zukunft in die Bresche springen. Speziell drei Junge hat  man im Auge, die ins Feuer geworfen werden sollen.

Für heuer, 1997, liegt ein Flair von großer Erwartung über dem spanischen Profiradsport. Obwohl das ONCE-Team die besten internationalen Fahrer hat - mit Laurent Jalabert und Alex Zülle - hat der Rücktritt des fünffachen Tour-de-France-Siegers Miguel Indurain den Fokus eröffnet für die jüngere Generation, die bisher immer im Windschatten des großen Mannes gesegelt war. Grundsätzlich bedeutet das, daß die Fahrer, die bisher immer im Schatten Indurains gestanden waren, vor allem von Banestos langjährigem Sponsor mit großer Form inhd zumindest lokalen Resultaten erwartet werden - und das so schnell als möglich.,.

Trotz Indurains Rücktritt konnte der Sponsor Banesto unbezahlbare Publicity während der Tour de France feststellen, während das Team Banesto mehr damit beschäftigt war, Indurains Toursieg zu ermöglichen.  Was abseits der "Grande Boucole" passierte, war da nicht mehr so wichtig. Und obwohl der abgegangene Teamleader durch Spaniens zweitbesten Fahrer ersetzt wurde, Abraham Olano, beeilte sich dessen Manager bei der Team-Präsentation im Jänner in Madrid festzustellen, daß Olano kein Indurain sei. Und tatsächlich hat Banesto-Manager José-Miguel Echevarri festgehalten, daß er schon froh wäre, wenn Olano es aufs Tour-Podium schaffen würde. Eine neue Strategie war erforderlich.

Jan Ullrich vor Bjarne Riis und José-Maria Jimenez

Während Olano dieTour als Saisonziel hat, gab man anderen Schlüsselfiguren andere Ziele, primär mit der Absicht, den Einfluß von ONCE bei den vielen einwöchigen Rundfahrtern des spanischen Terminkalenders abzuschwächen. Die Idee ist, Fahrer zu fördern, die eine solche Rolle spielen können - wie etwa Julian Gorospe, der die Ruta del Sol und die Valencia-Tour ´93 gewann, oder Melchior Mauri, der sich ´94 die Murcia-Rundfahrt und die Kastilien & Leon-Trophy holte - aber Banesto auch ein besseres Profil in Spaniens größtem Rennen, der Vuelta, verschaffen können.

 

Obwohl es ein sehr großes Paar Schuhe ist, in das man die Jungen stecken will - es gibt gerade mal vier Männer mit je 5 Tour-de-France-Siegen - sind vor allem drei Fahrer prädestiniert für den Ruhm. Diese Hoffnungen von Banesto liegen auf José-Maria Jimenez, Angel Luis Casero und Santiago Blanco. Alle drei haben gute Anlagen und bereits eine ganze Anzahl von Siegen auf ihrer Erfolgsliste. Jimenez ist das größte Versprechen in den Bergen, Casero kann im Zeitfahren mit den Allerbesten mithalten, während Santi Blanco, gerade erst 22 geworden, das größte Allround-Versprechen ist.

Während Blanco noch die Zeit auf seiner Seite hat, müssen sich Jimenez und Casero mit dem Druck auseinandersetzen, in dieser Saison bereits etwas Großes zu zeigen.

Jimenez´ größter Erfolg bis heute war wohl der Geschmack, den er ´95 in den Bergen der Katalonien-Rundfahrt bei Claudio Chiappucci hinterließ. Von einem Journalisten als der "schwächste Zeitfahrer in Spanien" bezeichnet, errang der 26jährige letzte Saison, ´96, gerade mal einen Sieg, und den schaffte er beim "Subida a Urkiola", einem Eintagesrennen für Kletterer, obwohl er auch bei vielen anderen Wettkämpfen das Podium erreichte und auch den 12. Rang bei der Vuelta erkämpfte, einem Resultat, das von Indurains plötzlichem Ausstieg bei Halbzeit der Rundfahrt leider überschattet war. Neben Fernando Escartin von Kelme ist Jimnenez zweifellos der beste Kletterer Spaniens und deshalb muß er garantieren, in den Bergen der Tour und der Vuelta Olano unterstützen zu können. Gerade diese beiden Rennen aber waren es, die Escartin auf seiner Liste hatte, und deshalb wird es wohl zu einer Auseinandersaetzung Escartin - Jimenez kommen müssen.

 

Nur halbherzig dementiert Jimenez ein Gerücht, daß er bei der Tour letztes Jahr in der Etappe nach Super-Besse, wo Banesto zum ersten und letzten Mal in diesem Rennen attackierte, so schnell einen Anstieg hinaufflog, daß er dahinter alle seine Teamkollegen abhängte. Ob wahr oder nicht, das ist die Art von Kraft, die Indiurains ehemalige loyale Alliierten entfesseln müssen.

Interessant ist, daß Jimenez der Meinung ist, das Team sollte sich besser darauf konzentrieren, die Erfolge bei der Vuelta statt der Tour zu holen. "Die Tour ist wirklich sehr hart, aber nicht das Rennen, das ein spanisches Team unbedingt braucht. Die Vuelta hingegen ist jenes Rennen, das unserem Sponsor wirklich wichtig ist", erklärte er vor Saisonstart. Wenn der September kommt, wird dieser Kommentar wohl der Grund für einen neuerlichen Exploit sein oder aber ein Schwanengesang für ein Nichtvorhandensein desselben.

 

Aus dem Schatten treten...

José-Maria Jimenez hätte die Vuelta ´98 gewinnen können, wenn die Teamtaktik es erlaubt hätte. Mit dem Abgang von Abraham Olano zu ONCE ist "El Chaba" jetzt frei, um die Leaderrolle bei Banesto zu beanspruchen. Die Frage ist jetzt, ob er mit der Verantwortung umgehen kann,

Jimenez mit Pedro "Perico" Delgado (rechts)

Sehr lange schon hat sich Spanien als das Land der Kletterspezialisten definiert und dank dieser puren Kletterer hat es auch die meisten seiner Erfolge errungen, mit den bemerkenswerten Ausnahmen von Miguel Indurain - der ja kein eigentlicher Kletterer war - und Zeitfahrspezialist Abraham Olano. In diesem Jahr ist José-Maria Jimenez als Kletterer an die Spitze gekommen, mit dem nötigen Können, um sich neben seinen illustren Landsleuten zu behaupten.

Das Klettern kann in Spanien auf eine reichhaltige Tradtion in den letzten 40 Jahren zurückblicken, die Kletterer sind niemals wirklich ausgestorben, Wenn man nur die Podiumsplätze ansieht, ist die Erfolgsliste der spanischen Kletterer beeindruckend. 1959 war Federico Bahamanotes der erste Spanier, der die Tour de France gewnn, Seinen Sieg gründete er auf seine Überlegenheit in den Bergen, und er wurde ´63 noch einmal Zweiter und ´64 Dritter. Der "Adler von Toledo" gewann außerdem den Bergpreis nicht weniger als sechsmal. Julio Jimenez setzte diese Tradition fort, holte sich dreimal das Bergtrikot und beendete die Tour ´67 als Zweiter. Nachdem er´70 die Vuelta gewonnen hatte, gelang Luis Ocana ´73 auch ein Sieg in der Tour. Und während José-Manuel Fuentes bestes Ergebnis in der Tour ein dritter Rang ´73 hinter Ocana war, gewann er ´72 und ´74 in Madrid die Vuelta. Fuente beendete ´72 auch den Giro als Zweiter.

Angel Arroyo war ein weiterer sehr erfolgreicher Kletterer, der die Tour als Zweiter ´83 hinter Laurent Fignon beendete, ehe Pedro Delgado sie ´88 gewann und überdies ´87 Zweiter und ´89 Dritter war. Er sicherte sich in seiner Karriere auch zweimal den Vuelta-Sieg.

Und dann gab es noch eine große Anzahl anderer Spanier, die den ganz großen Sieg nicht schafften, aber in allen drei großen Rundfahrten präsent waren, und nahezu alle von ihnen waren ausgewiesene Kletterstars. Allein in den achtziger Jahren waren es Alvaro Pino, Vincente Belda, Pedro Torres, Faustino Ruperez, Pedro Munoz und Alberto Fernandez, die Podiumsplätze bei der Vuelta erreichten oder Etappen in der Tour gewannen, sobald sich die Straße himmelwärts schlängelte.

Jimenez vor Beloki

Auch abseits ihrer Erfolge waren sie berühmt, für ihre Instabilität, um es freundlich auszudrücken, oder für ihre Unverläßlichkeit, um es hart zu sagen. Diese Instabilität, gemischt mit ausnahmslos starkem Charakter, war für so manche explosive Vorstellung mit und ohne Rennrad verantwortlich. Eine Superfahrt in den Bergen an einem Tag konnte am nächsten Tag von einer furchtbaren Vorstellung in einem Zeitfahren gefolgt werden oder einer unergründlichen Jury-Entscheidung.

Zum Beispiel Delgados 2-Minuten-Verspätung beim Prolog zur Tour ´89, die ihn letztlich den Toursieg kostete, während Bahamontes´ Form in jeder Tour ganz wild schwanken konnte, was ganz darauf ankam, wie alles andere auch, wie er sich gerade fühlte. Falls es mal ein Zeitfahren gab, das er für zu lange empfand - so wie ´64 - dann verweigerte er einfach, seriös weiterzufahren, Und wegen seiner ständigen Streitereien mit den Vuelta-Organisatoren war sein bestes Resultat bei seiner Heim-Rundfahrt auch nur ein 2. Rang. Als Pedro Delgado seine Laufbahn beendete, war er stolz darauf, als unberechenbar zu gelten: "Wenn die Tour im TV war, konnten meine Freunde nicht einfach aufstehen und auf die Toilette gehen, weil sie nicht wußten, ob ich nicht vielleicht in der Zeit abgehängt werden würden... das war nicht so wie bei Indurain."

Wirklich. Aber, mit der Ausnahme von Delgado, der im allgemeinen ein kalkulierender Fahrer war, hatten sie alle nur einen Gedanken, wenn es in die Berge ging: "Angriff, und  nochmnals harter Angriff. Wenn ich das nicht mache, dann fühle ich mich, als hätte ich was versäumt, daß ich meine Zeit vergeudet hate. 'Ich kann mich völlig verausgaben, nahezu völlig zerstört ins Ziel kommen, aber das ist allemal viel besser als enfach nur im Peloton zu bleiben und danach ist Hotel zu gehen und das war´s dann. Was ist denn der Grund, weshalb ich ein Radprofi bin, wenn ich das nicht mache?"

Diese Worte könnten jedem der vorher erwähnten spanischen Helden zugeordnet werden, tatsächlich aber kamen sie aus dem Mund des neuen Helden, José-Maria Jimenez, vierfacher Etappensieger, Gesamtdritter, Bergpreissieger und vier Tage lang Träger des Goldtrikots in der Vuelta ´98. Wie auch immer, er war auch derjenige, der im ersten Zeitfahren der Tour de France 8 Minuten verloren hatte und auf einer Flachetappe ohne ersichtlichen Grund eine halbe Stunde hinter dem Tagessieger ins Ziel kam. Er stieg auch aus dem Rennen aus, noch ehe die spanischen Teams aufgaben.

Jimenez ist in der Verlegenheit, seine planlose Form erklären zu müssen: "Ich hatte keine Ahnung, was da mit mir passiert war. Mein Körper spielt mir immer wieder so unbekannte Streiche. Da bei war ich noch so wütend am ersten Tag in den Pyarenäen, weil das Feld so langsam gefahren ist." Die gleiche Unberechenbarkeit wie immer.

Und wenn auch Jimenez´ Erfolgsliste noch relativ kurz ist, so gibt es eine ganze Anzahl von Parallelen zwischen ihm und deren Kletterstars, die es vor ihm gegeben hat. Im kleinen Dörfchen El Barraco im fernen Kastilien geboren, hatte Jimenez kein leichtes Leben - so wie Bahamontes, der außer einer Zitrone und einer Banane an jenem ganzen Tag nichts gegessen hatte, an dem er sein erstes Rennen gewann, oder wie Delgado, der bekannte, als Zeitrechnung als Kind niemals in diese Restaurant gewesen zu sein.

Jimenez´ Eltern haben eine Bar in El Barraco, in der Wintersaison hilft er hier aus, serviert Drinks, Die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch, und seine Freundin lernt "wie halb Spanien" für eine Prüfung, um einen Job im öffentlichen Sektor zu bekommen.

Eines der ganz wenigen Dinge, die er mit sich nahm, als Jimenez die lange Reise nach Pamplona in den Norden antrat, um als Teenager in Banestos Amateurmannschaft aufgenommen zu werden, war sein Spitzname "El Chaba": "Es ist der traditionelle Kosename der gesamten Familie, mein Großvater trug ihn als ersten. Immer schon, seit ich klein war, habe ich ihn gemocht, und als ich dann ein Kind war, habe ich immer, wenn ich nach meinem Namen gefragt wurde, "El Chaba" gesagt, und nicht Jose-Maria.

Die grundlegenden Dinge, die ich in Banestos Amateur-Team lernte, waren, wie man als Radsportler zu leben hat, wie man die langen Zeiten aushält, in denen man von zuhause weg ist, und so weiter. Das alles ist anfangs nicht so leicht." Überraschenderweise versucht niemand, ihn zu einem Zeitfahrer zu machen - angesichts seiner Größe von 1,82 m und seines Gewichts von 70 kg - aber da bekennt Jimenez freimütig: "Rein physisch gesehen könnte ich sehr wohl ein ausgezeichneter Zeitfahrer sein, ich habe ja die Statur dafür, genetisch gesehen bin ich aber fürs Klettern gemacht, und ist nur mehr sehr schwer zu ändern."

Mit genetisch bedingt meint Jimenez, daß er von der Art Fahrer ist, die andauernd anzugreifen versuchen. Er sagt: "In den Anstiegen einen Vorsprung herauszufahren, das ist einer der größten Momente für einen Radrennfahrer, das ist etwas, wofür ich lebe. Da fürchte ich mich auch nicht vor einem Versagen. Wenn ich auch nicht gewinne, so sehen mir die Leute doch gerne zu, und ich glaube, wenn man etwas mit Leidenschaft macht, dann ist es etwas, das man machen muß - wenn ich weiß, daß mein Körper bereit dafür ist, dann ziehe ich mein Feuerwerk ab."

Gefragt, ob sein Stil am Rad irgendeine Ähnlichkeit mit seinem Privatleben hat, ist Jimenez ehrlich: "Ich glaube, wenn ich nicht am Rad sitze, bin ich noch undurchschaubarer. Ich habe immer schon gerne impulsiv gehandelt, nicht allzulange Halt machen, bevor ich mich entschließe, irgendetwas zu tun. Es ist ja allseits bekannt, daß ich mich sowohl schrecklich als auch brillant am Rad fühlen kann, alles am selben Tag. Wenn Sie meine Familie fragen, werden die Ihnen sagen, daß ich ein kleines Stück Desaster bin."

In seinem nunmehr siebenten Profijahr ist Jimenez immer schon für Banesto gefahren, die einen relativ entspannten Anspruch an ihre Fahrer haben - etwa verglichen mit dem von Manolo Saiz bei ONCE - und seinen radikal individualistischen Anspruch total entschärfen. 

Seine ersten beiden Jahre verbrachte er mit ruhiger, stetiger Entwicklung, aber ´94 - seinem dritten Profijahr - ließ er mit Siegen in der Rioja-Rundfahrt und einer Reihe von Eintagesrennen durchblicken, welchen Weg er eingeschlagen hatte. Der Sieg auch in der schwersten Etappe der Katalonbien-Rundfahrt im darauffolgenden Jahr, wobei er keinen Geringeren als Claudio Chiappucci bezwang, sowie sein 26. Platz im Giro d´Italia - sein erster Versuch in einer dreiwöchigen Rundfahrt - waren Indikatoren dafür, daß jetzt bessere Zeiten angebrochen waren.

SDein bestes Resultat ´96 -Rang 12 in seiner ersten Vuelta d´Espana - wurde überschattet vom Ausstieg seines Teamleaders Miguel Indurain aus dem Rennen und, wie später bekannt wurde, aus dem Profigeschäft überhaupt. Und gerade, als man bei Banesto glücklich über seine Entwicklung war und ihn einen weiteren 2-Jahres-Vertrag unterschreiben ließ, kam der 57. Platz in seiner ersten Tour de France, der wahrlich keinen Höhepunkt darstellte in der Teamgeschichte, zumal auch Indurain in den Kehren von Les Arcs und Lourdes-Hautacam schwer enttäuschte.

Das ist auch der Grund, weshalb diese Explosion in der Szene ´97 mit Verwunderung betrachtet wurde, speziell von denen, die ihn vorher kaum wahrgenommen hatten. Ein spektakulärer Sieg in der nationalen Landesmeisterschaft in Melilla, als er alleine auf einem sehr schweren, backofenheißen Rundkurs ausgerissen war, gab schon einen ersten Hinweis darauf,, daß er die Tour diesmal in Topform angehen würde. Und genauso sicher wurde Jimenez vom Banesto- Management gnadenlos dazu verdammt, seinen neuen Teamleader Abraham Olano durch die langen Kehren vom Port d´Envalira und Andorra-Arcalis zum vierten Gesamtrang in der Tour zu ziehen. Zu allem Überdruß wurde Jimenez selbst noch Achter, verlor 5 Minuten in der unfallreichen ersten Woche sowie insgesamt 13 Minuten in den Zeitfahrten.

Wo er aber wirklich bewundernden Eindruck hinterließ, war in der Vuelta. Nachdem Olano aufgegeben hatte, konnte Jimenez agieren, wie er wollte, im Zeitfahren in Cordoba verlor er 6 Minuten und klassierte sich nur an 120. Stelle, dann aber attackierte er wie ein Wildgewordener, wurde dreimal Tageszweiter. Das Bergtrikot flog förmlich auf seine Schultern, aber die Chancen auf einen Etappensieg wurden immer kleiner.

José-Maria Jimenez vor Roberto Heras

Zuletzt sah er in der 19. Etappe seine letzte Chance auf einen Tageserfolg, Jimenez errechnete die fehlende Distanz korrekt und stürmte an seinem Erzrivalen Roberto Heras von Kelme vorbei, um den Sieg in der Bergankunft am Alto de San Rafael einzusacken. Die pure Kraft seines Angriffs, seine Fähigkeit, unermüdlich in die Pedale zu steigen und am steilsten Stpück des Anstiegs seinen Gegnern davonzufahren, waren einfach atemberaubend. Nachdem er es so oft so sehr versucht hatte und so oft spektakulär den Sieg verpaßt hatte, wurde er durch diesen Etappensieg über Nacht zum Radsportheros. In seiner typischen Art hat Jimenez amPodium zur Siegesfeier ein Fußballdreß von Atletico Madrid getragen, seinem  Lieblingsteam.

"Die Vuelta ist das Rennen, bei dem ich meinen Durchbruch geschafft habe", bekannte er, ehe die diesjährige Vuelta startete. "Deswegen kennen mich die Leute, und ich verdanke der Vuelta auch sehr viel, deshalb sehe ich hier auch in dem, was ich tue, keine Grenzen. Aber wenn ich eine Etape gewinne und am Ende nahe dem Podium bin, dann bin ich schon zufrieden."

In der letzten Woche der Vuelta hat ihm seine Art, von vorne zu  fahren, normalerweise die letzten 2 bis 3 Kilometer am letzten Anstieg, weit mehr gebracht als bloß das. Er war in der Lage, Kelmes vehemente Attacken auf Olano auszunutzen, öfter als nur einmal. Und plötzlich war Jimenez ein potentieller Konkurrent seines Teamleaders Abraham Olano.

Die offizielle Tageszeitung der Vuelta, "Marca", meldete aus Teamkreisen, daß Jimenez sogar noch mehr Attacken auf Olano organisiert hätte, um zu sehen, ob er nicht endlich in den Bergen einbrechen würde. "Judas ist im Peloton", titelte eine baskische Zeitung.

Der letzte Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte, fiel für Olanos Ehefrau und Manager bei den Lagunas de Neila, den "Schwarzen Seen von Neila", als Jimenez just in dem Augenblick angriff, als Olano abgehängt war und Escartin und Jalabert die Spitze übernahmen. Und das alles für einen Gewinn von 10 Sekunden. Olano war alleine, ehe sein anderer Domestike am Berg, Manuel Beltran, an seine Seite zurückkehrte und ihn sicher ins Ziel führte. Olanos Frau hatte genug gesehen, um im Radio zu behaupten: "Ich mag das GelbeTrikot nicht alleine sehen, eine solche Selbstsucht kann alles verderben."

Oloanos Wechsel von Banesto zu ONCE ließ Jimenez das Kommando im  Team übernehmen, und das Verhältnis der beiden änderte sich von kalt auf arktisch. In den Kriterien nach der Vuelta verweigerte das Paar alle gemeinsamen Fotos, und Jimenez erklärte der Presse:  "In den beiden letzten Jahren habe ich ihm sehr viel öfter geholfen als er mir, und in sportlicher Hinsicht glaube ich nicht, daß ich neidisch auf ihn sein sollte."

Die Dinge hätten für Jimenez wohl kaum, wenngleich unabsichtlich, besser laufen können.  Er ist jetzt der alleinigeTeamleader einer Mannschaft voller Bergspezialisten wie etwa Miguel Angel Pena oder Manuel Beltran. Sie alle sind in der Lage, ihm den Rücken zu stärken. "Gerade jetzt würde ich meine Situation für nichts in der Welt ändern wollen", erklärte er offen. Kein Wunder, hat der 27jährige, zur Zeit zweifellos der populärste Radrennfahrer Spaniens, sich doch gerade erst entschlossen, seinen Vertrag mit Banesto bis 2001 zu verlängern.

Es ist keine Überraschung, daß jetzt erst der Himmel das Limit ist: "Und  im nächsten Jahr möchte ich dann sehen, was ich in der Tour und der Vuelta alles erreichen kann. Ich glaube nicht, daß ich gewinnen kann, aber abgesehen von Ullrich und Pantani, wer kann schon sagen, daß er gewinnen kann? Es gibt einige Fahrer, die das Podium noch nicht geschafft haben, aber dennoch fähig sind, zu gewinnen."

Aber natürlich weiß Jimenez, daß er sich international erst bewähren muß, möchte er der letzte in der langen Kette der spanischen Kletterer sein. Für viele ist nämlich immer noch Escartin die Nummer 1 der spanischen Kletterspezialisten, immerhin hat er drei Top-10-Plazierungen in der Tour und seinen 4. Gesamtrang heuer, ehe sein Kelme-Team sich aus der Tour zurückzog. Mit den drei bedeutendsten spanischen Etappenfahrern, die in drei verschiedenen Teams fahren - Olano bei ONCE, Escartin bei Kelme und Jimenez bei Banesto - wird 1999 wohl ein faszinierendes Jahr für den spanischen Radsport werden.

 Sculpture tribute to José María Jiménez (aka 'El Chava') by d.v.g.

Diese Statue ist dem Gedenken an José-Maria Jimenez gewidmet und stammt von seinem Bruder Juan Carlos Jimenez. Seit dem23.März 2007 steht sie an einem Kreisverkehr in Avila, Spanien.

The autor interviewed at the bottom of his sculpture by d.v.g.

Der ünstler Juan Carlos Jimenez wird zu Füßen seiner Statue interviewt, die er seinem toten Bruder gewidmet hat.

 

Vuelta ´98: Wieder da mit der Rache!

Nach 6 Jahren ausländischer Herrschaft haben die Spanier wieder in ihrer eigenen Rundfahrt das Zepter übernommen. Nur die Teampolitik teilte ihre Loyalität gegenüber den Fans

Es hätte kaum eine bessere Zeit für den spanischen Radsport geben können, in der das passieren hätte können. Ihre Mannschaften waren aus der Tour de France ausgestiegen und die Vuelta war unter Beschuß geraten, als es in die Pyrenäen ging, weil sie ihr Rennen partout nicht nach Frankreich rüberließen, deshalb brauchten die Spanier einfach eine gehörige Portion Nationalstolz, um der Welt zu zeigen, daß auch sie noch immer ihren Platz  in der Radsportgemeinde hatten.

Und sie fanden, was sie suchten, dank Abraham Olano, der endlich in den Bergen seine Beine wiederfand und in einer großen Rundfahrt endlich siegreich bleiben konnte. Aber die Tatsache, daß Fernando Escartin und sein Kelme-Team ihn den ganzen  langen Weg bis Madrid nicht zur Ruhe kommen ließen, machte dieses Rennen mindestens genauso aufregend wie Giro und Tour durch die Siege von Marco Pantani.

Das Rennen startete in Cordoba, wo bereits ein großer Teil des Starterfeldes es ablehnte, mit der spanischen Erwartung zusammenzuarbeiten, daß ihre Tour so gut sei wie die anderen dreiwöchigen Rundfahrten. Glücklicherweise waren die meisten jener Fahrer, die sich am Start so lustlos und ambitionslos präsentierten, Ausländer. An die 100 Fahrer gaben bereits auf der 1. Etappe quer durch die staubtrockene andalusische Sierra auf, und während Markus Zberg (Post Swiss) ganz leicht seine desorientierten Konkurrenten niedersprintete, war er einer von ganz wenigen Ausländern, die an kampfreicher Konkurrenz interessiert waren.

Andere wiederum zeigten Enthusiasmus, Festina eingeschlossen, nachdem sie nach den Vorkommnissen im Juli wieder zurück in einer großen Tour über drei Wochen waren, sowie Lance Armstrong, der zum ersten Mal seit seiner Krebsheilung in einer großen Tour am Start war. Aber es gab schon eine sehr lange Reihe von Fahrern, die 8 und mehr Minuten zurücklagen: der Brite Chris Boardman, Michael Boogerd und ein großer Teil der Mapei-Mannschaft. Bjarne Riis und Pavel Tonkov zogen sich selbst in letzter Minute aus dem Sumpf, während Frank Vandenbroucke wegen Zahnschmerzen nach der 1. Etappe bereits ausstieg. Da war es schon klar, daß die Einheimischen das Rennen machen würden, da es sonst niemand konnte.

Und so kam es auch. Olano war der erklärte Favorit des Rennens, aber er hatte vom ersten Tag weg einen sehr schweren Stand. Der Leader des ONCE-Teams, Laurent Jalabert, spielte sein Spiel der Sekunden, die er sich durch die täglichen Gutschriften holte, was ihm auch einen Tag in Gelb einbrachte, während Fernando Escartin - immer noch die Erinneurng an die Flachetappe nach Albacete´96 im Kopf, als er 20 Minutern verlor - wie eine Katze in jede Fluchtgruppe sprang, die sich formierte. Auf der anderen Seite wurde das Festina-Team, das nach dem Skandal in Frankreich wieder Fuß zu fassen versuchte, mit immer neuen skandalösen Bekenntnissen konfrontiert. Und eine lange Reihe meist ausländischer Fahrer formierte sich, als das Rennen durch Andalusien an Fahrt gewann und mit hohem Tempo in den Osten Spaniens jagte.

Der erste große Schnitt erfolgte auf der 9. Etappe zum  Alto de Xati, eine Etappe, die mit einer 4-km-"Mauer" mit Steigungen bis zu 25 %, gefolgt von einer superschnellen 3 km langen Abfahrt, endete. Hier war es, wo die ersten Risse im Banesto-Team sichtbar wurden, als José-Maria Jimenez seinen Teamleader resolut ignorierte und über den Anstieg ins Gelbe Trikot kletterte. Niemand konnte ihm folgen, Armstrong versuchte es zwar, scheiterte aber.

Das Zeitfahren auf Mallorca klärte die Dinge etwas, Olano kletterte zum ersten Mal seit drei Jahren ins Amarillo-Führungstrikot, und Escartin war zufrieden, weil er seinen Rückstand in Grenzen hielt. In der Gesamtwertung lag auch Jalabert noch ganz knapp hinter dem Basken, nur Zülle brach im starken Gegenwind schwer ein.

Aber irgendwie schafften es in den folgenden Etappen die Pyrenäen nicht, das Klassement abermals durcheinanderzuwirbeln. Zum einen war es deshalb, weil sich die Banesto-Fahrer als stärker herausstellten als je zuvor, teilweise war es auch, weil Kelmes Leader Escartin keinen anderen Kletterer fand, der Olano gleich am ersten superschweren Tag in den Bergen angegriffen hätte: niemand außer Jimenez war dazu in der Lage. Als er dann attackierte und sich am vorletzten Anstieg absetzte, ließ ihn Jimenez gnädigerweise über den Berg führen, verbiß sich den gesamten Anstieg rauf nach Arcalis in sein Hinterrad, ehe er am letzten Kilometer in Führung ging und seinen zweiten Etappensieg holte.

José-Maria Jimenez feiert im Goldtrikot der Vuelta

Dieses Szenario wiederholte sich in der zweiten Prenäenetappe, wo im Zielanstieg das Ziel aber vorverlegt wurde, weil die Straße sich in erbärmlich schlechtem Zustand befand. Nach einer weiteren Hochgeschwindigkeitsetappe konnte Escartin abermals nur einige wenige Sekunden von Olanos Führung abknabbern, während Jimenez seine dritte Etappe holte. Wie es schien, hatte Banesto das Rennen ganz gut unter Kontrolle.

Als es dann in die dritte Hochgebirgsetappe ging, die bei den Schwarzen Seen von Neila endete, schien es, als würde das Tandem Olano/Jimenez auseinanderbrechen. "Manchmal zerstört die Gier alles", schrie Olanos Ehefrau Karmele, als Jimenez abermals angriff. Der Leader des Rennens war nur einige Momente allein, dann war der Domestike in den  Bergen, Manuel Beltran, bei ihm, aber es war genug, um die Katze über die Taube zu stellen. Inzwischen waren Escartin und Jalabert dabei, Zeit zwischen sich und Olano zu legen, aber das Pech blieb dabei Escartin treu: sein stärkster Helfer in den Bergen, Marcos Serrano, hatte am Fuße des letzten Anstiegs Defekt und schaffte es nicht mehr, zu ihm aufzuschließen, was seine Chancen verschwinden ließ.

Und dennoch ging nicht alles im Sinne von Banesto: der Konflikt zwischen Jimenez und Olano teilte die Medien und die Fans des Landes in zwei Lager. Die beiden größten Radiostationen des Landes bauschten den Konflikt zu einem wahren Krieg auf, und sofort stieg die gesamte Presse ein, ergriff entweder für Olano oder für Jimenez Partei. Der letzte Showdown fand - in altbewährter Vuelta-Manier - in den Bergen rund um Madrid statt. Das war der Hintergrund für so manchen faulen Zauber schon gewesen, als zum Beispiel ´85 Robert Millar hier die Vuelta noch verlieren, Nationalidol Pedro Delgado davon aber profitieren sollte, dennoch schien sich niemand daran zu erinnern. All das schien vergessen, als Escartin und Zülle eine allerletzte Attacke auf Olanos Führung fuhren. Bei schlechtem Wetter sprangen die beiden am vorletzten Anstieg weg, etwa 40 km vor dem Ziel, zusammen mit Richard Virenque, José-Ramon Uriarte (Festina) und dem Arbeitstier von Kelme, José Luis Rubiera, der schon zuvor ausgerissen war. Jimenez, Santiago Blanco (Vitalicio Seguros) und Boogerd stießen noch dazu, aber - durchaus nicht überraschend - arbeiteten alle gut zusammen, einzig Jimenez verweigerte jede Führungsarbeit.

Sie holten 2 Minuten Vorsprung heraus, aber dann schaffte es Banesto nicht, die Verfolgung zu organisieren, und dann, als Banesto 4 Mann im Feld das Tempo machen ließ, schlug das Pech für Escartin neuerlich zu: Rubiera bekam mechanische Probleme und wurde abgehängt. Zu allem Überdruß fuhr José-Ramon Uriarte wie ein Verrückter für Zülle und ONCE war dahinter völlig von der Rolle. So kämpften vorne vier Mann gegen ein gutes Dutzend dahinter, Virenque war schon lange von der Bildfläche verschwunden, und dann brach auch noch Uriarte ein. Als die Fahrer den letzten Anstieg auf den Navacerrada erreichten, wurden sie wieder gestellt. Aber es war noch nicht die Rettung für Olano. Während die TV-Teams sich mit den Problemen herumschlugen, den letzten Anstieg im starken Nebel auf Film zu bannen, vermeldete Radio Tour, daß Escartin, unterstützt von Teamgefährte Roberto Heras, Armstrong, Jimenez und der großen Überraschung der diesjährigen Vuelta, dem Russen Andrej Zintchenko (Vitalicio Seguros), neuerlich angegriffen hatte.

Eine halbe Stunde später tauchten die schattenhaften Umrisse eines Fahrers am Fernsehbildschirm auf, der einen Arm in den Himmel reckte, als er unter dem Zielstransparent durchfuhr: es war Zintchenko, der sich seinen dritten Tagessieg holte. Die anderen vier kamen kurz dahinter, aber Olano konnte mit zusammengebissenen Zähnen einmal mehr die Führung verteidigen. Zwar holte sich Jimenez das Führungstrikot, aber Olano konnte den kleinen Rückstand im abschließenden Zeitfahren mehr als wettmachen und sich so die Führung zurückholen.

So war Olano 24 Stunden später wieder im Goldtrikot, diesmal war es gleichbedeutend mit dem Toursieg. Mit nur 6 Sekunden vor dem Vierten wurde Jimenez Dritter, schaffte damit einen Podiumsplatz, während Lance Armstrong einen allseits hoch geschätzten vierten Gesamtrang einfuhr. Escartin, unter Wert geschlagen und wie immer vom Pech verfolgt, wurde zum zweiten Mal hintereinander Zweiter.

Endstand in der Vuelta ´98: 1. Abraham Olano (Spanien, Banesto) 93:44:08, - 2. Fernando Escartin (Spanien, Kelme) -1:23, - 3. José-Maria Jimenez (Spanien, Banesto) -2:12, - 4. Lance Armstrong (USA, US-Postal Service) -2:18, - 5. Laurent Jalabert (Frankreich, ONCE) -2:37, - 6. Roberto Heras (Spanien, Kelme) -2:58, - 7. Igor Gonzalez de Galdeano (Spanien, Vitalicio Seguros) -5:51, - 8. Alex Zülle (Schweiz, ONCE) -6:05, - 9. Marco Serpellini (Italien, Brescialat) -8:58, - 10. Marco Serrano (Spanien, Kelme) -10:17

Bergpreis: 1. José-Maria Jimenez (Spanien, Banesto) 184, - 2. Laurent Jalabert (Frankreich, ONCE) 93, - 3. Fernando Escartin (Spanien, Kelme) 92

Punktewertung: 1. Fabrizio Guidi (Italien, Polti) 206, - 2. Laurent Jalabert (Frankreich, ONCE) 158, - 3. José-Maria Jimenez (Spanien, Banesto) 127

 

Vuelta ´98: Die Meisterprüfung

Jahrelang stand der ehemalige Weltmeister Abraham Olano im Schatten des großen Miguel Indurain. Bei der Vuelta konnte er seine Klass endlich beweisen - und seine Landsleute Fernando Escartin und José-Maria Jimenez auf den Plätzen 2 und 3 machten aus der Vuelta eine "fiesta espanola".

Am 27. September um 17.04 Uhr überfuhr der Spanier Abraham Olano die Ziellinie auf dem schnurgeraden Paseo de la Castellana in Madrid. Endlich. Über 2.203 km hatte der "Rey", der neuen König des spanischen Radsports, das "maillot amarillo" schon getragen - das Trikot des Führenden in der Gesamtwertung, wie die Spanier es nennen. Es waren lange Stunden der Freude, der Genugtuung, aber auch des Zitterns: nie durfte sich Olano in den vorangegangenen drei Wochen sicher fühlen, ständig wurde er von den nur wenige Sekunden hiner ihm liegenden Konkurrenten attackiert.

Doch Olano hat die Zermürbungstaktik seiner Gegner überstanden, nichts und niemand vermochte ihm letztlich den Sieg streitig zu machen: weder Mannschaftskollege José-Maria Jimenez mit seinen nicht immer erklärbaren Attacken, noch Fernando Escartin mit seinen explosiven Antritten; auch nicht Laurent Jalabert und seine mit unbewegter Miene vorgetragenen Temposteigerungen. Selbst auf der von Schnee und Regen bestimmten letzten Bergetappe vor den Toren Madrids vermochte niemand mehr den Mann aus dem Norden Spaniens vom Siegerpodest zu schubsen.

Die Art, wie Olano die Vuelta gewonnen hat, erinnert in Ansätzen an seinen großen Vorgänger. Wie Indurain besann sich auch Olano auf seine große Stärke im Zeitfahren und brachte dabei die entscheidenden Sekunden und Minuten zwischen sich und seine Verfolger. In den Bergen beschränkte er sich darauf, seinen Vorsprung zu verwalten und die Anstiege möglichst kraftrsparend in seinem eigenen Rhythmus zu bewältigen. Insofern übernahm  Olano das Trikot des Führenden planmäßig von José-Maria Jimenez am Ende der ersten Woche, nach dem Zeitfahren auf Mallorca. Jimenez hatte zwei Tage zuvor auf der ersten bergigen Etappe nach Xorret del Cati das begehrte Trikot erobert.

In den Pyrenäen-Etappen behielt Olano das Zepter in der Hand. Zwar versuchte Fernando Escartin im Aufstieg nach Andorra, die Festung seines Widersachers zu knacken. Doch Banesto zeigte sich als souveräne Equipe: sie schickte den jungen Helfer José-Maria Jimenez mit, derdem mittlerweile 31jährigen Kelme-Kapitän nicht von derSeite wich. Auf sich alleine gestellt, konnte Escartin den Vorsprung bis ins Ziel auf knapp über eine Minute ausbauen - dennoch ging er leer aus, den Etappensieg holte sich Jimenez. Dieses taktische Spielchen wiederholte sich in den kommenden Tagen: in den Schlußsteigungen versuchte Escartin mit Hilfe seiner Mannschaft, Olano in Schwierigkeiten zu bringen, doch Banesto-Mann Jimenez reagierte jedes Mal und schnappte die Siege weg, vier an der Zahl konnte er insgesamt erobern.

Die Ausgangslage vor der letzten Bergetappe im Norden Madrids war dennoch spannend: zweimal mußte der 1800 m hohe Navacerrada bezwungen werden - bei ausgesprochen schlechtem Wetter. Und tatsächlich geriet derSpitzenreiter bei Regen und Schnee erstmals ins Wanken. Alex Zülle führte den ersten Angriff, doch der Schweizer brach rund 6,5 km vor dem Ziel ein und verlor noch über 5 Minuten. Hinter dem überraschenden Etappensieger Zintchenko (RUS), der bereits den dritten Tagessieg feiern konnte, brachte wiederum das Duo Jimenez/Escartin den Leader Olano in Probleme - und dieses Mal saß der Hieb. Das Trikot des Führenden blieb zwar in den Reihen des Banesto-Teams - doch einen Tag vor dem abschließenden Zeitfahren steckte plötzlich Jimenez drin, der bei Banesto als kommender Mann gehandelt wird. Olano fiel sogar noch hinter Escartin auf Platz 3 der Gesamtwertung zurück.

José-Maria Jimenez am Angliru

Das wiederum rief die ehemalige Polizistin Karmele Olano auf den Plan, mittlerweile die Ehefrau und Managerin des Kapitäns: "Jimenez fährt gegen Abraham", ließ sie über den Radiosender "Cope" verlauten, beim abschließenden Mannschaftsessen nach der Vuelta würdigte die temperamentvolle Frau den 24jährigen Jimenez keines Blickes. An diesen Spannungen innerhalb des Teams änderte sich auch nichts, als Olano, der klar stärkere Zeitfahrer, einen Tag später im Kampf gegen die Uhr die Spitzenposition wieder zurückerobert hatte und den Sieg sicherstellte - übrigens den ersten Vuelta-Triumph eines Spaniers seit Melchior Mauri im Jahr 1991.

Bei Banesto gab es also nach dem Sieg berechtigten Grund zur Freude - es war ja auch der erste Rundfahrtsieg überhaupt nach 3 Jahren für das bekannteste spanische Team. Zwar ließ die Mannschaftsleitung mitteilen, daß es keine Meinungsverschiedenheiten zwischen Olano, Jimenez und dem Team gäbe, doch Olano unterschrieb das ihm unterbreitete Angebot zur Vertragsverlängerung nicht.

 

Endstand in der Vuelta d´Espana ´99

1. Jan Ullrich (BRD, Telekom) 89:52:03, - 2. Igor Gponzales de Galdeano (Spanien, Vitalicio Seguros) -4:15, - 3. Roberto Heras (Spanien, Kelme) -5:57, - 4. Pawel Tonkov (RUS, Mapei) -7:53, - 5. José-Maria Jimenez (Spanien, Banesto) -9:24, - 6. José-Luis Rubiera (Spanien, Kelme) -10:13, - 7. Manuel Beltran (Spanien, Banesto) -11:20,- 8. Leonardo Piepoli (Italien, Banesto) -13:13, - 9. Iwan Parra (Kolumbien, Vitalicio Seguros) -16:20, - 10. Santiago Blanco (Spanien, Vitalicio Seguros) -18:15

Bergpreis: 1. José-Maria Jimenez (Spanien, Banesto) 133, - 2. Frank Vandenbroucke (Belgien, Cofidis) 90, - 3. Roberto Heras (Spanien, Kelme) 89

 

Dando la Vuelta al mundo - Gebt der Vuelta die ganze Welt

Nach einer lächerlichen Tour de France ´98 möchten die Organisatoren der Vuelta ihre Rundfahrt im Jahr 2000 in New York starten lassen. Alles, was "Le Tour" kann, das kann "La Vuelta" noch besser. Während Tour-de-France-Direktor Jean-Marie Leblanc darüber nachdenkt, das französische Rennen im Jahr 2000 auf der westindischen Insel Guadeloupe zu starten, rechnet Vuelta-Organisator Enrique Franco alle Für und Wider eines Starts in New York auf, im selben Jahr.

Hein Verbruggens Traum der Mondialisierung des Radsports kann dadurch wieder einen Schritt näher der Wirklichkeit kommen. Ermutigt durch den erfolgreichen Start in Portugal im letzten Jahr blickt Franco jetzt ein wenig weiter nach Westen, bis zu den Vereinigten Staaten. Die Vuelta-Organisatoren glauben, daß dieser Plan realisierbar sei, wenn sie es schaffen, eine Charter von 6 Concordes bereitzustellen, um Fahrer, Material und Begleiter nach New York und zurück zu fliegen. Danach brauchen sie einen Ruhetag in Spanien, ehe dort die Rundfahrt mit der 4. Etappe fortgesetzt werden kann.

Das Rennen braucht ein Minimum von 3 Etappen in New York, die auf Rundkursen gefahren werden sollen, die vom New York Police Department ausgewählt werden, um das ganze Unternehmen weltweit verkaufen zu können. Wie sehr dieser Plan unterstützt wird, ist eine ganz andere Sache, bisher aber gilt er als seriös.

Franco hat bekannt, daß "L´Evenement" - die Gesellschaft, die die Tour de France heuer in Irland organisiert hat, die Tour ´94 in Großbritannien sowie die Malaysia-Tour in Langkawi - gemeint hat, wenn die Amerikaner die geforderten Standards in Infrastruktur und Transport innerhalb der nächsten beiden Monate garantieren können, dann haben sie das Rennen. Wenn nicht, gibt es in Spanien zwei Städte, die den Start organisieren möchten.

Das sind fremde, aber ganz sicher aufregende Zeiten für den spanischen Radsport. Aufgestachelt von den Leistungen der Hauptfiguren des diesjährigen Kampfes zwischen Fernando Escartin, Laurent Jalabert, José-Maria Jimenez und Abraham Olano in der Vuelta, haben die beiden größten Teams, Mapei und Banesto, für das nächste Jahr ambitionierte Projekte angekündigt, die definitiv den Giro miteinschließen werden.

Die Verpflichtung von Alex Zülle für mindestens zwei Jahre ist der radikalste Wechsel für das Banesto-Team, seit es 1980 als Reynolds-Team erstmals aufgetaucht ist. Zunächst waren im Team immer die größten lokalen Namen - zuerst Angel Arroyo, dann Pedro Delgado, Miguel Indurain und zuletzt Olano. Nun hat man plötzlich einen ausländischen Fahrer verpflichtet, wenngleich der zweifache Vuelta-Sieger und der einzige aktive Fahrer, der in allen drei großen Rundfahrten das Leadertrikot getragen hat, bis Mai ´99 keine Wettkämpfe bestreiten darf, da er noch nach dem Dopingskandal seine Sperre absitzen muß.

"Ich finde das schon sehr seltsam", analysierte Olano die blitzschnelle Unterschrift von Zülle, die in weniger als 24 Stunden unter Dach und Fach war. "Mit mir können sie sich nicht mehr einigen und holen statt dessen einen Fahrer, der mir sehr ähnlich ist." Und in säuerlicher Referenz an den Mann, den er beschuldigte, ihn bei der Vuelta betrogen zu haben, fügte Olano hinzu: "Das muß auch José-Maria Jimenez´ Pläne gewaltig durcheinandergebracht haben." In der Tat.

Die Dinge haben sich tatsächlich sehr viel schneller weiterentwickelt, als es Jimenez in diesem Herbst noch absehen konnte. Als er in die Vuelta gestartet war, wäre er mit einem Etappensieg und einem Gesamtrang so nahe am Podium wie möglich zufrieden gewesen. Dank seiner 4 Etappensiege und seines dritten Gesamtranges hat sich seine Position im spanischen Radsport zum vierten Mal innerhalb eines Monats gewandelt. Seit Mitte September hat er sich vom Edelhelfer in den Bergen von Olano über den Ko-Leader des Teams in der dritten Vuelta-Woche bis zum Solo-Leader gehievt, nachdem Olano seinen Wechsel bekanntgegeben hatte.

Nun kommt es heraus, daß Jimenez wieder bei seiner Rolle als Ko-Leader neben Zülle angelangt ist. Aber selbst das ist noch nicht sicher - es scheint viel wahrscheinlicher, daß Jimenez wieder nur als Helfer des Schweizers verwendet wird, da der sich als sehr viel sicherer Garant in den großen Länderrundfahrten bereits bewiesen hat.

Der Spanier findet sich jetzt wieder in einer ähnlichen Rolle, als noch Olano bei Banesto war. "Daß Zülle beim Team unterschrieben hat, ist das Beste, was mir passieren konnte", sagte Jimenez damals, als er die Neuigkeit vernahm, aber nur neine Woche vor Zülles Ankunft hat Jimenez allen versichert, daß er durchaus in der Lage sei, das Team alleine zu führen.

"Im nächsten Jahr wird er in der Tat nicht mehr zu übersehen sein", war Marco Pantanis Analyse von Jimenez nach der Vuelta. Nun, da seine Rolle wahrscheinlich die des Edelhelfers von Zülle in den Bergen sein wird, gibt es viel Raum für Zündstoff und Konflikte innerhalb der Mannschaft. Und vielleicht wird der Giro als Generalprobe angesehen.

 

 

Auf der Jagd nach Rosa

Kann sich Pantani auch ´99 gegen das gesamte Peloton durchsetzen? Kann er ein zweites Mal die Medien auf seine Seite ziehen und gewinnen? Oder werden Virenque, Jimenez und Camenzind dem "Piraten" in die Parade fahren? Es ist kein Wunder, daß die Italiener - und der Rest der Welt - vom Giro d´Italia fasziniert sind.

Nachdem die Fußballsaison der Serie A beinahe gänzlich vorüber ist, die Sonnenstrahlen die Mittelmeerländer erwärmen und man kurze Hosaen zu tragen beginnt, kann es nur Zeit sein für eines - den Giro d´Ítalia. Von der 1. Etappe in Sizilien am15. Mai bis zum Finale in Mailand am 6. Juni werden die Tifosi vom Giro-Fieber heimgesucht, werden mit glühenden Augen vor den Fernsehschirmen sitzen und sich über die "Gazzetta dello Sport" beugen.

In diesem Jahr werden sich viele Italiener die Kehlen für Marco Pantani heiser schreien. Nach seinem historischen Giro/Tour-Double im letzten Jahr ist der "Pirat" so populär geworden wie der Fußballer Roberto Baggio oder der alpine Skifahrer Alberto Tomba, er ist der absolute Favorit auf den Gewinn des legendären Rosa Trikots des Spitzenreiters.

Nach der Begutachtung der Streckenführung des Giro hat ihn Pantani sofort zu seinem Saisonziel erklärt. Die 5 Bergankünfte und zwei kurzen Zeitfahrten machen ihn zu einem idealen Rennen für seine Kletterfähigkeiten.

Die erklärten Favoriten, die Pantani ins Wanken bringen sollen, sind der Sieger von ´97, Ivan Gotti, sein neuer Polti-Teamgefährte Richard Virenque, die spanische Hoffnung José-Maria Jimenez, Weltmeister Oscar Camenzind und die ONCE-Neuerwerbung Peter Luttenberger.

Große Hoffnungen setzt man dabei auf die starken Kletterer José-Maria Jimenez und Leonardo Piepoli, beide von Banesto. Nach den Etappensiegen in den Bergen der letztjährigen Vuelta wird Jimenez als die spanische Version von Pantani gesehen.

Und Pantani selbst hat Jimenez als einen seiner gefährlichsten Konkurrenten bezeichnet, sobald er in den Bergen angreift. Und Jimenez wiederum bezeichnet Pantani als "den stärksten Kletterer der Welt", fügt aber hinzu, "ich denke, ich bin ein ganz guter Bergfahrer, aber ich glaube nicht, daß ihm irgendjemand Paroli bieten kann, sobald er zum Angriff übergeht. Ich möchte aber einen guten Giro fahren, die Strecke liegt mir auch, wir werden sehen, was passieren wird. Ich hoffe nur, ich kann mich in den Zeitfahrten steigern, denn da war ich noch nie wirklich gut. Vielleicht steigert man sich automatisch, wenn man in einer großen Rundfahrt um den Sieg mitfährt."

Inj den Bergen wird Jimenez auf Piepoli als Helfer zurückgreifen können. Der kleine Kalabrier wurde von Banesto speziell für den Giro verpflichtet. In den beiden letzten Jahren war er in unglückliche Stürze verwickelt, im Vorjahr belegte er aber den 16. Rang im Giro und den 14. in der Tour.

 

Jimenez wählte sich den Ventoux aus

José-Maria Jimenez (Banesto) hat sich selbst zum Favoriten für die Ventoux-Etappe der Tour de France 2000 erklärt und meinte, dafür würde er frohen Herzens auf jedes andere Ziel verzichten, das das Team vielleicht für ihn im Sinn hätte.

"Ich ziehe es vor, am Ventoux zu gewinnen, Gesamtdritter zu werden und das alles, ohne jemals am Fernsehschirm zu erscheinen", kommentierte er vor der Tour. Der charismatische spanische Kletterer, der kürzlich seinen 2-Jahres-Vertrag mit Banesto für einen Betrag von 270 Millionen Peseten erneute, ließ verlauten, daß erauf Etappensiege losgehe anstatt einen  der einen Platz im Gesamtklassement anzuvisieren. Seine fehle Konstanz erklärte Jimenez so: "Ich liebe den Sieg mehr als alles andere, und das heißt, daß man sich so sehr verausgabt, daß man manchmal eben völlig leer ist. Interessanterweise bin ich dann, wenn ich mich äußerst mies fühle, viel konstanter, weil ich dann auch nicht angreife."

Jimenez gesteht, daß er zwei Gründe hat, gerade vom Ventoux so besessen zu sein: "Zuerst deshalb, weil ich heuer bei der Dauphiné schwer eingebrochen bin, als ich gedacht habe, ich könnte gewinnen (er verlor 17 Minuten auf Etappensieger Tyler Hamilton), und daher hat das gesamte Team hart geschufet für mich bis zum Fuß des Anstieges.

Und zweitens, weil ich hier vor zwei Jahren schon einmal gewonnen habe, mir liegt dieser Anstieg. Deshalb bin ich heuer auch ganz raufgefahren, anstatt schon beim halben Anstieg abzusteigen."

Sein Sieg in der Katalonien-Rundfahrt gab ihm Selbstvertrauen: "Es war mein erster Sieg in einer großen Rundfart, und das bedeutet, daß ich in Form bin. Aber wenn meinTeam das hört, werden sie nervös. Sie wissen, es bedeutet, daß ich entweder gewinne oder frühzeitig nach Hause fahre."

 

 

Vorschau für 2002: ibanesto.com

Der 31jährige José-Maria Jimenez liegt zu Jahresbeginn 2002 an der 60. Stelle der UCI-Jahresrangliste, damit liegt von der eigenen Mannschaft nur Juan-Miguel Mercado vor ihm (28. Platz). Vor 12 Monaten blinzelte José-Maria Jimenez verlegen in die Sonne, denn der einzige Fahrer des Teams, der älter ist als er, Alex Zülle, ging zum Team Coast ab. Und damit mußte der wohl ruheloseste Fahrer des ganzen Feldes wieder mehr zeigen als bloß ein paar Blitze seiner Brillanz. Wenngleich der Saisonstart etwas durchwachsen war, war er dennoch dick da, als es erwartet wurde, er legte ein paar atemberaubende Fahrten in der Vuelta hin und gewann so drei Bergetappen. Er erreichte zwar nicht den Standard, den er ´98 vorgab - 4 Etappensiege und Gesamtdritter - aber es war genug, um all seinen Kritikern zu beweisen, daß er durchaus fähig war, die Verantwortung eines Teamleaders zu tragen, ohne dagegen aufzubegehren.

 

Vorschau Tour de France 2002 - José-Maria Jimenez zählt zu den Favoriten auf das rotgepunktete Bergtrikot

Sporadisch klettert er brillant, doch Jimenez´ etwas linkischer Stil straft seine Kletterfähigkeiten Lügen. An einem guten Tag kann es für den Spanier gar nicht steil genug sein - er schwingt sein Pinarello hin und her und verschwindet schnell hinterm Horizont. In Jimenez´ Stil sieht man pure Freude, und er hat auch erstklassige Leute an der Hand - Leonardo Piepoli und Unai Osa - die seine Freude mit ihm teilen, wenn alles gut läuft. Ohne den Druck, in der Gesamtwertung gut plaziert sein zu müssen, ist er durchaus fähig, in den Etappen, die ihm liegen, zuzuschlagen und seine mentale Energie für diese Etappen aufzuheben. Sein Patriotismus versetzt ihn in die Lage, mit den spanischen Fahrern fürs Gesamtklassement zumindest zeitweise Allianzen einzugehen, um Lance Armstrong unter Druck zu setzen.

Was ihn bremsen kann

Wie das kleine Mädchen mit dem lockigen Haar, wenn Jimenez einen schlechten Tag hat, dann ist es ein ganz schrecklicher. Wenn er die Erwartungen nicht gleich am Anfang enttäuscht, dann wird ihn sein Team zusammen mit den jungen Stars, wie etwa Juan-Miguel Mercado, fürs Gesamtklassement aufbauen. Für jemand so fragilen wie Jimenez kann das ein entsetzliches Ende nehmen, und seine Koffer packen und über die Pyrenäen zurück nach Hause zu fahren ist da nur die harmlosere Variante.

 

März 2003: Jimenez schwört feierliche Rückkehr

"Es ist unmöglich, daß ich nie mehr Rennen fahren werde", behauptete der spanische Radsportstar José-Maria Jimenez.

Der vierfache Etappensieger der Vuelta 2001, Sieger des Bergpreises und der Punktewertung, hat das gesamte Jahr 2002 damit verbracht, sich von seinen Depressionen zu erholen.

Dank der Unterstützung von ibanesto.com - das Team hatte versprochen, Jimenez wiederzu verpflichten, sollte er das ärztliche Okay erhalten - spricht Jimenez bereits über seine Chancen 2003.

"Ich wette um alles, was ihr wollt, daß ich heuer in der Tour de France eine Etappe gewinnen werde", meinte Jimenez überzeugend.

"Dennoch, ich bin schon heilfroh, überhaupt wieder Rennen bestreiten zu können", fügte der 32jährige hinzu, bis jetzt Spaniens populärster Fahrer.

"Nur rauszugehen und radzufahren, das allein ist das wert, was ich jetzt hinter mir habe."

Und obwohl in der Saison 2002 ibanesto.com einige beachtliche und respektable Resultate einfuhr, hat ihr früherer zeitweiliger Teamleader, José-Maria Jimenez, gar keine Wettkämpfe bestritten, weil er unter Depressionen litt. Jimenez brachte ibanesto.com einige ihrer schönsten Siege, und er möchte in diesem Jahr wieder in den Sattel steigen, nur leider scheint das nicht so schnell der Fall zu sein.

 

Spanien trauert um seinen verlorenen Sohn Jimenez - angesichts des tragischen Todes von José-Maria Jimenez fragen sich viele Beobachter, ob der moderne Radprofi nicht vielleicht doch wegen seines Ruhms zu viel riskiert

Tausende Fans säumten die Straßen von El Barraco, um dem spanischen Kletterer José-Maria Jimenez ihren Tribut zu erweisen, der im Dezember vermutlich an einem Herzinfarkt verstorben ist.

Der ehemalige Banesto-Fahrer, dessen explosive Kletterfähigkeiten nur von seiner spektakulären Unbeständigkeit übertroffen wurde, war erst 32 Jahre alt, als er in einer Klinik in Madrid verstarb, wo er gegen seine Depression behandelt wurde.

In der Vuelta 2001 gewann Jimenez in fünf Tagen 3 Etappen, aber 2002 bestritt er keine Rennen mehr und in der UCI-Weltrangliste rutschte er deshalb auch aus der Wertung und verlor seinen passablen 60. Rang.

Er wurde zu Beginn der Saison 2003 noch als Teammitglied von ibanesto.com geführt, war aber zu krank, um zu trainieren oder Rennen zu bestreiten und wurde deshalb auch aus seinem Kontrakt entlassen.

Unglücklicherweise haben sofort nach seinem plötzlichenTod einige Medienvertreter die Vermutung geäußert, daß verbotene Substanzen an seinem Tod schuldig gewesen sein könnten, noch bevor die Resultate der Autopsie veröffentlicht worden waren.

Wie auch immer, wenn ein junger, wenn auch schon zurückgetretener Sportler plötzlich verstirbt, ist diese Vermutung nicht von der Hand zu weisen. Vor allem dann, wenn einige Tage später die Polizei 5 Gramm eines weißen Pulvers in seinem Zimmer in der Klinik entdeckte, von dem man annahm, daß es sich um  Kokain handeln könnte, was sie dann auch anklagen würden, sprießten die Verdächtigungen.

Richtigerweise waren es die Tribute und Beileidskundgebungen seiner ehemaligen Berufskollegen, die die Nachrichten dominierten, die seinen Tod vermeldeten.

Wie auch immer, in einem Jahr, in dem schon Denis Zanette und Fabrice Salanson dem Tod zum Opfer gefallen waren, ist es eine bedenkliche Tatsache, daß jetzt schon ein dritter junger Mann nach einer Karriere im Berufsradsport verstorben ist.

 

Drei großartige Tage

1.) Vuelta d´Espana 1998, 20. Etappe, Alto de Navacerrada

Jimenez´ Teamkollege Abraham Olano führte die Gesamtweertung an, seine Führung war aber nicht abgesichert. Als Olano drei Tage vor dem Finale schwer zu kämpfen hatte, ging Jimenez eine Attacke von Roberto Heras und Alexandre Zintchenko mit, worauf nOlano mehr als eine Minute iund die Gesamtführung an Jimenez verlor. Es waren seine außergewöhnlichen Kletterfähigkeiten, die Jimenez mit 6 Sekunden vor Fernando Escartin ins Goldtrikot gehievt hatten. Am folgenden Tag konnte Olano jedoch im Zeitfahren seine Führung zurückholen und die Vuelta für sich entscheiden.

2.) Vuelta d´Espana 1999, 8. Etappe, Alto de Angliru

Die Vuelta-Organisatoren hatten den Angliru entdeckt, eine schrecklicher Anstieg mit Steigungen bis zu 23 %, es wurde eine höllische, epische Etappe. Wenn man schon nicht vom schlechten Wetter genervt wurde, die rutschigen Steilstücke, die kaum zu bewältigen waren, schafften das. Viele Übersetzungen erwiesen sich als viel zu hart, Reifen rutschten über die gesamte Straße. Pavel Tonkov lag in Führung, als Jimenez von hinten angriff, mehr als eine Minute herausfuhr und den Russen etwas mehr als einen Kilometer vor dem Ziel einholte. Jimenez gewann den Sprint.

3.) Tour de France 2000,16.Etappe, Bedrgankunft Courchevel

Als sich Marco Pantani, Lance Armstrong und der Rest die Kehren zur Skistation hinaufkämpften, sah Jimenez seine Chance und ergriff se. Der hole einen Vorsprung heraus und kämpfte sich ins Ziel. Einen Kilometer vor dem Ziel holte ihn Pantani ein und der prestigereiche Etappensieg rutschte Jimenez abermals aus den Fingern.

 

Trauer: Jimenez tot

Radprofi José-Maria Jimenez (Spanien) ist im Alter von 32 Jahren in Madrid an Herzversagen gestorben. Der dreifae Vuelta-Bergkönig hatte sich 2002 wegen psychischer Probleme vom Radsport zurückgezogen.

"Neue Steirerkrone" vom 9. Dezember 2003

 

José-Maria Jimenez: Früher Tod

Der spanische Radprofi José-Maria Jimenez ist tot. Er starb am 6. Dezember 2003 im Alter von nur 32 Jahren an Herzversagen. Der mehrfache Etappensieger und Bergpreisgewinner der Vuelta hatte sich zur Behandlung von Depressionen in einer psychiatrischen Klinik in Madrid aufgehalten. Jimenez war einer der beliebtesten Radprofis in Spanien. Er hatte sich 2002 wegen einer psychischen Erkrankung vom aktiven Sport zurückgezogen. Offenbar litt er schon länger unter Depressionen, Alkoholexzesse und Drogenprobleme waren bekanntgeworden. Die Trauer um "El Chaba", wie er von seinen Anhängern genannt wurde, ging weit über die Radsport-Szene hinaus, auch viele Politiker kondolierten seiner Familie. Der Bauernsohn aus Kastilien hatte seine Profikarriere bei Banesto begonnen.

 

José-Maria Jimenez: Der nächste, der tot umfiel

Wieder steht der Profiradsport vor einem Rätsel. Denn wieder einmal ist einer tot umgefallen. Und diesmal war es einer der großen Namen, José-Maria JImenez, 32jährigerSpanier, der zwischen 1998 und 2001 bei der Vuelta 9 Etappen und dreimal das Bergtrikot gewonnen hat. Im Vorjahr mußte Jimenez wegen schwerster Depressionen vom Rad steigen. Letztes Wochenende starb er in einer psychiatrischen Klinik in Madrid. An Herzversagen. Angeblich...

Und die Liste der mysteriösen Todesfälle wird immer länger. Zu Jahresbeginn hatte der Italiener Denis Zanette, 32, zweifacher Etappensieger des Giro d´Ítalia, in Pordenone während einer Zahnarztbehandlung einen Herzstillstand. Offizielle Todesursache: Herzinfarkt. Anfang Juni, am Tag vor Beginn der Deutsdchland-Tour, wurde der erst 23jährige Franzose Fabrice Salanson neben seinem Hotelbett tot aufgefunden. Doping soll bei beiden nicht im Spiel gewesen sein. Angeblich...

Andere hatten mehtr Glück. Wie etwa der Schweizer Mauro Gianetti, Vizeweltmeister in Lugano ´96, der Ende der neunziger Jahre während eines Rennens kollabierte. "Spätfolgen eines Sturzes", hieß es damals. Tatsächlich aber lag Gianetti mit einer Leberinfektion tagelang im Koma. Oder Johan Museeuw, der bei Paris-Roubaix mit gebrochener Kniescheibe ins Spital geflogen wurde, aber tagelang nicht operiert werden konnte - beide Nieren waren von Medikamenten angegriffen. Laut offiziellen Angaben handelte es sich aber weder bei Gianetti noch bei Museeuw um Doping-Spätfolgen, Angblich...

Bei José-Maria Jimenez muß erst eine Autopsie die genaue Todesursache klären. Er soll zuletzt massive Alkohol- und Kokainprobleme gehabt haben. Er soll allein im letzten halben Jahr 50 Kilo zugenommen haben, wog inzwischen 120 Kilo. Wegen Depressionen schloß er sich tagelang in seiner Wohnung ein.

Seit drei Wochen war "El Chaba", wie die Spanier eines ihrer größten Idole nannten, in der Klinik. Die medizinischen Werte seien wie zu seinen besten Zeiten gewesen. Mit Spätfolgen von jahrelangem EPO-Doping soll der mysteriöse Tod von José-Maria Jimenez jedenfalls nichts zu tun haben. Angeblich...

 

Fragezeichen und Rätsel um Jimenez´ Tod

José-Maria Jimeneze war einer der talentiertesten und aufregendsten Fahrer seit langer Zeit, aber er beendete seine Karriere, geplagt von Depressionen. Der spanische Kletterspezialist starb plötzlich, mit erst 32 Jahren. Wurde er von seinen eigenen Dämonen gequält, oder war es eine Geschichte des modernen Sports, wenn von einer fragilen Psyche zuviel erwartet wird?

Spätabends am 6. Dezember 2003 zeigte der vierfache Bergpreissieger der Vuelta d´Espana einer Gruppe von Mitpatienten in der Madrider San-Miguel-Klinik ein Fotoalbum mit einigen seiner größten Triumphe, die er auf dem Rennrad feierte. Wie sie alle rund um ihn, wurde auch Jimenez - bekannt als "El Chaba" (was soviel wie Großmaul oder Lästermaul bedeutet) bei den Legionen seiner Fans - hier gegen seine Depression behandelt. Aber etwas andeeres bedrückte ihn auch.

Jimenez war angehalten worden, wann immer er von seiner Depression geplagt wurde, nicht das Telefon zu benutzen, sich selbst von allen störenden Einflpüssen abzuschneiden. Aber das war nicht einer dieser schlimmen Tage. Er hatte mit seiner Azucena gesprochen, seit sieben Monaten seine Frau, nachdem sie beim Begräbnis ihres Onkels gewesen war. Er erzählte ihr, daß er sich nicht besonders gut fühle, Er hatte auch mit seinem Bruder Juan-Carlos gesprochen, dem er erzählt hatte, daß er unter starken Kopfschmerzen litt. Seiner Mutter Antonia hatte er gesagt, daß er Zahnschmerzen habe und sie riet ihm, eine Schmerztablette zu nehmen. Und sogar während er das Fotoalbum zeigte, ersuchte er seine Mitpatienten, den Fernseher im Gemeinschaftsraum abzuschalten, weil ihn der Lärm entsetzlich störte.

Um 22.30 Uhr an diesem Abend fiel Jimenez mit einem Herzanfall zu Boden. Alle Wiederbelebungsversuche scheiterten. Jimenez war erst 32 Jahre alt und immer noch der populärste Rennfahrer Spaniens, obwohl er schon seit mehr als 2 Jahren kein Rennen mehr bestritten hatte. "Mein Sohn starb, wie er gelebt hatte, beim Angriff und plötzlich", sagte seine Mutter Antonia Sastre.

"Auf diesen Anruf habe ich gewartet", sagte sein langjähriger Team-Manager bei Banesto und ibanesto.com, Eusebio Unzue, nachdem er von Jimenez´ Schicksal gehört hatte. "Sein Tod war unvermeidlich", sagte Unzue. "Er selbst hat diesen Weg gewählt." Aber wie konnte Unzue ein solch dunkles Schicksal für den allseits geliebten "El Chaba" vorhersehen?

José-Maria Jimenez´ Tod hat vielleicht nicht einen solch tiefen Schmerz hervorgerufen wie der seines guten Freundes Marco Pantani nur zwei Monate später, aber in Spanien war der plötzliche und endgültige Abgang von "El Chaba" für einige Tage auf den Titelseiten der Schlagzeilen. Die spanischen Sportfanswunderten sich, wie der brillanteste und beliebteste ihrer Radprofis ein solch tragisches Ende finden konnte. Jimenez´ Probleme mit seinen Depressionen waren zwar wohlbekannt, aber kaum verstanden.

In den Tagen nach Jimenez´  Tod beschrieb der Sportpsychologe Andres Lopez de la Llave in der spanischen Tageszeitung "El Mundo" den Druck, dem sich Athleten der absoluten Spitze oft ausgesetzt fühlen. "Sie haben einen Sinn dafür, den Mangel an Kontrolle über ihre eigene Performance wahrzunehmen. Die Ziele werden ihnen vorgegeben (Resultate, die nur schwer oder kaum zu erreichen sind), geringes Selbstvertrauen, soziale Erwartungen (von ihrem Team, ihrer Familie, ihren Fans und den Medien) sowie ein klares Ungleichgewicht in der Kosten-Nutzen-Rechnung (die Preisgelder tragen ihren Anstrengungen kaum bis gar nicht Rechnung). Jede Veränderung in ihren Bewußtsein sollte nicht als Zeichen der Schwäche oder Mangel an Professionalismus aufgefaßt werden - diese Art von emotionaler Erschöpfung kann sehr oft bei sehr namhaften Athleten beobachtet werden, die auf den ersten Blick von perfekter Natur sind und sich selbst viele große Fragen stellen."

Dieser Druck ist derselbe, dem auch die meisten von uns ausgesetzt sind, nur vielfach überbewertet wegen der hohen Erwartungen, die an die Athleten gestellt werden. Sportmediziner haben schon besorgt davor gewarnt, daß sie einen starken Anstieg dieser Art von depressiven Krankheiten vorhersagen, da die Berufssportarten stark zunehmendem Druck ausgesetzt sind.

Die Mannschaften, die Fans und die Medien können diesen immensen Druck vielleicht relativieren, indem sie auf die horrenden Gehälter verweisen, die den Athleten gezahlt werden, sowie auf den glamourösen Lebensstil, den se führen. Wie auch immer, nur sehr wenige von uns glauben aber, daß Geld Allheilmittel für alles Schlimme ist. Tatsächlich können schnelle Autos und schöne Frauen die Depressionen und Abhängigkeiten nur gut verstecken - teilweise auch vor denen, die darunter leiden. Jimenez´ rasanter Abstieg vom Bergköniug und dreifachen Etappensieger der Vuelta 2001 zum einsamen und problemgeschüttelten jungen Mann, der auf Antidepressiva angewiesen ist, entspricht dem von Lopez de la Llave entworfenen Bild nahezu perfekt.

Er wurde 1971 im kleinen Ort El Barraco geboren, ein paar Kilometer südlich der berühmten Stadtmauern von Avila. Jimenez´  Eltern führten eine Eisenhandlung im Ort. Später betrieben sie die "El Pescador"-Bar und -Restaurant, wo Jimenez als Teenager arbeitete, ehe sein enormes Talent am Rennrad in den Bergen rund um Avila sichtbar wurde.

Er wurde von Victor Sastre geführt, dem Vater des jetzigen CSC-Profis Carlos Sastre, der mit Jimenez´ Schwester Piedad verheiratet ist. Victor leitete damals die örtliche Radsportschule, die zu Ehren von El Barracos wohl berühmtestem Radsportsohn benannt wurde, Angel Arroyo, dem Gesamtzweiten der Tour de France 1983 hinter Laurent Fignon.

Sogar als Teenager schien Selbstachtung für El Chaba ein Problem zu sein. "Als ich 16 war und an die 100 Kilo wog, dachte ich, es gäbe keine Hilfe mehr für mich, und das hat auch jeder andere gedacht", sagte Jimenez später über seine Teenagerjahrer, ehe er fortfuhr, zu erklären, wie ihm der Radsport eine Perspektive verschaffte. "Als ich dann jedoch mein erstes Rennen geownnen hatte, da habe ich es ungemein geliebt, die Trophäe überreicht zu bekommen und von allen applaudiert zu werden."

Bald schon wurde er als der beste Kletterer bezeichnet, den dieser Landstrich je gesehen hatte, obwohl er überhaupt nicht dem Ideal des Kletterers  entsprach: er war 1,80 m groß und wog um die 70 Kilo, sogar voll austrainiert.

1993 unterzeichnete er einen Profivertrag bei Banesto, dem Stammklub seines ganz großen Idols,  Miguel Indurain. Als der fünffache Tour-de-France-Sieger Indurain am Ende der Saison ´96 seinen Rücktritt vom aktiven Sport bekanntgab, wurde Jimenez zu einer der Schlüsselfiguren im Team, zusammen mit dem neu hinzugekommenen Abraham Olano. Olano sollte "Big Mig"nachfolgen und mit seinen exzellenten Zeitfahrfähigkeiten in aussichtsreiche Ausgangspositionen gelangen. Jimenez war unberechenbar und modisch elegant, "ein Poet am Rennrad", wie er sich selbst beschrieb. Er fuhr mit Flair und gewann, besonders, nachdem er mit seinem pompösen, überladenen Stil sehr schnell Spaniens populärster Rennfarer geworden war.

Aber während er mit seinem gewaltigen Flair Rennen bestritt, lebte er das schnelle Leben auf der Überholspur. Er gab zu, gerne Drinks zu konsumierenm, zu Parties zu gehen, leugnete aber hartnäckig alle Gerüchte über Kokainabhängigkeit. Aber selbst jene Personen, die ihm am nächsten standen, gaben zu, daß Jimenez sich mit den falschen eingelassen hatte.

"Er war sehr großzügig und das freute ihn auch, aber einige Leute sahen darin ihren Vorteil",sagte sein enger Freund und ehemaliger BanestoTeamkollege Santi Blanco. Und sein früherer Coach Sastre bekräftigte das alles: "Er ist ein Mann, der alles hätte gewinnen können. Aber sein Problem war, daß er jedem schöne Augen gemacht und Honig ums Maul geschmniuert hat. Und er hat sich auch immer viel zu sehr mit all den Mädchern abgegeben."

Aber Jimenez´ launische Natur machte für sein Team alles nur noch komplizierter. Nachdem er mit dem unerschüttlichen Fokus eines Pedro Delgado, Indurain und dann Olano geliebäugelt hatte, scheiterte er an einer schwierigen Herausforderung. "Mit ihm gibt es nur alles oder nichts", sagte Unzue an einem bestimmten Punkt seiner Karriere. "Er kann einfach nicht auf beständigem Niveau fahren. Zum Beispiel kann er seine Konzentration nicht während der gesamten Vuelta aufrehterhalten. Er ist völlig unvorhersehbar. Er kann drei Tage lang hintereinander gewinnen und dann am nächsten Tag eine katastrohale Niederlage einstecken. Psychologisch gesehen kann er das Tempo nicht halten, und aus diesem Grund ist er auch ein cazaetapas geworden, ein Etappenjäger."

Manchmal schien es, als würde Jimenez die Verantwortung akzeptieren, die ihm sein Team ständig zu übertragen versuchte, aber dann schien er sie förmlich wieder zurückzuschleudern. Man erinnere sich an seine Vorstellung in der Vuelta ´98, als er dafür vorgesehen war, die Chancen von Olano aufrechtzuerhalten, dann aber sein ganz eigenes Rennen fuhr. Als sich das Banesto-Team in "Chavistas" und "Olanistas" teilte, holte sich Jimenez vier Etappensiege und vergab erst im abschließenden Zeitfahren den Gesamtsieg. Sein Team-Management mag am Ende der Geduld angelangt gewesen sein, die Fans aber liebten "El Chaba" für seine eigenbrötlerische Haltung, die davon abzuhängen schien, mit welchem Gefühl er frühmorgens aufwachte.

Ab 2000, als jetzt Olano zu ONCE gewechselt war und jüngere Fahrer zu Banesto gekomnmen waren, nahm der Druck auf Jimenez wieder zu. Aber nachdem er die Tour de France bravourös absolviert hatte, wo er hinter dem überragenden Pantani knapper Zweiter in Courchevel gewesen warm, gab es Anzeichen, daß Jimenez gegen dieselben depressiven Tiefen zu kämpfen begonnen hatte, von denen er erzählte, daß sie auch andere Mitglieder seiner Familie befallen hätten. In jenem Jahr gab er die Vuelta nach der ersten Woche auf. "Wenn man den Zustand bedenkt, in dem ich war, als die Rundfahrt startete, ich brachte mich doch selbst kaum aus dem Bett, und schon die Frage, ob ich starten wolle, war mir zu viel, daß ich es dann doch getan habem, war nur für meine Teamkollegen", erzählte er den Reportern nach seiner Aufgabe noch vor den Pyrenäen.

Es waren die klassischen Anzeichen von Depression, die sich bemerkbar machten. "Traurigkeit und Apathie sind zwei ganz typische Charakteristika dieser Krankheit", sagt die namhafte spanische Sportpsychologin Cristina Sagredo. "Nehmen Sie das Beispiel eines Sportlersw, der bislang in seinem Team eine tragende Rolle im Hintergrund gespielt hat und dann für sehr viel mehr Geld als Leader verpflichtet wird. Dieser Sportler kann diese nue Situation als drückend empfinden, weil die stark gesteigerte Verantwortung sich während des Wettkampfes derart manifestieren kann, daß er unfähig ist, in geraden Linien zu denken oder gar unfähig wird, sich zu bewegen... all das kann in eine situation münden, wo er nicht mal mehr seine Wohnung verlassen will, um so zu vemeiden, allen erklären zu müssen, was vorgehe, und er mag vielleicht sogar daran denken, seinen Sport überhaupt zu beenden."

In der folgenden Saison ist Jimenez vor der Tour de France 2001, seinem ersten erklärten Saisonziel, kaum Rennenm gefahren, dann wurde er vom ibanesto.com-Team im letzten Moment auch noch aus der Mannschaft genommen, weil ihm die Fitneß fehlte. Noch einmal drehte er die Dinge wieder herum, einige Monate später bei  der Vuelta, als er drei Etappen gewann, sich seinen vierten Bergtitel holte, einige bemerkenswerte Rückblicke und Repliken sowie einen noch höher dotierten Vertrag bei seinem Team. Alle diese Faktoren zusammen, so bekannte er später, waren verantwortlich dafür, daß er in diesen depressiven Zusatand verfiel, der seine Rennsportkarriuere viel zu früh bedendete.

Die emotionale Erschöpfung, wie sie Lopez de la Llave beschrieb, befiel Jimnenez ganz massiv nach dem traditionellen Jänner-Trainingscamp von ibanesto.com in der frühen Saisonhälfte 2002. Nach einer siebenstündigen Trainingsfahrt rund um seinen Heimatort El Barraco kehrte er völlig teilnahmslos nach Hause zurück. Aus einer Laune heraus rief er Unzue an und erklärte seinem Boss: "Ich möchte keine Rennen mehr fahren, Ich höre auf." Unzue riet ihm, sich ein paar Tage auszuruhen und noch mnal alles zu überdenken, was er gesagt hatte.


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